Die Identitäten und ich

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute etwas zu den verschiedenen Identitätslabeln sagen, die ich in diesem Leben schon für mich und mein Begehren (und Verwandtes) benutzt habe.

Der erste bewusst von mir in Anspruch genommene Begriff war „bisexuell„. Da war ich noch in der Schule. Ich hatte noch mit überhaupt niemandem geschlafen, ich hatte auch noch mit niemandem eine Liebesbeziehung gehabt, aber ich hatte schon mit Vergnügen einige Jungs geküsst und war auch in einige von ihnen verliebt gewesen (meist etwas weniger vergnügt, da eher einseitig). Außerdem hatte ich eine beste Freundin, mit der es etwa um diese Zeit erotisch zu knistern begann, und die dann das erste Mädchen wurde, dass ich küsste….

Ich war damals sehr überzeugt davon, dass alle Menschen mehr oder weniger bisexuell sind. Und da ich gern mit anderen Menschen über das rede, was mich beschäftigt, fing ich an, mit einigen Leuten aus der Schule „so ganz allgemein“ über diese Theorie zu diskutieren. Quasi ganz nebenbei begann ich, mich (wenn auch meist nur implizit) als bisexuell zu identifizieren.

Einige wenige, aber dafür sehr turbulente Jahre später fand ich mich dann in der Situation wieder, sehr plötzlich, unerwartet und intensiv eifersüchtig auf den Freund meiner neuen besten Freundin zu sein. Das war offensichtlich das letzte Puzzleteil, das ich brauchte, um endlich die Bezeichung „lesbisch“ als für mich passend zu empfinden. Mir wurde wirklich sehr schlagartig klar, dass ich nicht nur „auch“ auf Frauen stand, sondern „vor allem“ und „nahezu ausschließlich“.

Lesbisch war ich dann ziemlich lange und sehr offensiv. Ich kriegte schnell Kontakt zur örtlichen FrauenLesben-Szene, tummelte mich quer durch eine Vielzahl an feministischen kulturellen und politischen Projekten, verbannte Männer eine Zeitlang fast vollständig aus meinem Leben und war höchstens mal zufällig (noch) nicht out als Lesbe. Die Lesbenszene war mein Zuhause, dort waren alle meine Freundinnen, alle guten Partys und überhaupt mein kultureller, sozialer und politischer Lebensmittelpunkt.

Die Identität „lesbisch“ hielt auch, als ich den Schritt zur Identifikation mit dem Begriff  „(butchliebende) Femme“ machte. Allerdings begann damit auch die Zeit, wo ich (vor allem von manchen Lesben und Schwulen) nicht mehr so ohne weiteres als „Lesbe“ akzeptiert wurde. Ich bestand aber vehement darauf, dass „lesbische Femme“ eine lebbare Identität sei und dass sowohl mir, als auch die Butches, die ich liebte und begehrte, ein Platz in der Lesbenwelt zustünde (schon allein aus historischen Gründen…).

Wieder einige Jahre später konnte ich dann nicht mehr an der Tatsache vorbeigucken, dass einige Butches, die ich liebte und begehrte, nicht mehr so ganz eindeutig als „Frauen“ bezeichnet werden konnten und wollten. Außerdem musste ich im Rahmen zweier kurzer Affäre mit einem Cismann und einer anderen Femme feststellen, dass mein Begehren offenbar deutlich flexibler war, als ich gedacht hatte. Diese beiden Aspekte bewogen mich dann dazu, mich langsam von der Selbstbezeichnung „lesbisch“ zu verabschieden und mich immer häufiger als „queere Femme“ zu bezeichnen.

Dazu kam, dass ich auf Grund meines immer feminineren Aussehens und/oder der Objekte meines Begehrens immer weniger in lesbischen Zusammenhängen akzeptiert wurde, und so schlussendlich nicht mehr viel von dem Zugehörigkeitsgefühl dort übrigblieb. Spätestens, als ich dann das erste Mal mit einer Transgender Butch zusammen war, die ich ausschließlich mit männlichem Vornamen und Pronomen kannte, hatte sich das Thema mit dem gemeinsamen Raum auf Frauenpartys dann auch erledigt. Weder er noch ich fühlten uns dort noch erkannt, wohl oder willkommen.

Die einzigen Orte, die Platz für unsere beiden Identitäten und unser Miteinander zu haben schienen, waren vereinzelte Veranstaltungen aus explizit queeren Kontexten. Nicht, dass es dort keine Missverständnisse, Fehlwahrnehmungen oder Konflikte wegen seiner, meiner oder unserer Identität gegeben hätte. Aber es war besser als nichts, und manchmal war es auch ganz schön toll.

Und jetzt bin ich seit einigen Jahren mit einer anderen Transgender Butch zusammen, die inzwischen in weiten Teilen des Alltags als (Trans-)Mann lebt. Das fügt den halb-ironischen Begriff „Trans*liebchen“ der „queeren Femme“ hinzu. (Transgender) Butches sind immer noch die Sorte Mensch, die ich am wahrscheinlichsten erotisch attraktiv finde, und die ich in meinem erotischen Leben auf keinen Fall missen möchte. Aber manchmal finde ich immer noch auch Menschen anderer Geschlechtskategorien lecker für die Augen (und manchmal auch geeignet für die eine oder andere anregende Phantasie und vielleicht auch irgendwann wieder für die eine oder andere anregende Praxis).

Manchmal überlege ich, ob ich quasi den Kreis vollendet habe, und wieder da bin, wo ich mal angefangen habe. Aber „bisexuell“ beinhaltet für mich einerseits die Idee von nur zwei Geschlechtern (die meiner Erfahrung nach schlichtweg falsch ist) und andererseits die Assoziation von einer gleichmäßigen Verteilung der Anziehung auf maskuline/männliche und feminine/weibliche Wesen (die ich so nicht erlebe).

Also bleibe ich bei „queer“, denn für diese Geschichte, diese Gegenwart und diese (vermutete) Zukunft fällt mir wirklich kein treffenderer Begriff ein. Und manchmal habe ich in letzter Zeit so Tage, da probiere ich, wie es ist, ganz ohne all diese Identitätslabel über mein Begehren, meine Lieben und meine sozial-politisch-kulturellen Bezüge zu sprechen…

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Erfolgreiche Bekenntnisse

Vor einer Weile hatte ich ja bereits ausführlich über potenzielle Coming-Out-Strategien für Trans*liebchen nachgedacht. Und kürzlich habe ich dann endlich mal wieder eine gebotene Gelegenheit ergriffen und mich erfolgreich vor einer neuen,  netten Kollegin geoutet.

Ursprünglich hatte sie mich bloß gefragt, ob ich eigentlich verheiratet sei. Nach kurzer Überlegung (Haben wir gerade Zeit für mehr als zwei kurze Sätze zum Thema? Wer ist sonst noch in Hörweite? Wie sehr vertraue ich darauf, dass sie nicht komplett blöd reagiert und mein Arbeitsalltag zukünftig massiv leidet?) entschloss ich mich dann, diese Frage gnadenlos als Anlass für „die lange Antwort“ zu meinem Beziehungsleben zu nehmen.

Ich begann also damit, dass ich nicht verheiratet sei, das auch nicht so wichtig fände, dass mein Liebster und ich aber zur Zeit auch gar nicht heiraten könnten, wenn wir denn wollten, weil er nicht den passenden Personenstand habe. Dann musste ich kurz ‚Personenstand‘ erklären (= in der Geburtsurkunde eingetragenes Geschlecht, relevant für Heirat/Verpartnerung und Wehr-/Zivildienst; im Unterschied zu ‚Familienstand‘ = z.B.  ’noch mit jemand anders verheiratet‘), und dann waren wir auch schon beim Thema Trans*.

Ich fürchte, ich habe am Ende dann doch mehr erzählt, als zwingend notwendig gewesen wäre, aber sie schien ernsthaft interessiert zu sein, und ich fand es offenbar so erleichternd, endlich mal wieder entspannt aus meinem Alltag berichten zu können (gespickt mit ein paar dezent-politischen Anmerkungen zu Verfassungswidrigkeiten und anderen Zwangsmaßnahmen), dass ich den Mund so schnell gar nicht wieder zu gekriegt habe.

Interessanterweise habe ich in dem ganzen langen Gespräch es geschafft, weder das Wort ‚queer‘ noch das Wort ‚lesbisch‘ für mich zu benutzen, sondern mein Beziehungsleben ganz ohne Identitätslabel zu beschreiben. In diesem Fall halte ich das für einen großartigen Erfolg, denn so kam uns keinerlei Vokabelproblem (‚queer‘) in die Quere, und ich musste mich auch nicht einer Identität zuordnen, die ich seit Jahren nicht mehr als meine empfinde (‚lesbisch‘). Und trotzdem weiß sie jetzt, dass ich früher mit Frauen zusammen war, und dass ich jetzt mit jemandem zusammen bin, der sich selber als weder Mann noch Frau identifiziert, aber sein ‚offizielles‘ Leben als Mann lebt.

Ganz nebenbei erfuhr ich dann, dass die nette Kollegin eine enge lesbische Freundin hat, womit sie bei mir ganz nebenbei weitere Vertrauenspunkte sammeln konnte.

Und auch Tage später ist nichts von einer seltsamen Distanzierung ihrerseits oder ähnlichem zu spüren. Eher im Gegenteil: wir sind quasi kurz vor der ersten privaten Kaffeeverabredung.

Ich glaube, ich mache das mit dem Coming-Out jetzt öfter. :)