Meine Blog-Statistik offenbarte mir heute einen neuen Link hierher, der sich im Laufe des Tages zu diesem Beitrag entwickelt hat.
Hier die Vorgeschichte:
Im öffentlich zugänglichen Teil des Forums von butch-femme.de kündigte Sabine Fuchs am Rande eines anderen Themas eine zukünftige Veröffentlichung an. Ihr Text soll den Titel “Trans*liebchen geht in die Genderfalle. Femmes als Partnerinnen von Transmännern” tragen und im Frühjahr 2012 in fiber. werkstoff für feminismus und popkultur, fiber #20: ‘Superheld_innen’ erscheinen. (Ich bin ja sehr gespannt!)
Daraufhin fragte im Forum jemand nach, ob sich der Titel ihres Textes auf den Beitrag “Transliebchen at Work” von Andrea Rick (von 2008) bezieht, nach dem auch dieser Blog benannt ist. In der Antwort auf diese Frage wird der Transliebchen-Blog dann namentlich erwähnt und im weiteren Verlauf des Gesprächs auch verlinkt (weshalb ich überhaupt so schnell auf die ganze Geschichte gestoßen bin).
Ich zitiere diese Antwort mal relativ ausführlich, weil mich der bissig-zynische Tonfall doch ziemlich überrascht hat:
Der Trans*liebchen-Blog wird ja vermutlich auch von dieser Andrea Rick betrieben. Und wenn nicht, dann würde ich an Eurer Stelle mal rechtlich abklären, ob das so angehen kann. Wäre ja ne Frechheit, dass solche Begriffe auch von anderen benutzt werden. Wo kommen wir denn da hin?
Und gab’s da nicht auch einen Trans*Liebchen-Workshop auf der letzten Trans*Tagung in Berlin?
Stand zwar auch nicht Andrea Rick drauf, aber dann waren die WS-Leiterinnen wahrscheinlich von ihr eingesetzte Rick-Terminologie-Vollzugs-Assistentinnen. Und ich Naivchen habe ganz einfach nur teilgenommen und, blauäugig wie ich bin, nicht daran gedacht nach deren gültiger Verwendungslizenz zu fragen. Ansonsten gehörten diese verantwortungslosen Anlehnerinnen aber dringend zur Rede gestellt. Vielleicht sollte man da strengere Kontrollen durchführen.
Wieso heißt es eigentlich nicht schon längst Trans*liebchen(TM)? Besser Ihr meldet schnell ein Patent an, sonst kommt vielleicht schon morgen die nächste daher und macht illegitime “Anlehnungen”.
Im weiteren Verlauf der Diskussion erfahren wir dann von einer anderen Person noch folgendes:
Was Du allerdings vergessen hast, ist das Femme-Treffen in HH, welches ebenfalls den Namen hatte. Sowohl der Workshop, als auch das Treffen wurden von einer Femme organisiert, die nachgefragt hat, ob es ok ist, diesen Namen zu verwenden.
Tja, und jetzt war ich natürlich neugierig und konnte es nicht lassen, selbst ein wenig zu recherchieren. Wenn man den Ergebnissen meiner Suchmaschinenbetätigung glauben darf, gibt es (zumindest im Internet) keinen Beleg dafür, dass der Begriff “Transliebchen” vor der Veröffentlichung des Textes von Andrea Rick verwendet wurde. Ich persönlich habe ihn übrigens vorher auch nie gehört, fand ihn aber (offensichtlich) so treffend, dass ich gleich meinen Blog danach benannt habe.
Belege für den “Transliebchen”-Workshop auf der 14. Berliner Trans*Tagung 2010 (runterscrollen bis Nr. 24; hier gibt es auch ein Doku-PDF) und eine Gruppe für Partner*innen von Trans*leuten in Hamburg (runterscrollen bis Hamburg; hier der direkte Link zum Ankündigungs-PDF) habe ich ebenfalls problemlos gefunden.
Damit war meine Neugier aber noch nicht befriedigt, so dass ich kurzerhand Andrea Rick selbst nach ihrer Sichtweise befragt habe (sie hatte praktischerweise im Lesbischen Auge eine Kontakt-E-Mail angegeben). Netterweise hat sie sich Zeit genommen, sich den fraglichen Thread anzuschauen und mir ein paar Fragen für diesen Beitrag zu beantworten. Hier also mein “Interview” mit ihr:
Trans*liebchen: Hast du den Begriff “Transliebchen” erfunden?
Andrea: Ich glaube tatsächlich, diejenige zu sein, die diesen Begriff “erfunden” hat, einfach, weil ich mich nicht daran erinnern kann, ihn vorher schonmal woanders gehört oder gelesen zu haben. Wenn sich aber irgendwann herausstellen sollte, dass doch jemand anders vor mir auf die Idee gekommen ist, freue ich mich über einen Hinweis und reiche das “Erfinder_innen-Krönchen” gerne weiter. ;-)
T*L: Wie kamst du auf den Begriff “Transliebchen”?
AR: Ich habe mehrere Jahre nach einem deutschen Begriff gesucht, der das/mein Begehren für und In-Beziehung-Sein mit Transleuten ausdrückt. Im Englischen gibt es schon länger Ausdrücke wie “tranny chaser” oder “tranny lover” oder auch das von Sonya Bolus erfundene “transsensual”, letzteres meist als Adjektiv vor Femme. Aber im deutschsprachigen Raum funktionieren die nur sehr bedingt (abgesehen davon, dass “tranny chaser” auch sehr negativ gemeint sein kann und die Verwendung von “tranny” insgesamt umstritten ist).
“Partner_in von Trans-Menschen” oder verkürzt “Trans-Partner_in” waren für mich erste Begriffe, die einigermaßen kurz und knapp das ausdrückten, was ich sagen wollte. Irgendwann 2007 kam ich dann irgendwie auf “Transliebchen” und benannte kurz danach meinen Text fürs Lesbische Auge danach (der 2008 veröffentlicht wurde).
T*L: Findest du es eine “Frechheit”, wenn andere Leute den Begriff “Transliebchen” benutzen?
AR: Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil, ich freue mich, dass andere Menschen mit dem Begriff etwas anfangen können und ihn für sich nutzen möchten. Ich werde ja kaum die einzige gewesen sein, die hier eine Benennungslücke hatte. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinen Assoziationen finde ich sinnvoll und wünschenswert, denn auch ich finde ihn nicht in allen Situationen die beste Bezeichnung für “Leute wie uns”.
Mir persönlich ist das politische Element von “Credits geben” allerdings sehr wichtig, also andere Leute für das zu würdigen, was sie zu XYZ beigetragen haben. Klar kann man mal vergessen, wo genau man etwas zuerst gelesen hat oder aus welchem Privatgespräch genau nun eine Idee stammte, vor allem, wenn es sich um Konzepte/Begriffe handelt, die schon eine ganze Weile in einer Subkultur/Szene herumschwirren. Ich persönlich wäre aber froh, wenn mich dann jemand daran erinnert, weil ich mich ungern mit fremden Federn schmücke und herzlich gerne andere Menschen für ihre Ideen und ihre Aktivitäten öffentlich würdige. Deshalb stehe ich auch etwas befremdet vor den sehr polemischen Formulierungen, die in der Antwort von S.F. vorkommen. Sooo abstrus finde ich die Nachfrage nach einer Inspirationsquelle jetzt nämlich nicht…
Mir ist es also bei solch “offiziellen” Veröffentlichungen, wie sie in dem Thread angekündigt wurden, durchaus wichtig, als “Erfinderin” des Begriffs genannt zu werden. Jenseits des bereits Gesagten gehört das für mich einfach zum korrekten Zitieren, wie ich es als Wissenschaftlerin gelernt habe und wie ich es von anderen akademisch gebildeten Menschen auch erwarte.
Nach der gleichen Logik finde ich es übrigens sehr angenehm (und durchaus angemessen), dass mein Text in deinem Blog als Quelle für den Begriff “Transliebchen” genannt wird. Sonst hätte ich mich aber vielleicht auch eh schonmal bei dir gemeldet und nachgefragt, wie du darauf gekommen bist… ;-)
T*L: Siehst du eine Notwendigkeit für “Terminologie-Vollzugs-Assistentinnen”, “Verwendungslizenzen” oder ein Transliebchen-”Patent”? In anderen Worten: Möchtest du kontrollieren, wer den Begriff “Transliebchen” benutzt?
AR: Auch hier: Nein, natürlich nicht. Schließlich ist “Transliebchen” keine Marke, unter der ich irgendwas verkaufen will und deren “Image” ich daher streng kontrollieren muss. Mal abgesehen davon, dass das bei Identitätsbegriffen sowieso noch nie funktioniert hat (siehe “feminine Lesben/Bi-Frauen”, die sich “Femme” nennen und dabei die gesamte kulturelle, politische und erotische Femme-Historie geflissentlich ignorieren…). Aus reiner Neugier erfahre ich aber natürlich trotzdem gerne, wer den Begriff für eine Veranstaltung, einen Text oder sonstwas verwendet – könnte mich ja schließlich auch interessieren! ;-)
Die Organisatorin der Hamburger Transliebchen-Gruppe und die eine Veranstalterin des Transliebchen-Workshops auf der Transtagung hat aber tatsächlich bei mir nachgefragt, ob sie diesen Begriff für ihre Veranstaltungen verwenden darf. Wir kennen uns aber auch privat, von daher fand ich das durchaus naheliegend. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, hier die Nutzung zu “verbieten” (abgesehen davon, dass ich dazu eh keine reale Macht gehabt hätte – siehe oben).
Da Sabine und ich uns zwar ebenfalls im echten Leben kennen, aber nicht wirklich gut, hätte ich jetzt nicht erwartet, dass sie mich fragt, ob sie ihren Text so nennen “darf”. Ich würde aber von ihr als Wissenschaftlerin und engagierter Verfechterin von Femme-Solidarität erwarten, dass sie meinen Text als Quelle für den Begriff angibt. Ob sie das tut/getan hat, können wir dann ja alle im kommenden Frühjahr in der fiber nachlesen. Ich persönlich bin da ja ganz zuversichtlich. :-)
T*L: Vielen Dank für die Antworten!
AR: Gern geschehen! Und vielen Dank für die Gelegenheit zur entspannten Stellungnahme außerhalb der Aufregung des b-f.de-Forums.