Es gibt immer einen Grund…

Als ich neulich im Bus saß, fiel mein Blick auf ein Plakat, das direkt vor meiner Nase hing. Es handelte sich um Werbung für ein Casino, offensichtlich Teil einer neuen Kampagne, die mit mehrdeutigen Begriffen spielt (die anderen mir bekannten Plakate dieser Serie sind maximal mittel-lustig aber zumindest nicht massiv ärgerlich). In diesem Fall haben die Werbeagentur „Neue Monarchie“ und ihre Auftraggeber aber den Witz voll verfehlt und stattdessen tief ins transfeindliche Klo gegriffen.

Werbung "Wenn Sie jeden Bluff durchschauen"Das Hauptbild ist auf den ersten Blick das einer stark geschminkten Frau mit lila Federboa und lila Federhaarschmuck sowie irgendwie aus dem Haar herausragenden Pfauenfedern. Sie trägt türkisem Nagellack und führt einen klassischen linkshändigen Colliergriff aus. Vielleicht eine glamouröse Casinobesucherin (keine Ahnung, ich kenne Casinos nur aus Hollywoodfilmen)?

Der Slogan dazu lautet „Wenn Sie jeden Bluff durchschauen“ und bezieht sich zunächst mal aufs Pokern (angedeutet durch die am Rande abgebildeten Spielkarten und Casinochips).

Aber da ist ja dieses Bild von dieser Frau, also sucht die Betrachterin nach dem, was hier angeblich „geblufft“ ist. Und sie wird fündig. Nicht nur hat die Dame ein Tattoo am Handgelenk, was ja keine „echte“ Lady je tragen würde, nein, die Lady scheint zudem insgesamt „männlicher“ zu sein, als es besagtem Casino offenbar zulässig erscheint. Und ist das wallende Haar nicht ohnehin eine auffällig identifizierbare Perücke?

In anderen Worten: es wird die Lesart nahegelegt, dass es sich hier um einen „Mann“ in „Frauenkleidern“ handelt, der uns mit seiner „geblufften“ Femininität in die Irre führen will.

Bei so viel beiläufiger Transfeindlichkeit blieb mir erstmal die Spucke weg. Dann habe ich es bereut, nicht mehr wie zu Teeniezeiten stets einen Edding in der Tasche zu haben. Und dann fiel mir das praktische kleine Blöckchen mit Haftzetteln ein, das momentan meine Tasche bewohnt. Auf einen jener Klebezettel schrieb ich also: „Diese Werbung ist transfeindliche Kackscheiße. Crossdressing („Transvestitismus“) und Transsexualität sind kein ‚Bluff‘!“ und pappte den Zettel auf das Plakat.

Das hat zumindest ein bisschen gegen das Ohnmachtsgefühl geholfen, auch wenn ich nicht im Ernst annehme, dass sich meine Erklärung, warum dieses Plakat transfeindlich ist, auf einem ca. 7×7 cm großen Zettelchen umfassend darstellen lässt. Differenziertes Denken verträgt sich nun mal meist schlecht mit Slogans.

Das Plakat unterstellt jedenfalls, dass Crossdressing (und eventuell Transsexualität) eine Strategie sei, jemanden zum eigenen Vorteil zu täuschen. Also quasi ein Betrugsversuch, der das „wahre“ Geschlecht verschleiert, um daraus einen Nutzen zum Nachteil eines anderen Menschen zu ziehen. Was wieder einmal anatomische Gegebenheiten als geschlechtliche „Wahrheit“ konstruiert, nach dem Motto „was man an geschlechtlich zugeordneten Merkmalen sieht, wenn eine Person nichts mehr anhat, ist deren ‚wahres‘ Geschlecht.“

Aber die hier angeworbenen potenziellen Casinobesucher*innen „durchschauen“ diesen „Bluff“ natürlich sofort dank ihrer glücksspielgeschulten Wahrnehmung. Vermutlich dürfen wir auch annehmen, dass solche „Bluffs“ ohnehin bereits an der Eingangskontrolle des Casinos „auffliegen“. Ein Casinobesuch geht schließlich nur mit „amtlichem Lichtbildausweis“ und da vermute ich doch mal stark, dass Trans*leute mit Ausweisen, die (angeblich) nicht zu ihrem Aussehen passen, von vorneherein wegbleiben, um unangenehme Situationen zu vermeiden. So bleibt die Spielbank zudem „ganz nebenbei“ ein Ort, an dem geschlechtliche Normabweichungen nicht stattfinden (sollen).

Nicht, dass jetzt der Casinobesuch als solcher dringend zu einem guten und menschenwürdige Leben gehören würde oder Spielbanken Orte sind, die man nun unbedingt für die ungestörte Nutzung durch Crossdresser/Trans*menschen erobern müsste. Aber wenn das Casino selber davon anfängt… Es gibt halt immer einen Grund für Trans*Aktivismus.

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