Diskriminierung ist nur Diskriminierung, wenn sie spezifisch ist?!

Nachdem ich auf Anregung eine*r Leser*in eine Beschwerde über ein trans*feindliches Werbeplakat an den Deutschen Werberat gesandt hatte, kam heute die Antwort zurück.

In Kürze: Der Werberat ist der Meinung, dass Diskriminierung klar und speziell auf eine bestimmte Menschengruppe Bezug nehmen muss, um “wirklich” diskriminierend zu sein. Aber lest selbst:

Der Deutsche Werberat, die selbstdisziplinäre Einrichtung der Werbewirtschaft in Deutschland, beanstandet eine werbliche Maßnahme dann, wenn sie gegen seine Verlautbarungen und die darin zum Ausdruck kommenden herrschenden gesellschaftlichen Grundüberzeugungen verstößt. Dies ist unter anderem dann der Fall, wenn eine Werbung einen diskriminierenden Inhalt aufweist.

Nach Überprüfung der von Ihnen kritisierten Werbemaßnahme sehen wir keinen Anlass für eine Beanstandung. Sicherlich ist die Rezeption von Werbung – wie übrigens auch jeder anderen Meinungsäußerung – vom Betrachter abhängig. Dabei geht der Werberat, wie auch die höchstrichterliche Rechtsprechung, vom informierten Durchschnittsverbraucher aus. Dieser wird in dem Plakatmotiv jedoch keine Herabwürdigung transsexueller Menschen erkennen. Das Motiv enthält keine klare Bezugnahme auf transsexuelle Menschen, vielmehr bezieht sich die Werbeaussage „Wenn Sie jeden Bluff durchschauen.“ bei verständiger Würdigung lediglich auf den abgebildeten Mann in Frauenkleidung. Nicht jede Person mit männlichem Geburtsgeschlecht in weiblicher Frauenkleidung ist zwingend ein transidentischer Mensch, vielmehr kann es sich hierbei auch schlicht um die Abbildung eines – anlässlich eines bestimmten Ereignisses wie z.B. Fasching bzw. Karneval, Travestie-verkleideten Mannes handeln. Anhaltspunkte für eine speziell auf transsexuelle Menschen zielende abwertende Aussage sind vorliegend nicht erkennbar.

Ich gebe zu, ich bin nicht überrascht. Die Problematik der mehrfachen Lesarten war mir bereits beim Schreiben der Beschwerde durchaus bewusst, weshalb ich dort den Begriff “transidentisch” verwendet habe (und das erschien mir schon eine grenzwertige Verkürzung zum Zwecke einer halbwegs knappen Erläuterung). Das dann wiederum auf ein “transsexuell” zu reduzieren ist die abermals verkürzende Lesart des Werberates.

Besonders reizend finde ich an dieser Stelle ja den Hinweis, dass nicht “jede Person mit männlichem Geburtsgeschlecht in weiblicher Frauenkleidung [...] zwingend ein transidentischer Mensch [ist]“. Wie gut, dass der Werberat in seinen Antworten solch nützliche Belehrungen einbaut. Woher sonst hätte ich das wissen sollen?!

Aber vermutlich liegt das bloß daran, dass meine “Würdigung” des Plakats nicht “verständig” genug gewesen ist… Was wiederum daran liegen wird, dass ich kein “informierter Durchschnittsverbraucher” bin, der “in dem Plakatmotiv [...] keine Herabwürdigung transsexueller Menschen erkennen [wird].” Ich bin eben nur ein überinformiertes Trans*liebchen, das Diskriminierung sieht, wo gar keine bewiesen ist.

Offensichtlich ist es also vom Werberat nicht denkbar, dass diese Werbung gleich mehrere Identitäten auf ähnliche Weise diskriminiert. Vielleicht sollte ich noch eine zweite Beschwerde hinterher schicken, in der ich die Diskriminierung von Männern in Frauenkleidern bzw. “Travestie-verkleideten” Männern bemängele…?

Nachgefragt: Braucht das Transliebchen ein Patent?

Meine Blog-Statistik offenbarte mir heute einen neuen Link hierher, der sich im Laufe des Tages zu diesem Beitrag entwickelt hat.

Hier die Vorgeschichte:

Im öffentlich zugänglichen Teil des Forums von butch-femme.de kündigte Sabine Fuchs am Rande eines anderen Themas eine zukünftige Veröffentlichung an.  Ihr Text soll den Titel “Trans*liebchen geht in die Genderfalle. Femmes als Partnerinnen von Transmännern” tragen und im Frühjahr 2012 in fiber. werkstoff für feminismus und popkultur, fiber #20: ‘Superheld_innen’ erscheinen. (Ich bin ja sehr gespannt!)

Daraufhin fragte im Forum jemand nach, ob sich der Titel ihres Textes auf den Beitrag “Transliebchen at Work” von Andrea Rick (von 2008) bezieht, nach dem auch dieser Blog benannt ist. In der Antwort auf diese Frage wird der Transliebchen-Blog dann namentlich erwähnt und im weiteren Verlauf des Gesprächs auch verlinkt (weshalb ich überhaupt so schnell auf die ganze Geschichte gestoßen bin).

Ich zitiere diese Antwort mal relativ ausführlich, weil mich der bissig-zynische Tonfall doch ziemlich überrascht hat:

Der Trans*liebchen-Blog wird ja vermutlich auch von dieser Andrea Rick betrieben. Und wenn nicht, dann würde ich an Eurer Stelle mal rechtlich abklären, ob das so angehen kann. Wäre ja ne Frechheit, dass solche Begriffe auch von anderen benutzt werden. Wo kommen wir denn da hin?

Und gab’s da nicht auch einen Trans*Liebchen-Workshop auf der letzten Trans*Tagung in Berlin?
Stand zwar auch nicht Andrea Rick drauf, aber dann waren die WS-Leiterinnen wahrscheinlich von ihr eingesetzte Rick-Terminologie-Vollzugs-Assistentinnen. Und ich Naivchen habe ganz einfach nur teilgenommen und, blauäugig wie ich bin, nicht daran gedacht nach deren gültiger Verwendungslizenz zu fragen. Ansonsten gehörten diese verantwortungslosen Anlehnerinnen aber dringend zur Rede gestellt. Vielleicht sollte man da strengere Kontrollen durchführen.

Wieso heißt es eigentlich nicht schon längst Trans*liebchen(TM)? Besser Ihr meldet schnell ein Patent an, sonst kommt vielleicht schon morgen die nächste daher und macht illegitime “Anlehnungen”.

Im weiteren Verlauf der Diskussion erfahren wir dann von einer anderen Person noch folgendes:

Was Du allerdings vergessen hast, ist das Femme-Treffen in HH, welches ebenfalls den Namen hatte. Sowohl der Workshop, als auch das Treffen wurden von einer Femme organisiert, die nachgefragt hat, ob es ok ist, diesen Namen zu verwenden.

Tja, und jetzt war ich natürlich neugierig und konnte es nicht lassen, selbst ein wenig zu recherchieren. Wenn man den Ergebnissen meiner Suchmaschinenbetätigung glauben darf, gibt es (zumindest im Internet) keinen Beleg dafür, dass der Begriff “Transliebchen” vor der Veröffentlichung des Textes von Andrea Rick verwendet wurde. Ich persönlich habe ihn übrigens vorher auch nie gehört, fand ihn aber (offensichtlich) so treffend, dass ich gleich meinen Blog danach benannt habe.

Belege für den “Transliebchen”-Workshop auf der 14. Berliner Trans*Tagung 2010 (runterscrollen bis Nr. 24; hier gibt es auch ein Doku-PDF) und eine Gruppe für Partner*innen von Trans*leuten in Hamburg (runterscrollen bis Hamburg; hier der direkte Link zum Ankündigungs-PDF) habe ich ebenfalls problemlos gefunden.

Damit war meine Neugier aber noch nicht befriedigt, so dass ich kurzerhand Andrea Rick selbst nach ihrer Sichtweise befragt habe (sie hatte praktischerweise im Lesbischen Auge eine Kontakt-E-Mail angegeben). Netterweise hat sie sich Zeit genommen, sich den fraglichen Thread anzuschauen und mir ein paar Fragen für diesen Beitrag zu beantworten. Hier also mein “Interview” mit ihr:

Trans*liebchen: Hast du den Begriff “Transliebchen” erfunden?

Andrea: Ich glaube tatsächlich, diejenige zu sein, die diesen Begriff “erfunden” hat, einfach, weil ich mich nicht daran erinnern kann, ihn vorher schonmal woanders gehört oder gelesen zu haben. Wenn sich aber irgendwann herausstellen sollte, dass doch jemand anders vor mir auf die Idee gekommen ist, freue ich mich über einen Hinweis und reiche das “Erfinder_innen-Krönchen” gerne weiter. ;-)

T*L: Wie kamst du auf den Begriff “Transliebchen”?

AR: Ich habe mehrere Jahre nach einem deutschen Begriff gesucht, der das/mein Begehren für und In-Beziehung-Sein mit Transleuten ausdrückt. Im Englischen gibt es schon länger Ausdrücke wie “tranny chaser” oder “tranny lover” oder auch das von Sonya Bolus erfundene “transsensual”, letzteres meist als Adjektiv vor Femme. Aber im deutschsprachigen Raum funktionieren die nur sehr bedingt (abgesehen davon, dass “tranny chaser” auch sehr negativ gemeint sein kann und die Verwendung von “tranny” insgesamt umstritten ist).

“Partner_in von Trans-Menschen”  oder verkürzt “Trans-Partner_in” waren für mich erste Begriffe, die einigermaßen kurz und knapp das ausdrückten, was ich sagen wollte. Irgendwann 2007 kam ich dann irgendwie auf “Transliebchen” und benannte kurz danach meinen Text fürs Lesbische Auge danach (der 2008 veröffentlicht wurde).

T*L: Findest du es eine “Frechheit”, wenn andere Leute den Begriff “Transliebchen” benutzen?

AR: Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil, ich freue mich, dass andere Menschen mit dem Begriff etwas anfangen können und ihn für sich nutzen möchten. Ich werde ja kaum die einzige gewesen sein, die hier eine Benennungslücke hatte. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinen Assoziationen finde ich sinnvoll und wünschenswert, denn auch ich finde ihn nicht in allen Situationen die beste Bezeichnung für “Leute wie uns”.

Mir persönlich ist das politische Element von “Credits geben” allerdings sehr wichtig, also andere Leute für das zu würdigen, was sie zu XYZ beigetragen haben. Klar kann man mal vergessen, wo genau man etwas zuerst gelesen hat oder aus welchem Privatgespräch genau nun eine Idee stammte, vor allem, wenn es sich um Konzepte/Begriffe handelt, die schon eine ganze Weile in einer Subkultur/Szene herumschwirren. Ich persönlich wäre aber froh, wenn mich dann jemand daran erinnert, weil ich mich ungern mit fremden Federn schmücke und herzlich gerne andere Menschen für ihre Ideen und ihre Aktivitäten öffentlich würdige. Deshalb stehe ich auch etwas befremdet vor den sehr polemischen Formulierungen, die in der Antwort von S.F. vorkommen. Sooo abstrus finde ich die Nachfrage nach einer Inspirationsquelle jetzt nämlich nicht…

Mir ist es also bei solch “offiziellen” Veröffentlichungen, wie sie in dem Thread angekündigt wurden, durchaus wichtig, als “Erfinderin” des Begriffs genannt zu werden. Jenseits des bereits Gesagten gehört das für mich einfach zum korrekten Zitieren, wie ich es als Wissenschaftlerin gelernt habe und wie ich es von anderen akademisch gebildeten Menschen auch erwarte.

Nach der gleichen Logik finde ich es übrigens sehr angenehm (und durchaus angemessen), dass mein Text in deinem Blog als Quelle für den Begriff “Transliebchen” genannt wird. Sonst hätte ich mich aber vielleicht auch eh schonmal bei dir gemeldet und nachgefragt, wie du darauf gekommen bist… ;-)

T*L: Siehst du eine Notwendigkeit für “Terminologie-Vollzugs-Assistentinnen”, “Verwendungslizenzen” oder ein Transliebchen-”Patent”? In anderen Worten: Möchtest du kontrollieren, wer den Begriff “Transliebchen” benutzt?

AR: Auch hier: Nein, natürlich nicht. Schließlich ist “Transliebchen” keine Marke, unter der ich irgendwas verkaufen will und deren “Image” ich daher streng kontrollieren muss. Mal abgesehen davon, dass das bei Identitätsbegriffen sowieso noch nie funktioniert hat (siehe “feminine Lesben/Bi-Frauen”, die sich “Femme” nennen und dabei die gesamte kulturelle, politische und erotische Femme-Historie geflissentlich ignorieren…). Aus reiner Neugier erfahre ich aber natürlich trotzdem gerne, wer den Begriff für eine Veranstaltung, einen Text oder sonstwas verwendet – könnte mich ja schließlich auch interessieren! ;-)

Die Organisatorin der Hamburger Transliebchen-Gruppe und die eine Veranstalterin des Transliebchen-Workshops auf der Transtagung hat aber tatsächlich bei mir nachgefragt, ob sie diesen Begriff für ihre Veranstaltungen verwenden darf. Wir kennen uns aber auch privat, von daher fand ich das durchaus naheliegend. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, hier die Nutzung zu “verbieten” (abgesehen davon, dass ich dazu eh keine reale Macht gehabt hätte – siehe oben).

Da Sabine und ich uns zwar ebenfalls im echten Leben kennen, aber nicht wirklich gut, hätte ich jetzt nicht erwartet, dass sie mich fragt, ob sie ihren Text so nennen “darf”. Ich würde aber von ihr als Wissenschaftlerin und engagierter Verfechterin von Femme-Solidarität erwarten, dass sie meinen Text als Quelle für den Begriff angibt. Ob sie das tut/getan hat, können wir dann ja alle im kommenden Frühjahr in der fiber nachlesen. Ich persönlich bin da ja ganz zuversichtlich. :-)

T*L: Vielen Dank für die Antworten!

AR: Gern geschehen! Und vielen Dank für die Gelegenheit zur entspannten Stellungnahme außerhalb der Aufregung des b-f.de-Forums.

Es gibt immer einen Grund…

Als ich neulich im Bus saß, fiel mein Blick auf ein Plakat, das direkt vor meiner Nase hing. Es handelte sich um Werbung für ein Casino, offensichtlich Teil einer neuen Kampagne, die mit mehrdeutigen Begriffen spielt (die anderen mir bekannten Plakate dieser Serie sind maximal mittel-lustig aber zumindest nicht massiv ärgerlich). In diesem Fall haben die Werbeagentur “Neue Monarchie” und ihre Auftraggeber aber den Witz voll verfehlt und stattdessen tief ins transfeindliche Klo gegriffen.

Werbung "Wenn Sie jeden Bluff durchschauen"Das Hauptbild ist auf den ersten Blick das einer stark geschminkten Frau mit lila Federboa und lila Federhaarschmuck sowie irgendwie aus dem Haar herausragenden Pfauenfedern. Sie trägt türkisem Nagellack und führt einen klassischen linkshändigen Colliergriff aus. Vielleicht eine glamouröse Casinobesucherin (keine Ahnung, ich kenne Casinos nur aus Hollywoodfilmen)?

Der Slogan dazu lautet “Wenn Sie jeden Bluff durchschauen” und bezieht sich zunächst mal aufs Pokern (angedeutet durch die am Rande abgebildeten Spielkarten und Casinochips).

Aber da ist ja dieses Bild von dieser Frau, also sucht die Betrachterin nach dem, was hier angeblich “geblufft” ist. Und sie wird fündig. Nicht nur hat die Dame ein Tattoo am Handgelenk, was ja keine “echte” Lady je tragen würde, nein, die Lady scheint zudem insgesamt “männlicher” zu sein, als es besagtem Casino offenbar zulässig erscheint. Und ist das wallende Haar nicht ohnehin eine auffällig identifizierbare Perücke?

In anderen Worten: es wird die Lesart nahegelegt, dass es sich hier um einen “Mann” in “Frauenkleidern” handelt, der uns mit seiner “geblufften” Femininität in die Irre führen will.

Bei so viel beiläufiger Transfeindlichkeit blieb mir erstmal die Spucke weg. Dann habe ich es bereut, nicht mehr wie zu Teeniezeiten stets einen Edding in der Tasche zu haben. Und dann fiel mir das praktische kleine Blöckchen mit Haftzetteln ein, das momentan meine Tasche bewohnt. Auf einen jener Klebezettel schrieb ich also: “Diese Werbung ist transfeindliche Kackscheiße. Crossdressing (“Transvestitismus”) und Transsexualität sind kein ‘Bluff’!” und pappte den Zettel auf das Plakat.

Das hat zumindest ein bisschen gegen das Ohnmachtsgefühl geholfen, auch wenn ich nicht im Ernst annehme, dass sich meine Erklärung, warum dieses Plakat transfeindlich ist, auf einem ca. 7×7 cm großen Zettelchen umfassend darstellen lässt. Differenziertes Denken verträgt sich nun mal meist schlecht mit Slogans.

Das Plakat unterstellt jedenfalls, dass Crossdressing (und eventuell Transsexualität) eine Strategie sei, jemanden zum eigenen Vorteil zu täuschen. Also quasi ein Betrugsversuch, der das “wahre” Geschlecht verschleiert, um daraus einen Nutzen zum Nachteil eines anderen Menschen zu ziehen. Was wieder einmal anatomische Gegebenheiten als geschlechtliche “Wahrheit” konstruiert, nach dem Motto “was man an geschlechtlich zugeordneten Merkmalen sieht, wenn eine Person nichts mehr anhat, ist deren ‘wahres’ Geschlecht.”

Aber die hier angeworbenen potenziellen Casinobesucher*innen “durchschauen” diesen “Bluff” natürlich sofort dank ihrer glücksspielgeschulten Wahrnehmung. Vermutlich dürfen wir auch annehmen, dass solche “Bluffs” ohnehin bereits an der Eingangskontrolle des Casinos “auffliegen”. Ein Casinobesuch geht schließlich nur mit “amtlichem Lichtbildausweis” und da vermute ich doch mal stark, dass Trans*leute mit Ausweisen, die (angeblich) nicht zu ihrem Aussehen passen, von vorneherein wegbleiben, um unangenehme Situationen zu vermeiden. So bleibt die Spielbank zudem “ganz nebenbei” ein Ort, an dem geschlechtliche Normabweichungen nicht stattfinden (sollen).

Nicht, dass jetzt der Casinobesuch als solcher dringend zu einem guten und menschenwürdige Leben gehören würde oder Spielbanken Orte sind, die man nun unbedingt für die ungestörte Nutzung durch Crossdresser/Trans*menschen erobern müsste. Aber wenn das Casino selber davon anfängt… Es gibt halt immer einen Grund für Trans*Aktivismus.

Aha! Oh. Hmmm…

Eben gerade wurde mir endlich und schlagartig klar, warum ich es immer noch so verdammt schwierig finde, mich in meinem Arbeitsalltag zu meinem Dasein als Trans*liebchen zu bekennen. Es geht dabei überhaupt nicht um mich und eventuelle negative Konsequenzen, die ein solches Coming-Out für mich haben könnte. (Okay, vielleicht nicht “überhaupt nicht”, aber definitiv nicht vorrangig.)

Es geht dabei die ganze Zeit um die Frage: “Was kann ich wem über Chris (und unser gemeinsames Leben) erzählen, ohne dass es hinterher irgendwie, irgendwann negative Konsequenzen für ihn hat?” Ich habe immer diese Vorstellung von einem zukünftigen Firmenevent, zu dem ich ihn als Begleitung mitnehmen würde, und bei dem ihn dann jemand aus meinem Kolleg*innen kreis schlecht behandelt, weil bekannt ist, dass er trans* ist. Nicht, dass meine Firma überhaupt solche “Mit-Begleitung-Events” veranstalten würde… Alternativ könnte es natürlich vorkommen, dass wir plötzlich meinen Chef im Baumarkt oder auf einem Stadtfest treffen – und er würde dann irgendwie blöd zu Chris sein. Nicht, dass mein Chef und ich uns schon jemals irgendwo getroffen hätten… Natürlich ist es völlig irrational, mir über solche rein-theoretisch-möglichen Vorkommnisse so viele Gedanken zu machen. Aber die Sorge bleibt, dass ich es am Ende bitter bereuen würde, Chris dieser Situation ausgesetzt zu haben, indem ich den falschen Leuten zu viel über ihn und uns erzählt habe.

Das war definitiv anders, als ich mich noch als mehr oder weniger lesbisch identifiziert habe. Da ich immer nur mit Frauen zusammen war, die ebenso offen als Lesben lebten wie ich, war ein indirektes Outing durch meine Erzählungen über meine Partnerinnen nie ein Problem. [Abgesehen davon, dass ein Coming-Out als Lesbe sich nach wie vor beiläufig in einem Nebensatz abhandeln lässt, was ich von einem Coming-Out als Trans*liebchen nicht gerade behaupten kann (zumal ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass "Trans*liebchen" überhaupt eine Identität ist, zu der ich ein Coming-Out haben könnte, sollte oder wollte, das mit einem öffentlichen Bekenntnis zum Lesbischsein vergleichbar wäre).]

Wenn ich gesagt habe, ich sei lesbisch oder ich hätte eine Freundin und keinen Freund, dann ging es dabei immer nur um mich, nicht um sie. Schlimmstenfalls wurde mein Frauengeschmack angezweifelt, wenn es denn mal zu einer Begegnung zwischen meiner Liebsten und irgendwelchen anderen Leuten kam. Aber ich habe mir nie auch nur eine Sekunde Sorgen gemacht, dass mein Coming-Out als Lesbe negative Konsequenzen für meine Freundin haben könnte.

Als Trans*liebchen bin ich inzwischen aber an dem Punkt, wo ich mir sogar schon überlege, was ich überhaupt zu meinem Begehren sage. Würde es negativ auf Chris zurückfallen, wenn ich meinem Chef erzählen würde, dass ich Rachel Maddox (in ihrem Privatoutfit) durchaus appetitlich finde? Was hätte es für Auswirkungen auf Chris, wenn ich bekanntgäbe, ich sei zuvor immer nur mit Frauen zusammen gewesen? Es ist nicht (mehr) so einfach, mein Begehren von seinem “öffentlichen” Geschlecht zu trennen, wenn es um die Öffentlichmachung des einen oder des anderen geht.

Und warum denke ich eigentlich, ich müsste (oder könnte) Chris in diesem Punkt vor allem transphoben und “tunten”feindlichen Übel der Welt beschützen? Soweit ich weiß, hat er nach wie vor ein extrem entspanntes Verhältnis zu den meisten Erwartungen, die die Welt mittlerweile an seine Männlichkeit stellt. Will sagen, er tut das, was seiner Persönlichkeit entspricht (und die ist in vielen Punkten glücklicherweise nicht stereotyp “männlich-maskulin”) und kümmert sich ansonsten herzlich wenig um die Geschlechtsrollenerwartungen seiner Mitmenschen. Was soll ihm also Schreckliches passieren, wenn mein Chef oder meine Kolleg*innen ihn tatsächlich eines Tages treffen und feststellen, dass er gar kein “richtiger Mann” ist? Das will er doch auch gar nicht sein!

Hmmm, mir scheint, ich muss mich öfter mal daran erinnern, dass Chris nicht mein Ex ist (für den es auch prä-Testo sehr wohl ein halber Weltuntergang war, wenn man ihn nicht für einen hundertprozentigen Kerl und Gentleman gehalten hat)… Und dass die Kurzformel vom “Transmann”, der Chris für einen großen Teil des Umfeldes ist, das nicht zum engeren Freundeskreis gehört, wirklich nur eine erklärungssparende und drastisch verkürzte Darstellung seiner komplexen geschlechtlichen Realität ist – und nicht sein Versuch, mir seinen geheimen Wunsch, nun doch ein “richtiger Mann” zu sein, unterzujubeln.

Manchmal stelle ich mir echt selber ein Bein, beim Versuch, Chris in seiner “öffentlichen Männlichkeit” zu unterstützen, ihm aber gleichzeitig nicht irgendein Männerklischee überzustülpen, bloß, weil er jetzt Testosteron nimmt. Möglicherweise ist das aber auch wieder nur ein altes Femme-Problem im neuen Gewand: die Schwierigkeit, die Maskulinität unserer Butch-Liebsten anzuerkennen, ohne sie deswegen gleich pauschal mit allem, was irgendwie “männlich” ist, in eine Schublade zu stecken…

Eine Zukunftsfrage und eine Geschlechtstheorie

In einem Kommentar wurde ich gefragt:

Wie und wo wünscht du dir eigentlich ein gemeinsames Leben in “diesen diffusen Zeitpunkt ‘danach’ ” mit deinem Partner, wenn man das fragen darf. Lebst du auf eine Idee von Zukunft hin?

Fragen darf man mich eigentlich alles. Was ich beantworte (und wie) entscheide ich dann selbst. :)

Ich stelle mir Chris nach der Brust-OP immer noch als uneindeutig vor (was mit seinem Selbstverständnis übereinstimmt). Bloß halt anders als früher. Ungefähr so, wie ich jetzt auch anders Femme bin, als ich es vor einigen Jahren war. Zusammen sind wir immer noch queer und werden das auch bleiben.

Meine Theorie ist ja, dass viele Menschen an sich eine bestimmtes ‘Geschlechtsgleichgewicht’ spüren, mit dem sie sich am wohlsten und stimmigsten fühlen. Wenn jetzt ein ‘Geschlechtsmerkmal’ sich zu ‘maskuliner’ ändert, dann ändert sich oft ein anderes zu ‘femininer’ (und umgekehrt), damit das Gesamtgleichgewicht gewahrt bleibt.
Zwei Beispiele: Eine Femme-Freundin von mir hat sich z.B. mal ihre sehr langen Haare sehr abrupt sehr kurz schneiden lassen. Als ‘Ausgleich’ hat sie dann plötzlich mehr Baumel-Ohrringe und anderen Glitzerschmuck getragen. Ein Transmann-Freund hat, nachdem er dank Hormonwirkung endlich fast überall als Mann gelesen wurde, angefangen, seine Drag-Queen-Seite zu entwickeln. Beiden war bewusst, dass sie damit eine solche ‘geschlechtliche Verschiebung’ ausgleichen.
Nach dieser Theorie brauche ich mir tatsächlich keine Sorgen zu machen, dass Chris plötzlich nur noch ungebrochen Mann sein will. Ich habe zumindest nie von ihm gehört, dass er sich 100%ig männlich fühlt und den Wunsch hat, dass die Welt ihn auch so sieht. Daher vermute ich, je eindeutiger männlich Chris wahrgenommen wird, desto mehr wird er andere Punkte finden, wo er gegen stereotype Geschlechtsrollenerwartungen verstoßen kann (das macht er ja jetzt schon).

Wenn ich also über Zukunft nachdenke, dann denke ich eher, dass er für sich einen ‘Stand’ erreicht hat, den er längerfristig lebbar findet. Ich hoffe sehr, dass dieser ‘Stand’ in großen Teilen noch immer in mein ‘Beuteschema’ passt. Und dann hoffe ich, dass wir uns beide wieder ein bisschen an ein ‘Sein’ gewöhnen können, als in einer ständigen Zwischenzeit zu existieren, in der sich höchstens provisorisch eingerichtet werden kann. Und DANN habe ich bestimmt auch irgendwann wieder Lust auf die nächste Veränderung…

Trans*aktionspause

Vor ungefähr einem Jahr war ich ziemlich sicher, dass Chris noch vor Weihnachten 2010 seine Brust-OP gehabt haben würde.

Dem war nicht so.

Ehrlich gesagt, habe ich in dem Wust von ÄrztInnen, Gutachtern/PsychotherapeutInnen, Krankenkassen und sonstigem Ämter- und Medizinkrams ein bisschen den Überblick verloren, was genau wann genau passiert ist. Chris hat nämlich nicht nur das Trans*thema in Angriff genommen, sondern ist ‘ganz nebenbei’ auch noch seine chronischen Schmerzen angegangen und hat allerlei Lohnarbeitsdrama und -unsicherheit durchgestanden. Zeitweise hatte er bis zu drei Behandlungs-, Untersuchungs- bzw. Beratungstermine pro Woche, monatelang. Manchmal wusste keine*r von uns mehr so richtig, welche Baustelle jetzt am dringendsten bearbeitet werden musste, weil alles irgendwie miteinander verknäult war und an jedem Ende ein dicker Knoten aufs langsame Auseinandertüddeln gewartet hat. Existenzielle Sorgen um den eigenen Lebensunterhalt machen es zudem auch nicht einfacher, sich konzentriert und enthusiastisch um seine medizinischen und trans*technischen Angelegenheiten zu kümmern. Chris kam sich irgendwann jedenfalls quasi rundum ‘defekt’ vor, was weder seine noch meine Lebensqualität gesteigert hat.

Inzwischen ist ein bisschen Ruhe eingekehrt. Ich habe einen neuen unbefristeten Job, und er hat ebenfalls einen neuen Job, der zumindest befristet finanzielle Sicherheit verspricht. Die chronischen Schmerzen sind zwar immer noch da, aber er verbringt nicht mehr ganz so viel Zeit in irgendwelchen Praxen. Seine “Therapeutin” hat sich zwar geweigert, ihm eine Bescheinigung über eine durchgehende Behandlung auszustellen (sie fand seinen Entschluss, vorübergehend Hormone zu nehmen, inkonsequent), aber zumindest steht er jetzt nicht mehr ganz ohne Nachweis über die von der Krankenkasse geforderte “psychologische Begleitung” da. Und Hormone nimmt er ja jetzt auch schon eine ganze Weile. (Momentan ist er übrigens massiv im Stimmbruch und wechselt munter zwischen Brummen und Quietschen, was wir beide mit Humor nehmen. Und da die Hormone das eine oder andere alte medizinische Problem verstärken bzw. neue medizinische Probleme schaffen, hat er vor einiger Zeit auch beschlossen, nur noch so lange Testo zu nehmen, bis er mit dem Stimmbruch durch ist. Was ziemlich unberechenbar eine Zeitspanne zwischen zwei Monaten und zwei Jahren sein kann, wenn man den Ergebnissen meiner oberflächlichen Google-Recherche trauen will.)

Der nächste Schritt wäre jetzt, seine ganzen Unterlagen und Bescheinigungen an die Krankenkasse zu schicken und darauf zu hoffen, dass die einfach ihr Okay für die OP gibt und nicht darauf beharrt, dass die Standard-Anforderungen bis zum letzten I-Tüpfelchen genauestens erfüllt werden (womit dann schätzungsweise Runde Nr. 378 des Trans*karussels losginge).

Aber irgendwie scheint gerade Trans*aktionspause zu sein, jedenfalls höre ich nichts über derartige Aktivitäten. Ich soll doch einfach nachfragen? Ja, den Rat hätte ich wem anders wahrscheinlich auch gegeben. Aber irgendwas hält mich davon ab. Ist doch gar nicht mein Job, ihn zu schnellerem Handeln in diesem Punkt zu animieren (und Nachfragen signalisiert ja zwangsläufig, dass mir die Wartezeit gerade etwas lang vorkommt). Soll er doch seine Transition in seinem Tempo und auf seine Art machen.

Gleichzeitig frage ich mich aber manchmal, wann er denn endlich mal einen ‘vorläufig finalen’ Stand der Dinge erreicht. Also einen Zeitpunkt, wo man mal über andere Lebenspläne sprechen könnte. Zum Beispiel, was jede*r von uns denn so für Wünsche an die Zukunft hat, und wie die zusammenpassen. Wo wir wohnen wollen würden, wenn wir hier mal ausziehen. Was und wie wir idealerweise arbeiten möchten. Ob wir tatsächlich mit dem einen oder anderen Tier unseren Alltag teilen wollen. Sowas halt. Wo die Zukunft deutlich über “wenn Chris endlich seine Brust-OP durch hat” hinaus geht. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass wir beide auf diesen diffusen Zeitpunkt ‘danach’ warten, ab dem dann endlich wieder Platz, Zeit und Energie für andere Themen ist. Natürlich funktioniert das Leben so nicht, und die anderen Themen quetschen sich immer wieder dazwischen. Aber es ist schon was anderes, sich mit beruflichen Zukunftsfragen zu beschäftigen, weil man aufgrund äußerer Umstände gerade muss, als sich entspannt ein paar Gedanken über sein zukünftiges Arbeitsleben zu machen, weil man gerade möchte. Und auch wenn ich nicht erwarte, dass eine*r von uns in naher Zukunft ein irgendwie ‘endgültiges’ Geschlecht findet und einnimmt, so hätte ich doch langsam gern mal ein etwas ‘finaleres’ Gefühl zu seinem Geschlecht, so für eine Zeitlang.

Für mich war und ist bisher die Brust-OP (inklusive Erholungszeit) so ein Ereignis, das einen gewissen ‘Schluss’ markiert. Schließlich war der Wunsch nach dieser OP der Auslöser für den ganzen offiziellen Trans*kram.

Ich glaube, ich frage ihn jetzt doch mal, wie der Stand der Dinge gerade ist…

Die Identitäten und ich

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute etwas zu den verschiedenen Identitätslabeln sagen, die ich in diesem Leben schon für mich und mein Begehren (und Verwandtes) benutzt habe.

Der erste bewusst von mir in Anspruch genommene Begriff war “bisexuell“. Da war ich noch in der Schule. Ich hatte noch mit überhaupt niemandem geschlafen, ich hatte auch noch mit niemandem eine Liebesbeziehung gehabt, aber ich hatte schon mit Vergnügen einige Jungs geküsst und war auch in einige von ihnen verliebt gewesen (meist etwas weniger vergnügt, da eher einseitig). Außerdem hatte ich eine beste Freundin, mit der es etwa um diese Zeit erotisch zu knistern begann, und die dann das erste Mädchen wurde, dass ich küsste….

Ich war damals sehr überzeugt davon, dass alle Menschen mehr oder weniger bisexuell sind. Und da ich gern mit anderen Menschen über das rede, was mich beschäftigt, fing ich an, mit einigen Leuten aus der Schule “so ganz allgemein” über diese Theorie zu diskutieren. Quasi ganz nebenbei begann ich, mich (wenn auch meist nur implizit) als bisexuell zu identifizieren.

Einige wenige, aber dafür sehr turbulente Jahre später fand ich mich dann in der Situation wieder, sehr plötzlich, unerwartet und intensiv eifersüchtig auf den Freund meiner neuen besten Freundin zu sein. Das war offensichtlich das letzte Puzzleteil, das ich brauchte, um endlich die Bezeichung “lesbisch” als für mich passend zu empfinden. Mir wurde wirklich sehr schlagartig klar, dass ich nicht nur “auch” auf Frauen stand, sondern “vor allem” und “nahezu ausschließlich”.

Lesbisch war ich dann ziemlich lange und sehr offensiv. Ich kriegte schnell Kontakt zur örtlichen FrauenLesben-Szene, tummelte mich quer durch eine Vielzahl an feministischen kulturellen und politischen Projekten, verbannte Männer eine Zeitlang fast vollständig aus meinem Leben und war höchstens mal zufällig (noch) nicht out als Lesbe. Die Lesbenszene war mein Zuhause, dort waren alle meine Freundinnen, alle guten Partys und überhaupt mein kultureller, sozialer und politischer Lebensmittelpunkt.

Die Identität “lesbisch” hielt auch, als ich den Schritt zur Identifikation mit dem Begriff  “(butchliebende) Femme” machte. Allerdings begann damit auch die Zeit, wo ich (vor allem von manchen Lesben und Schwulen) nicht mehr so ohne weiteres als “Lesbe” akzeptiert wurde. Ich bestand aber vehement darauf, dass “lesbische Femme” eine lebbare Identität sei und dass sowohl mir, als auch die Butches, die ich liebte und begehrte, ein Platz in der Lesbenwelt zustünde (schon allein aus historischen Gründen…).

Wieder einige Jahre später konnte ich dann nicht mehr an der Tatsache vorbeigucken, dass einige Butches, die ich liebte und begehrte, nicht mehr so ganz eindeutig als “Frauen” bezeichnet werden konnten und wollten. Außerdem musste ich im Rahmen zweier kurzer Affäre mit einem Cismann und einer anderen Femme feststellen, dass mein Begehren offenbar deutlich flexibler war, als ich gedacht hatte. Diese beiden Aspekte bewogen mich dann dazu, mich langsam von der Selbstbezeichnung “lesbisch” zu verabschieden und mich immer häufiger als “queere Femme” zu bezeichnen.

Dazu kam, dass ich auf Grund meines immer feminineren Aussehens und/oder der Objekte meines Begehrens immer weniger in lesbischen Zusammenhängen akzeptiert wurde, und so schlussendlich nicht mehr viel von dem Zugehörigkeitsgefühl dort übrigblieb. Spätestens, als ich dann das erste Mal mit einer Transgender Butch zusammen war, die ich ausschließlich mit männlichem Vornamen und Pronomen kannte, hatte sich das Thema mit dem gemeinsamen Raum auf Frauenpartys dann auch erledigt. Weder er noch ich fühlten uns dort noch erkannt, wohl oder willkommen.

Die einzigen Orte, die Platz für unsere beiden Identitäten und unser Miteinander zu haben schienen, waren vereinzelte Veranstaltungen aus explizit queeren Kontexten. Nicht, dass es dort keine Missverständnisse, Fehlwahrnehmungen oder Konflikte wegen seiner, meiner oder unserer Identität gegeben hätte. Aber es war besser als nichts, und manchmal war es auch ganz schön toll.

Und jetzt bin ich seit einigen Jahren mit einer anderen Transgender Butch zusammen, die inzwischen in weiten Teilen des Alltags als (Trans-)Mann lebt. Das fügt den halb-ironischen Begriff “Trans*liebchen” der “queeren Femme” hinzu. (Transgender) Butches sind immer noch die Sorte Mensch, die ich am wahrscheinlichsten erotisch attraktiv finde, und die ich in meinem erotischen Leben auf keinen Fall missen möchte. Aber manchmal finde ich immer noch auch Menschen anderer Geschlechtskategorien lecker für die Augen (und manchmal auch geeignet für die eine oder andere anregende Phantasie und vielleicht auch irgendwann wieder für die eine oder andere anregende Praxis).

Manchmal überlege ich, ob ich quasi den Kreis vollendet habe, und wieder da bin, wo ich mal angefangen habe. Aber “bisexuell” beinhaltet für mich einerseits die Idee von nur zwei Geschlechtern (die meiner Erfahrung nach schlichtweg falsch ist) und andererseits die Assoziation von einer gleichmäßigen Verteilung der Anziehung auf maskuline/männliche und feminine/weibliche Wesen (die ich so nicht erlebe).

Also bleibe ich bei “queer”, denn für diese Geschichte, diese Gegenwart und diese (vermutete) Zukunft fällt mir wirklich kein treffenderer Begriff ein. Und manchmal habe ich in letzter Zeit so Tage, da probiere ich, wie es ist, ganz ohne all diese Identitätslabel über mein Begehren, meine Lieben und meine sozial-politisch-kulturellen Bezüge zu sprechen…