Angesprochen

Letztens hielt mir ein Kollege am Rande eines sich eben sammelnden Meetings seine Zeitung hin, aufgeschlagen bei einem Artikel, in dessen Schlagzeile sich eine Frau Ende 40 positiv über die Attraktivität „jüngerer Männer“ äußerte. Während ich noch vollauf damit beschäftigt war, ob dieses ach-so-weltbewegenden Themas mit den Augen zu rollen und mir zu wünschen, dass die Besprechung gleich losgeht, sagte er: „Ricarda, du so als Frau jetzt, was meinst du denn dazu?“

Ich war sehr verwundert, dass er ausgerechnet mich als Sachkundige zu diesem Thema erwählt hatte — was sollte ich als queere Femme auch schon zu heterosexuellen Partnerschaftskombinationen sagen?! Nach einer etwas zu langen Pause, während der ich mir wieder ins Gedächtnis rief, dass er mich ja für eine ’normale Hetera‘ hält, sagte ich dann nur: „Ich kann dazu wirklich nichts sagen.“ Dazu habe ich einen dramatisch-verzweifelten Stirngriff* mit Seufzer ausgeführt — dessen latent queerer Camp-Faktor allerdings vermutlich für niemanden außer mir erkennbar war. Erfahrungsgemäß sind nämlich selbst meine ‚tuntigsten‘ Körpersprachszitate vollkommen unlesbar als solche für meine Arbeitskolleg*innen.

(* = Ein Stirngriff ist so ähnlich wie ein Facepalm, aber man berührt die Stirn dabei nur mit den Fingerspitzen von Zeigefinger und Daumen, während die anderen Finger formschön angespannt und abgespreizt werden. Üblicherweise wird der Stirngriff noch von dramatischen Seufzern oder vergleichbaren Lautäußerungen begleitet.)

In solchen Momenten wird mir stets auf Neue bewusst, wie inkongruent mein Selbstbild und das auf mich projizierte Fremdbild bezüglich meiner Partnerschaftsinteressen sind. Ich vergesse wirklich, immer noch und immer wieder, und auch an Orten, an denen ich quasi ungeoutet bin, dass andere Menschen (noch) nicht wissen, dass das mit mir und der säuberlich zweigeteilten Geschlechterwelt einfach nicht funktioniert.

Tja, you can take the girl out of the queer community, but you can’t take the queer community out of the girl, oder wie war das?

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Fehlannahmen

Ich bin überrascht. Ich war so sicher, dass Testo ‚alles‘ ändern würde, und trans* jetzt plötzlich ein tägliches Thema bei mir und meiner Butch werden würde. Ich war so sicher, dass es in etwa einmal pro Woche interessante neue Beobachtungen oder Erlebnisse zum Thema Trans* (im allgemeinen oder im persönlich-besonderen) zu posten gäbe.

Und nun stelle ich fest, dass ich damit sowas von daneben lag.

Ja, es sind ihm ein paar mehr Haare gewachsen bzw. dunkler/dicker geworden. Ja, seine Stimme ist etwas voller geworden. Ja, das leidige PMS scheint sich überwiegend erledigt zu haben.

Aber sonst hat sich nicht viel geändert. Trans* ist weiterhin eins von vielen Themen, die uns beschäftigen, steht aber bei weitem nicht so dauerhaft im Vordergrund, wie ich angenommen hatte. Ich habe überraschenderweise gar nicht so viel zu meinem Dasein als Trans*liebchen zu sagen, wie ich ursprünglich dachte.

Im Gegenteil. Ich stelle fest, dass mich geschlechtliche Kategorien allgemein gerade eher nerven und anstrengen, als dass sie mich erfreuen oder mir anderswie nützen. Nach so vielen passionierten Jahren als Femme und Geschlechter-Erforscherin trifft mich das sehr unerwartet. Das heißt nicht, dass ich mich inzwischen kuschelig-heimelig in der Heteronormativität eingerichtet hätte oder dass mich Sexismus, Trans*phobie, Femininitätsfeindlichkeit oder andere Unterdrückungsverhältnisse jetzt plötzlich nicht mehr stören würden. Es heißt nicht, dass ich mich und meine Lieben mehr als vorher in zweigeschlechtlichen Denksystemen wiederfinden würde oder dass ich mich nicht mehr darüber freue, dass trans* sich für eine Personenstandsänderung jetzt nicht mehr zwangsoperieren lassen muss.

Ich stelle aber fest, dass ich das Thema Geschlecht in all seinen Schattierungen nicht mehr so aufregend (im positiven wie im negativen Sinne) finde wie früher. Ich merke außerdem, dass mir eine starke Konzentration auf die Kategorie Geschlecht zunehmend im Weg steht, wenn es um die Interaktion mit anderen Menschen geht. Ich stelle fest, dass es oftmals überhaupt nicht notwendig ist, dass jemand meine Femmeness oder mein Trans*liebchen-Sein ernsthaft versteht, solange eine grundsätzlich respektvolle Basis im Umgang miteinander gegeben ist. Und ich muss sagen, es freut mich, festzustellen, wie oft Gender extrem unwichtig sein kann.

Mag sein, dass dieses Empfinden nur möglich ist, weil ich das Privileg habe, nicht ständig auf den ersten Blick als ‚geschlechtlich normabweichend‘ wahrgenommen zu werden. Okay. Ich finde es trotzdem gerade eine sinnvolle (und interessante) Strategie für mich, die Kategorie Geschlecht einfach mal weitestgehend auszublenden und zu gucken, wie sich die Interaktion mit anderen Menschen dadurch ändert. („Weitestgehend“ heißt selbstverständlich nicht „vollständig“, so dass ich je nach Situation gern auch auf bewährte Strategien der ‚Geschlechterthematisierung‘ zurückgreife.) Möglicherweise ist das das, was Kate Bornstein (in ihrem großartigen Buch My Gender Workbook. How to Become a Real Man, a Real Woman, or Something Else Entirely) mal als „no gender“ oder „I look where gender is and then I go elsewhere“ beschrieben hat…*

Nach all diesen Überlegungen frage ich mich jetzt natürlich, was das für diesen Blog bedeutet. Ich nehme an, ich werde weiterhin ab und zu noch Beobachtungen, Überlegungen oder Erlebnisse aus meinem Trans*liebchen-Leben posten. Aber den Plan, das ungefähr einmal die Woche zu tun, gebe ich hiermit offiziell auf.