Stand der Dinge

Nachdem der letzte Beitrag in diesem Blog nun auch schon wieder über sechs Monate alt ist, muss ich abermals einsehen, dass ich wohl einfach nicht so viel zu sagen habe, wie ich ursprünglich dachte. Jedenfalls nicht aus der Position des „Trans*liebchens“ heraus. Aber dazu demnächst mehr.

Es ist nämlich nicht so, dass nichts passiert wäre, in den letzten Monaten. Im Gegenteil, Chris hat im April endlich seine Finanzierungszusage für die Brust-OP von der Krankenkasse bekommen, eben jene OP kurz darauf machen lassen und gut überstanden, und er hat inzwischen auch wieder mit dem Testo aufgehört. Aktuelle trans*bezogene Themen in unserem Alltag waren in den letzten Wochen und Monaten also vor allem Heilungsprozesse und OP-Nachsorge und die Feststellung, dass manche seiner T-Shirts jetzt wirklich, wirklich zu groß sind und vielleicht mal aussortiert werden könnten. Dies ist also der erste Sommer, in dem wir beim gemeinsamen Parkspaziergang auch an heißen Tagen nicht mehr für Lesben gehalten werden. Was aber (zumindest für mich) irgendwie gar nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt, alles in allem.

Dafür werden wir jetzt noch öfter als vorher blöd angeguckt, wenn ich die schweren Koffer in die Gepäckablage im Zug hebe oder das Paket mit den Saftflaschen vom Supermarkt nach Hause trage. Dass „ich-als-Frau“ nicht nur theoretisch in der Lage, sondern auch praktisch willens bin, meine Muskeln für solche Trage- und Hebetätigkeiten zu benutzen, auch wenn „(m)ein Mann“ dabei ist, scheint auch in diesem Jahrtausend immer noch eine Ungewöhnlichkeit zu sein. Chris ist in diesem Bild natürlich der uncharmante Ausbeuter, der „seine Frau“ die ganze Arbeit machen lässt. Vielleicht ist er aber auch der arme „Pantoffelheld“, der sich gegen „seinen Hausdrachen“ nicht durchsetzen kann… Auf jeden Fall machen wir das mit dem geschlechterrollengerechten Verhalten in unserer Beziehung offensichtlich falsch.

Aber es geht noch komplizierter: Möglicherweise haben wir nämlich beide als selbstidentifizierte queere Butch und Femme streckenweise  tatsächlich den Wunsch, dass er gentleman-like meinen schweren Rucksack in die Gepäckablage hievt, wofür ich ihn dann begehrlich anschaue, auch wenn wir als fremdidentifizierte/r „Mann“ und „Frau“ überhaupt gar kein Interesse an der Aufrechterhaltung solcher Geschlechterklischees haben. Nur dass man uns das Butch- und Femmesein inzwischen halt kaum noch ansehen kann, weil wir eben im Alltag zumeist als ein zwar etwas seltsames, aber nicht besorgniserregend abweichendes Heteropaar gelesen werden. In anderen Worten: Wir sind gezwungen, unser geschlechtliches Auftreten in der Welt neu zu untersuchen und ggf. zu modifizieren, damit es sich wieder für uns stimmig anfühlt.

Kurz vor der OP hatte ich nochmal eine mittlere Rundum-Krise, die mir so vorkam, als würden alle bisher nicht komplett bearbeiteten Stückchen und Eckchen meines „Trans*liebchenseins“ an die Oberfläche gespült werden, damit ich sie schnell nochmal begucken und bearbeiten kann. Das war insbesondere emotional ganz schön anstrengend und nichts, worüber ich währenddessen hätte bloggen wollen oder können. Und auch im Nachhinein stelle ich fest, dass ich zu den in diesem Rahmen aufgeworfenen Fragen/Themen noch immer nichts schreiben kann oder will.

Nichtsdestotrotz ist diese OP – wie erhofft – tatsächlich eine Art „Endpunkt“ für mich/uns gewesen, auch wenn Chris aktuell noch immer mit dem Heilungsprozess beschäftigt ist (und ich ihn auch wirklich gern mal wieder ohne Vorher-Nachdenken richtig fest umarmen würde!). Ich hoffe sehr, dass damit jetzt endlich all die offiziellen Stellen, die in den letzten drei Jahren immerzu irgendwie präsent in unserem Leben waren, wieder aus unserem Alltag verschwinden. Ich hoffe, dass wir uns damit jetzt endlich wieder auf unsere tatsächlichen Selbstdefinitionen konzentrieren können und nicht ständig besorgt sein müssen, ob dies oder jenes vielleicht negative Auswirkungen auf den „offiziellen“ Transitionprozess hat oder „der Einfachheit halber“ plötzlich überall die Story vom „Transmann“ erzählen, weil einfach keine Energie mehr für Erläuterungen komplexerer Identitäten und Identifizierungen mehr da ist. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich unser Leben weiterentwickelt, nachdem die offiziellen Teile der Transition soweit erstmal abgeschlossen sind.

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Trans*aktionspause

Vor ungefähr einem Jahr war ich ziemlich sicher, dass Chris noch vor Weihnachten 2010 seine Brust-OP gehabt haben würde.

Dem war nicht so.

Ehrlich gesagt, habe ich in dem Wust von ÄrztInnen, Gutachtern/PsychotherapeutInnen, Krankenkassen und sonstigem Ämter- und Medizinkrams ein bisschen den Überblick verloren, was genau wann genau passiert ist. Chris hat nämlich nicht nur das Trans*thema in Angriff genommen, sondern ist ‚ganz nebenbei‘ auch noch seine chronischen Schmerzen angegangen und hat allerlei Lohnarbeitsdrama und -unsicherheit durchgestanden. Zeitweise hatte er bis zu drei Behandlungs-, Untersuchungs- bzw. Beratungstermine pro Woche, monatelang. Manchmal wusste keine*r von uns mehr so richtig, welche Baustelle jetzt am dringendsten bearbeitet werden musste, weil alles irgendwie miteinander verknäult war und an jedem Ende ein dicker Knoten aufs langsame Auseinandertüddeln gewartet hat. Existenzielle Sorgen um den eigenen Lebensunterhalt machen es zudem auch nicht einfacher, sich konzentriert und enthusiastisch um seine medizinischen und trans*technischen Angelegenheiten zu kümmern. Chris kam sich irgendwann jedenfalls quasi rundum ‚defekt‘ vor, was weder seine noch meine Lebensqualität gesteigert hat.

Inzwischen ist ein bisschen Ruhe eingekehrt. Ich habe einen neuen unbefristeten Job, und er hat ebenfalls einen neuen Job, der zumindest befristet finanzielle Sicherheit verspricht. Die chronischen Schmerzen sind zwar immer noch da, aber er verbringt nicht mehr ganz so viel Zeit in irgendwelchen Praxen. Seine „Therapeutin“ hat sich zwar geweigert, ihm eine Bescheinigung über eine durchgehende Behandlung auszustellen (sie fand seinen Entschluss, vorübergehend Hormone zu nehmen, inkonsequent), aber zumindest steht er jetzt nicht mehr ganz ohne Nachweis über die von der Krankenkasse geforderte „psychologische Begleitung“ da. Und Hormone nimmt er ja jetzt auch schon eine ganze Weile. (Momentan ist er übrigens massiv im Stimmbruch und wechselt munter zwischen Brummen und Quietschen, was wir beide mit Humor nehmen. Und da die Hormone das eine oder andere alte medizinische Problem verstärken bzw. neue medizinische Probleme schaffen, hat er vor einiger Zeit auch beschlossen, nur noch so lange Testo zu nehmen, bis er mit dem Stimmbruch durch ist. Was ziemlich unberechenbar eine Zeitspanne zwischen zwei Monaten und zwei Jahren sein kann, wenn man den Ergebnissen meiner oberflächlichen Google-Recherche trauen will.)

Der nächste Schritt wäre jetzt, seine ganzen Unterlagen und Bescheinigungen an die Krankenkasse zu schicken und darauf zu hoffen, dass die einfach ihr Okay für die OP gibt und nicht darauf beharrt, dass die Standard-Anforderungen bis zum letzten I-Tüpfelchen genauestens erfüllt werden (womit dann schätzungsweise Runde Nr. 378 des Trans*karussels losginge).

Aber irgendwie scheint gerade Trans*aktionspause zu sein, jedenfalls höre ich nichts über derartige Aktivitäten. Ich soll doch einfach nachfragen? Ja, den Rat hätte ich wem anders wahrscheinlich auch gegeben. Aber irgendwas hält mich davon ab. Ist doch gar nicht mein Job, ihn zu schnellerem Handeln in diesem Punkt zu animieren (und Nachfragen signalisiert ja zwangsläufig, dass mir die Wartezeit gerade etwas lang vorkommt). Soll er doch seine Transition in seinem Tempo und auf seine Art machen.

Gleichzeitig frage ich mich aber manchmal, wann er denn endlich mal einen ‚vorläufig finalen‘ Stand der Dinge erreicht. Also einen Zeitpunkt, wo man mal über andere Lebenspläne sprechen könnte. Zum Beispiel, was jede*r von uns denn so für Wünsche an die Zukunft hat, und wie die zusammenpassen. Wo wir wohnen wollen würden, wenn wir hier mal ausziehen. Was und wie wir idealerweise arbeiten möchten. Ob wir tatsächlich mit dem einen oder anderen Tier unseren Alltag teilen wollen. Sowas halt. Wo die Zukunft deutlich über „wenn Chris endlich seine Brust-OP durch hat“ hinaus geht. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass wir beide auf diesen diffusen Zeitpunkt ‚danach‘ warten, ab dem dann endlich wieder Platz, Zeit und Energie für andere Themen ist. Natürlich funktioniert das Leben so nicht, und die anderen Themen quetschen sich immer wieder dazwischen. Aber es ist schon was anderes, sich mit beruflichen Zukunftsfragen zu beschäftigen, weil man aufgrund äußerer Umstände gerade muss, als sich entspannt ein paar Gedanken über sein zukünftiges Arbeitsleben zu machen, weil man gerade möchte. Und auch wenn ich nicht erwarte, dass eine*r von uns in naher Zukunft ein irgendwie ‚endgültiges‘ Geschlecht findet und einnimmt, so hätte ich doch langsam gern mal ein etwas ‚finaleres‘ Gefühl zu seinem Geschlecht, so für eine Zeitlang.

Für mich war und ist bisher die Brust-OP (inklusive Erholungszeit) so ein Ereignis, das einen gewissen ‚Schluss‘ markiert. Schließlich war der Wunsch nach dieser OP der Auslöser für den ganzen offiziellen Trans*kram.

Ich glaube, ich frage ihn jetzt doch mal, wie der Stand der Dinge gerade ist…

Transliebchen-Errungenschaften 2010

Heute lasse ich mich von The Daily Post inspirieren. Dort wurde gestern gefragt: „What is the single most important thing you accomplished in 2010?“
Was also ist meine wichtigste Errungenschaft aus dem vergangenen Jahr – bezogen auf mein Dasein als Transliebchen?

Ich würde sagen, es ist das Willkommensritual, das ich iniitiert, geschrieben und gesprochen habe, als Chris mit Testosteron angefangen hat.

Wie man meinen vorigen Postings entnehmen kann, bin ich allgemein eher skeptisch, was Chris‘ Entscheidung fürs Testo-Nehmen angeht. Für mich war nämlich genau das immer die zentrale Angst als Femme mit Hang zu transmaskulinen Butches: dass ‚meine‘ Butch eines Tages Hormone nehmen will und dann ‚alles irgendwie ganz schlimm‘ wird.

Da Chris sich nun aber für Testo entschieden hat, und da ich das keinen hinreichenden Grund finde, unbesehen die Beziehung zu beenden, hieß das also, dass ich irgendwie mit dem Testo und seinen Auswirkungen leben will. Und das wollte ich nicht nur zähneknirschend und widerwillig tun, denn dann hätte ich immer das Gefühl gehabt, ich nehme mir die Möglichkeit, die eine oder andere Testowirkung auch positiv zu finden (für ihn, für mich oder für uns).

Also wollte ich das Testo gebührend in unsere Beziehung und unseren Alltag aufnehmen. Und da ich ohnehin versuche, meinen Alltag (und erst recht wichtige Wendepunkte im Leben) spiritueller (das ist mein neutraler Begriff für alles, was mit Glaubensdingen zu tun hat – und ist in meinem Falle ausdrücklich nicht christlich gemeint) zu gestalten, lag es nahe, ein kleines ‚Willkommensritual‘ zu veranstalten.

Am Ende war es dann eher ein ‚Gebet‘ (ich stelle fest, ich arbeite bei diesem Thema extrem viel mit vorläufigen Hilfsbegriffen, die daher gehäuft in Anführungsstrichen stehen) als ein Ritual. Aber das hat dann auch gepasst. Und es hat vor allem funktioniert. Die Schachtel mit dem Testogel im Badezimmer hat mich danach nie wieder gestört.

Hier ist ein Auszug daraus, der gern von anderen aufgegriffen und für die eigenen Bedürfnisse passend umgeschrieben werden darf:

May this new beginning be blessed […]

May this next step be a step into the right direction for both of us.

[…]

May we always find a community to call our home. May we be supported by our families, the ones we were born into, and the ones we chose as friends.

May we both feel our emotions that are attached to this. May we accept them and express them, no matter if they are sadness, anger, or grief, or if they are joy, excitement, curiosity, or relief. May we understand each other’s emotions and feel understood and accepted by the other.

May our love for ourselves and for each other be strong, and may our relationship grow even better and stronger than it already is.

[…]

May this next step bring healing and peace to both of us.

May we both embrace the coming transformation of Chris‘ body, inside and out, and may he suffer no ill effects from the hormones.

May we embrace the transformation this next step may bring to our relationship and the ways we exist and are seen in this world.

[…]

May we know where to find our Ancestors in this, the people who have walked similar paths before us. May they share their wisdom with us, and may they support us in Spirit so that we never feel alone.

[…]

May we be safe and nourished wherever we go …

[…]

May we be protected day and night …

And above all, may we know joy.

So be it.

Und sonst? Ich habe diesen Blog begonnen, das ist auch eine Errungenschaft. Auch wenn ich bedaure, dass bisher noch kaum jemand auf diese Seite gefunden hat. Ich weiß nicht so recht, woran es liegt – wird auf deutsch vorrangig anderswo gebloggt? Sucht einfach niemand nach Transgender + Partnerschaft? Muss ich mehr kommentieren und meinen Link in anderen Blogs hinterlassen? Bin ich schlicht zu ungeduldig?

Außerdem habe ich den Entschluss gefasst, mich 2011 deutlich aufdringlicher zu outen. Wenigstens ein paar mehr von meinen Kolleg*innen und entfernteren Bekannten sollen nicht mehr die Möglichkeit haben, mich als ungebrochen hetera zu sehen. Als Anlass sei mir daher alles halbwegs an den Haaren herbeiziehbare recht (denn auf Gelegenheitem zum eleganten Einflechten warte  ich jetzt seit Monaten vergebens) – und wenn es der demnächst nötige Rasierunterricht für die Butch ist.

A propos: Neulich traf mich unerwartet die Erkenntnis, dass ich Chris‘ entzückendes Oberlippenhaar vermissen werde, wenn es zu dick/dunkel/lang zum Stehenlassen geworden ist. Und das wird leider bald der Fall sein. Seufz. (Aber vielleicht kriegt er ja statt dessen Bauchhaar – so einen kleinen pleasure trail finde ich nämlich sehr appetitlich! Er selbst leider nicht, aber ich nehme an, auf eine regelmäßige Bauchrasur hat er dann auch keine Lust…)

Mehr Testoskepsis

In meinem vorigen Beitrag habe ich ja meine Befürchtungen bezüglich der Auswirkungen von Testosteron auf meinen Liebsten (nennen wir ihn Chris) und auf mein Begehren für ihn beschrieben. Worüber ich noch nichts geschrieben habe, sind meine sonstigen Bedenken zu Testosteron, allgemein und in diesem speziellen Fall.

Der spezielle Fall (1)

Chris hat lange keine Notwendigkeit für sich gesehen, Testo zu nehmen. Der Hauptgrund dafür war, dass er es schlicht nicht nötig hat, weil er eh meistens als Mann gelesen wird (erst recht in der kalten Jahreszeit, wo man bekleidungsbedingt eh weniger Körperform sieht). Seine Gesichtszüge sind auch ganz ohne Testo sehr maskulin, seine Stimme ist nicht besonders hoch, und er ist auch nicht so klein, dass die meisten Leute deshalb seine Männlichkeit anzweifeln würden. Wenn überhaupt, dann wirkt er eher ab und zu ein bisschen tuntig als weiblich. Sein Hauptanliegen war und ist daher auch die Brust-OP, und die war auch der Grund, warum er mit dem ganzen offiziellen Trans*krams überhaupt angefangen hat.

Er hat also im August 2009 die Vornamensänderung nach dem TSG (Transsexuellengesetz) beantragt, in der Hoffnung, mit Hilfe der dazugehörigen Gutachten dann die OP-Genehmigung zu erhalten. Die Gutachtertermine und Gutachten hat er dann auch relativ schnell bekommen, so dass nach dem Gerichtstermin und der Widerspruchsfrist im März 2010 die Vornamensänderung rechtsgültig war. Danach kam eine Phase mit ziemlich vielen Arztterminen (Endokrinologie, Gynäkologie, Chirurgie…) und sonstiger Rennerei, um alle Unterlagen zusammenzukriegen, die für den OP-Antrag (Antrag auf Kostenübernahme) bei der Krankenkasse erforderlich waren. Im August 2010 hat er den dann endlich abschicken können.

Und dann hat das Warten angefangen. Von dem, was ich im Freundes- und Bekanntenkreis so höre, ist das mit Abstand der schlimmste Teil. Man kann selber aktiv nichts mehr tun, sondern ist ‚dem System‘ völlig ausgeliefert. Man rennt jeden Tag hoffnungsfroh zum Briefkasten, nur um dann enttäuscht wieder zurück in die Wohnung zu schlurfen, weil wieder keine Antwort von der Krankenkasse angekommen ist. Bei Chris kam noch dazu, dass er bis dahin ja keine Hormone genommen hatte und insofern von dem ‚klassischen Trans*prozess‘ (erst Hormone, dann Vornamensänderung, dann Brust-OP, dann ggf. Sterilisierung, dann  ggf. Personenstandsänderung) abgewichen ist und deshalb ständig in Sorge war, ob die Krankenkasse die OP so überhaupt finanzieren würde (und wenn nicht, was dann der Plan B wäre: die OP selber zahlen und auf die Absicherung durch die Krankenkasse im Fall von Komplikationen/Nachbehandlungen verzichten? sich durch dieses System dazu zwingen zu lassen, doch Testo zu nehmen?).

Einschub: Der ‚klassische Trans*prozess‘

Kurz eingeschoben: Diese Vorstellung des ‚klassischen Trans*prozesses‘ wie ich ihn eben zusammengefasst habe,  stammt vor allem aus den Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen, einer Richtlinie für die medizinische und psychologische Behandlung von Transsexuellen. Diese gibt vor, dass für eine sogenannte „Indikationsstellung zur Transformationsoperation“ (also für ein Schreiben von Psychotherapeut*innen, in dem die Notwendigkeit für eine OP festgestellt wird) unter anderem eine Hormonbehandlung von mindestens einem halben Jahr erforderlich ist. Diese Richtlinien werden von Krankenkassen offenbar als Standardweg ohne Ausnahmen behandelt, obwohl es in der Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität [pdf] vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. ausdrücklich heißt: „Bei allen gutachtlichen Stellungnahmen handelt es sich um sozialmedizinische Empfehlungen zu einem Einzelfall ohne beispielgebende Wirkung.“

Der spezielle Fall (2)

Jedenfalls kam und kam nichts von der Krankenkasse an. In der Zwischenzeit musste Chris noch dazu berufsbezogen ziemlich viel mit fremden Menschen telefonieren, die ihn am Telefon ständig als Frau eingeordnet haben. Das hat die Situation des angespannten Wartens nicht wirklich entspannt, sondern im Gegenteil noch zusätzlichen Stress erzeugt. Noch dazu wollte man ihm eine berufliche Veränderung ausdrücklich erst dann anbieten, wenn er die OP (die er ehrlicherweise angesprochen hatte) hinter sich hätte. Jeder Tag, der ohne das Krankenkassen-OK verstrich, fügte also seinem allgemeinen Level des Angekotztseins und Sich-ausgeliefert-fühlens weitere Grade hinzu.

Im Oktober kam dann endlich ein Brief von der Krankenkasse an. Er enthielt als Formbrief nur knapp die Aufforderung, die Kriterien der Behandlungsstandards nachzuweisen, nämlich eine Psychotherapiedauer seit mindestens anderthalb Jahren, einen „Alltagstest“ seit mindestens anderthalb Jahren – und eine Hormonbehandlung seit mindestens einem halben Jahr. Also alles wie befürchtet.

Chris hat dann kurz überlegt, ob er einen Anwalt einschaltet und rechtlich gegen diese Anforderungen vorgeht (weil die Richtlinie Einzelfälle mit anderen ‚Behandlungsverläufen‘ eigentlich ermöglichen müsste). Diesen Plan hat er jedoch verworfen, weil der Anwalt seines Vertrauens selbst für einen Beratungstermin so viel Geld verlangt hätte, dass diese Option einfach zu teuer war. Aus demselben Grund kam auch eine Eigenfinanzierung der OP nicht in Frage. Es blieb also eigentlich nur die Möglichkeit, sich ‚dem System‘ und seinen Anforderungen zu fügen und sich doch Testosteron verschreiben zu lassen. Und das hat er ja Anfang November 2010 ja dann auch getan.

Normierungsprozesse

Vermutlich ist jetzt schon klar, warum ich so skeptisch gegenüber seiner Entscheidung bin? Für mich riecht das Ganze nämlich einfach danach, als hätte ein beschissenes Normierungssystem („wenn du schon trans* bist, dann kannst du es aber nur auf diese eine Art sein“) es mal wieder geschafft, sich einen Menschen, für den eigentlich etwas ganz anderes der richtige Weg gewesen wäre, einzuverleiben. Und der betroffene Mensch redet sich diesen Zwang vom System jetzt so lange schön, bis er es am Ende selbst für eine gute Idee hält, der Norm in diesem Punkt zu entsprechen. Denn es wäre doch vielleicht gar nicht schlecht, eine tiefere Stimme zu haben… Und mit mehr Körperbehaarung und einer größeren Klit könnte man vielleicht auch ganz gut leben… Ganz zu schweigen von der sehr willkommenen Fettumverteilung… Und der Rest wird bestimmt schon nicht so schlimm werden – man kriegt keine Rückenhaare oder Akne, der Körpergeruch bleibt im Bereich des Angenehmen, die Gesichtsform verändert sich nicht zum Negativen…

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich sehr wohl den Mechanismus kritisieren kann, der hinter so einem Normierungsprozess steckt, und gleichzeitig den einzelnen Menschen, der nun mal nicht so einfach aus diesem System ‚aussteigen-‚ kann, in seiner Entscheidung unterstützen kann. (Mit dieser Art Widerspruch lebe ich ja schließlich auch, wenn ich mir die Beine rasiere, damit ich von anderen Frauen nicht komisch angeguckt werde… Also, nicht dass ich jetzt Testo nehmen und Beinhaare rasieren gleichsetzen wollte — ich finde nur die Logik der Normierung ist ähnlich, wenn auch auf sehr unterschiedlich dramatischem Level.) Aber ganz so sauber lässt sich das in der praktischen Anwendung natürlich dann doch nicht trennen, so dass (ebenso wie bei meinen Beinenthaarung) ein ungutes Restgefühl bleibt. Bringt aktiver Widerstand gegen (oder ‚passive‘ Abweichung von) Normen nicht automatisch immer einen gewissen Komfortverlust für die Widerständigen mit sich, und man muss sich halt einfach nur daran gewöhnen? Ist Anpassung nicht immer auch ein bisschen äußerst fragwürdiger Ausverkauf? Warum entziehen sich nicht wenigstens diejenigen, die es sich aufgrund ihrer zahlreichen Privilegien eigentlich ganz gut leisten könnten, solchen Normen (also, im Fall von Trans*typen die, die auch ohne Hormone ziemlich oft als Mann gelesen werden und ohnehin keinen dringenden Wunsch nach Bartwuchs verspüren – und im Fall von Beinhaarentfernerinnen die, die insgesamt als eher attraktiv gelten und selber ihre Haare gar nicht so furchtbar finden)?

Muss Widerstand sichtbar sein?

Oder tappe ich genau bei dieser Argumentation in die Falle des viel zu oft geforderten „Sichtbarkeitsbeweises“ für widerständige Identitäten?

Schließlich ist effektiver Widerstand gegen ein normierendes System nicht nur dann ernsthaft möglich, wenn man den Normen selbst nicht entspricht. Schließlich kann ich mir eher lustlos die Beine rasieren und trotzdem (oder gerade deswegen!) gegen eine normierende gesellschaftliche Körperhaarphobie und andere Aussehensnormen agieren. Warum sollte dann ein Trans*mensch nicht Hormone nehmen und trotzdem glaubwürdig gegen Geschlechternormierung aktiv sein? Schließlich finde ich ja in Bezug auf Femmes auch, dass Patrick Califia recht hat, wenn er sagt:

„Blame should not be placed on those of us who pass as straight [or cisgender, T*L], but on the system that allocates safety and privilege to only one group of people: gender-normative heterosexuals.“ (aus: Sex Changes, 1997)
(= Die Schuld sollte nicht denen von uns gegeben werden, die als hetero [oder cisgender, T*L] durchgehen, sondern dem System, das Sicherheit und Privilegien nur einer Gruppe Menschen zuteilt: geschlechternormativen Heterosexuellen.)

Ist ein dauerhaftes Leben in einem geschlechtlich ‚dritten‘ Raum überhaupt möglich, wenn man nicht genau dieses Leben zum Beruf macht (indem man z.B. in diesem Themenfeld schreibt, performt, vorträgt, filmt, musiziert, forscht, etc.)? Welchen Preis zahlt man für die ‚Freiheit‘ der visuellen geschlechtlichen Uneindeutigkeit? Und für wen halte ich mich eigentlich, wenn ich denke, ich hätte bei einer solchen Entscheidung etwas mitzureden? (Andererseits identifiziert sich Chris nun mal nicht als Mann, sondern als Transgender Butch, so dass ich Grund zu der Annahme habe, dass größtmögliche Eindeutigkeit jederzeit und überall auch gar nicht sein Anliegen ist.)

Wenn nicht Testo, was dann?

Und trotzdem: Ich bleibe skeptisch, was die Wahl des Mittels anbelangt. Das heißt, ich verstehe es sehr gut und unterstütze es, wenn jemand die Reibungsfläche zwischen sich und der Umwelt verringern möchte (vor allem, wenn die damit gesparte Lebensenergie einen insgesamt glücklicheren Menschen erzeugt!) . Aber ich bin nach wie vor nicht sicher, ob Testo dazu immer die beste Methode ist. Und ich finde, es wird (zumindest in Deutschland) zu wenig über Alternativen gesprochen.

Um mal beispielhaft auf Chris‘ speziellen Fall zurückzukommen: Wie schon gesagt, wird er in den meisten direkten Begegnungen zweifellos als Mann gelesen. Sein Aussehen kann also kein bedeutsamer Hinderungsgrund für diese Lesart sein — d.h. er bräuchte die visuellen Auswirkungen von Testo (hier v.a. mehr Gesichts- und Körperbehaarung, Fettumverteilung) eigentlich gar nicht. Am Telefon hat er allerdings massive Probleme mit Fehlwahrnehmungen anderer Leute. Da sein Körper hier vollkommen irrelevant, weil unsichtbar ist, bleiben am Telefon also zwei Faktoren übrig, die die Wahrnehmung anderer Leute beeinflussen können: seine Stimmlage und seine Sprechweise. Zu seiner Stimmlage habe ich ja schon gesagt, dass sie in einem Bereich liegt, der definitiv sowohl von Cisfrauen als auch von Cismännern belegt wird. Wenn die Stimmlage also uneindeutig ist, muss seine Sprechweise der entscheidende Faktor sein, nachdem andere Menschen entscheiden, ob sie ihn am Telefon als Mann oder als Frau einordnen.

Meine persönliche Logik wäre daher, zuerst einmal herauszufinden, was eigentlich die aktuellen, kulturspezifischen Unterschiede zwischen ‚männlicher‘ und ‚weiblicher‘ Sprechweise sind. Diese Unterschiede halte ich übrigens weder für angeboren noch für unveränderlich. Ich glaube außerdem nicht, dass sie in irgendeiner Form zwingend mit einer bestimmten Ansammlung anatomischer Merkmale zusammenhängen. Deshalb ist es wohl sinnvoller, von ‚maskulinem‘ und ‚femininem‘ Sprechen zu reden, um deutlich zu machen, dass es hier nicht um biologistische Geschlechterbilder, sondern um soziale Rollen und Gewohnheiten bei der Geschlechtswahrnehmung geht.

Wenn mir die Unterschiede zwischen ‚femininem‘ und ‚maskulinem‘ Sprechen dann klar(er) wären, würde ich überlegen, inwieweit ich mein eigenes Repertoire in diesem Bereich erweitern möchte. Und wahrscheinlich würde ich losgehen und mir kompetente Unterstützung aus dem Bereich Sprech- und Stimmtraining suchen (mich würde ja brennend interessieren, ob die Krankenkassen das finanzieren würden, z.B. wenn jemand aus medizinischen Gründen kein Testo nehmen kann). Die Idee dabei ist, bewusst entscheiden zu können, ob und wann ich es anderen Menschen gerade leicht machen möchte, mich zweifellos als Mann oder Frau zu hören. Wenn es mal schnell und problemlos gehen soll, würde ich eindeutiger ‚maskulin‘ oder ‚feminin‘ sprechen. Wenn mir gerade an Aufklärung und/oder Irritation meines Gegenübers gelegen ist, würde ich mich einer eindeutigen Zuordnung verweigern (entweder absichtlich oder weil ich mein Sprechen nicht bewusst kontrolliere).

Klar, das klingt erstmal nach mehr Aufwand als tägliches Testo-Schmieren (obwohl…), aber es würde eine*n dafür wesentlich unabhängiger von Krankenkassen, Pharmaindustrie und medizinischem Fachpersonal machen. Man wäre nicht so in dieses Normierungssystem eingebunden und würde sich mehr Wahlmöglichkeiten erhalten/schaffen. Insofern würde mich interessieren, warum im deutschsprachigen Raum so wenig über solche ’selbstbestimmte(re)n‘ Methoden der Lesart-Beeinflussung gesprochen wird. (In amerikanischen Kontexten stolpere ich öfter über sowas. Aber in den USA haben auch deutlich weniger Leute eine Krankenversicherung haben, die Kosten für Hormone oder OPs im Trans*zusammenhang übernimmt. Die Entwicklung/Aneignung von anderen Methoden ist also dort oft eher eine systembedingte Notwendigkeit und weniger eine freie Wahl.)

Aber gut, Stimmtraining hilft natürlich nicht gegen schwachsinnige Krankenkassenauflagen…

Insofern: ich versteh’s ja, das mit der Entscheidung fürs Testo…

Testo und ich (was bisher geschah)

Schon vor über 10 Jahren, als ich als frischidentifizierte Femme das erste Mal Stone Butch Blues (dt: Träume in den erwachenden Morgen) von Leslie Feinberg las, wuchs in mir die Vermutung, dass ich als Butch-liebende Femme mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später mit der Thematik von FTM-Transitionen zu tun kriegen würde. Dieser Verdacht verstärkte sich durch meine Beobachtung, dass jede einzelne Butch, mit der ich in meinen ersten Femmejahren näher zu tun bekam, zumindest eine Zeitlang intensiv darüber nachgedacht hatte, die eigenen Brüste loszuwerden. Die meisten hätten nach wie vor ohne jedes Zögern Ja zu einer schmerzlosen und kostenneutralen Brustentfernung gesagt (exklusive Nippel und deren erotische Kapazitäten, wohlgemerkt). Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich als Frauen und Lesben zu identifizieren.

Die „Theresa-Frage“

Ich stellte mir also schon sehr früh (und erstmal theoretisch) die „Theresa-Frage“*: Wenn ‚meine‘ Butch sich entscheiden würde, fortan als Mann leben zu wollen und entsprechende hormonelle und operative Maßnahmen vornehmen würde, wäre das für mich ein Trennungsgrund?

(*In Feinbergs Roman entscheidet sich die Butch-/Trans*-Hauptfigur Jess in den frühen 1970er Jahren dazu, aus Gründen des ökonomischen und psychischen Überlebens Testosteron zu nehmen und nach außen hin als Mann zu leben. Theresa ist ihre Femme-Partnerin, die sich von ihr trennt, weil sie feststellt, dass sie als feministische Lesbe nicht mit einem Menschen zusammenleben kann und will, den die Welt für einen Mann hält. Dieser Konflikt ist im Buch als für beide Seiten sehr emotional beschrieben. Dadurch, dass die Geschichte aus Jess‘ Perspektive geschrieben ist, bleibt aber bei allem Verständnis für Theresas Perspektive vor allem das Gefühl hängen, dass diese ‚ihre‘  Butch wegen eines egoistischen Beharrens auf einer lesbischen Identität hängen lässt.)

In den folgenden Jahren kam ich immer wieder auf diese Frage zurück, wobei sich nach und nach für mich herauskristallisierte, dass ich zwar durchaus offen für körperliche Veränderungen war/bin (wie ich herausfand, sind meine eigenen erotischen Reaktionsmuster da sehr flexibel), dass ich aber nicht bereit war/bin, meine eigene Queerness grundsätzlich und überwiegend zu verleugnen, um einem Trans*partner ein weitestgehend ungebrochenes Leben als Mann zu ermöglichen. Das ist immer noch so.

Der Ex und ich (eher konfliktreich)

Meine vorige Beziehung war ebenfalls mit einer Transgender Butch. Er hatte von Anfang an einen eindeutig männlichen Namen (damals noch nicht in seinem Ausweis), und ich habe über ihn immer mit männlichem Pronomen gesprochen. Das war die Zeit, in der mich ein langjähriger schwuler Freund fragte: „Bist du jetzt hetero?“ Das war auch die Zeit, als ich lernte, unsichtbar zu sein. Diese Unsichtbarkeit wurde verstärkt durch meine immer länger werdenden Haare (mit denen ich Zentimeter für Zentimeter aus dem ‚Lesbenschema‘ herauswuchs) und durch meine Entscheidung, mich weniger auffallend/’alternativ‘ zu kleiden. Beides wurde durch meinen Ex sehr bestärkt, denn meine visuelle feminine ‚Normalität‘ an seiner Seite erhöhte deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass er als Mann gelesen wurde (und das war ihm sehr wichtig). In heterodominierten Umgebungen wie Supermärkten, Straßenbahnen und Shoppingmeilen kostete mich das Dasein in dieser visuellen ‚Normalität‘ plötzlich massiv weniger Energie als meine vorigen Verkörperungen als visuell ‚Andere. Das war meist sehr angenehm, auch wenn ich noch sehr lange nicht mit diesem Privileg rechnete (schließlich hatte ich es seit meiner Teenagerzeit nicht mehr gehabt). Eigentlich erwarte ich bis heute, dass man mir mein ‚inneres Anderssein‘ ansehen kann und bin regelmäßig irritiert, wenn ich merke, dass dem nicht so ist.

In Umgebungen, die als queer definiert waren, fiel ich dagegen mit dieser visuellen ‚Normalität‘ ziemlich auf. Es gab dort zwar hin und wieder feminine Signale, allerdings meist an Männern/alltagsmaskulinen Menschen. Femininität konnte dort außerdem als außergewöhnliches Spektakel existieren, sichtbar gemacht durch Exzesse von Glitter, Make-up und anderen trashigen Elementen. In Lesbenzusammenhängen tauchten zwar im Vergleich zu den frühen 1990ern ebenfalls vereinzelt längere Haare, rote Lippen, höhere Absätze oder gar Röcke auf – allerdings nicht alles zusammen an derselben Person und immer nur in begrenztem Ausmaß (d.h. die Haare waren nicht länger als schulterlang, die Absätze waren blockig und nicht zu hoch, und die Röcke wurden gern über Hosen getragen). Insgesamt führte die Kombination von seinem und meinem Genderausdruck dazu, dass wir entweder für ein Heteropaar gehalten wurden (was mich unglücklich machte und uns aus queeren Zusammenhängen ausschloss) oder für ein Lesbenpaar (was ihn unglücklich machte und aus der ersehnten Männlichkeit ausschloss). In Einzelfällen mag man uns auf lesbischwulen Partys auch für einen Schwulen plus Gabi (= heterosexuelle Feierbegleitung) gehalten haben. Sprich: eigentlich gab es nirgends einen Ort, wo wir beide in Übereinstimmung zu unserem Selbstverständnis gelesen wurden. Das war daher auch die Zeit, in der ich aufhörte, Spaß am Ausgehen zu haben, u.a. weil die ständigen Identitätskonflikte und -erklärungsnotwendigkeiten einfach nicht viel Partystimmung aufkommen lassen wollten.

Mein Ex hatte mir während unserer Beziehung immer wieder versichert, dass er eine Butch sei und kein Mann. Er identifizierte sich stark mit Leslie Feinberg bzw. der Figur Jess aus Stone Butch Blues und träumte (mit mir) von einer zeitgenössischen Butch/Femme-Kultur basierend auf einer romantisierten Lesart von Feinbergs Beschreibungen. Er grenzte sich massiv von Drag Kings (weil die ihre Maskulinität/Männlichkeit schließlich nur spielten und trotzdem dafür weit mehr soziale Anerkennung bekamen als er) und Transmännern (weil diese das leidvolle Dasein als Butch hinter sich ließen und in die männliche ‚Normalität‘ abwanderten) ab und beteuerte, er wolle niemals Testosteron nehmen. Was mir sehr entgegenkam, denn ich wollte ja auch mit einer Butch zusammensein und nicht mit einem Mann.

Entsprechend schockiert und vor den Kopf gestoßen war ich, als er mir am Ende unserer Beziehung eröffnete, dass er beim Endokrinologen gewesen sei, um sich Testosteron verschreiben zu lassen. Dabei hat mich weniger die Entscheidung als solche so umgehauen, sondern vor allem die Tatsache, dass er vorher nie mit mir darüber geredet hatte, dass er sich über Hormone Gedanken macht. Zumal ich wusste, dass die meisten Endokrinologen nicht einfach so Testosteron verschreiben als wären es Kopfschmerztabletten, sondern dass sie in der Regel mindestens ein psychologisches Gutachten verlangen, in dem die Transsexualität der betreffenden Person diagnostiziert wird. Heißt, mein Ex muss bereits weit vorher angefangen haben, diesen Weg zu beschreiten, ohne mich als seine Partnerin auch nur mit einer Silbe in den Prozess einzubeziehen, der mich schließlich direkt betraf. Aber unsere Beziehung war damals ohnehin schon durch mehrere Vertrauensbrüche seinerseits erschüttert, so dass diese Mitteilung nur der letzte Tropfen war, der das Fass der angehenden Trennung dann zum Überlaufen brachte.

Diese emotional wirklich (excuse my French) beschissene Erfahrung machte es mir natürlich nicht eben einfacher, eine entspannte Haltung gegenüber den Menschen einzunehmen, die sich für Testosteron oder andere ‚offizielle‘ trans*verwandte Dinge (wie rechtliche Vornamensänderungen, verschiedene Operationen, oder Personenstandsänderungen) entschieden.

Testo im Freundeskreis

In den Folgejahren begannen verschiedene andere Leute aus meinem Bekannten- und Freundeskreis ebenfalls Testo zu nehmen. Mein Gefühl, dass Tesio dasjenige der oben genannten Dinge ist, das am meisten dazu beiträgt, (visuelle) geschlechtliche „Normalität“ herzustellen, hat sich dadurch allerdings eher bestätigt. Ich merke das vor allem an meiner persönlichen Begehrenskurve. Dazu muss man wissen, dass ich maskuline Gesichtszüge an Menschen mit weiblich zugewiesenem Körper wahnsinnig attraktiv finde, und dass Gesichter für mich der Körperteil sind, an dem ich Geschlecht am meisten festmache (das ist nicht immer gut, aber trotzdem wahr). Ich liebe es, wenn ein Gesicht in ein und demselben Gespräch zwischen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ changieren kann, am liebsten mit vielen Zwischentönen. Zurück also zu meinen Freunden und Bekannten. Diejenigen, die ich prä-Testo attraktiv fand, wurden durch die Testo-Benutzung zuerst noch ein bisschen attraktiver für mich, und ‚kippten‘ dann visuell irgendwann in einen Bereich, der außerhalb meines ‚Beuteschemas‘ liegt. Natürlich sind sie alle nach wie vor wunderbare Menschen, mit denen ich ausgesprochen gern befreundet bin. Aber die visuelle Anziehung ist erstmal weg.

In Freundschaften sind solche visuellen Veränderungen allerdings ein absolutes Randthema, denn da stehen für mich andere verbindende Dinge im Vordergrund. In einer Beziehung (und damit kommen wir zum Hier und Heute) ist die visuelle Attraktivität für mich jedoch ziemlich wichtig. Und wenn ich schon Begehrenskrisen kriegen kann, wenn mein Liebster eine Frisur hat, die ich total abtörnend finde, egal, wie sehr sie ihm selbst gefällt, dann kann ich mich zwar für meine ‚Oberflächlichkeit‘ schelten und schämen, aber das ändert meine  optischen Präferenzen trotzdem nicht. Vergleichbares gilt übrigens für Körpergeruch. Auch da habe ich bei Testonutzern in meinem Umfeld meist eine Phase erlebt, in denen ich ihren Geruch als unangenehm empfunden habe. Es mag sein, dass das vor allem durch die hormonelle Umstellung als solche bedingt war (denn körperlich ist es nun mal eine Art Pubertät), denn nach einiger Zeit hat sich das auch wieder verringert. Ich würde aber trotzdem sagen, dass Testonutzer anders riechen.

Kurz: Ich habe Bedenken…

Und genau deshalb macht mir die Entscheidung ‚meiner‘ Transgender Butch, jetzt Testo zu benutzen, solche Angst. Natürlich basiert unsere Partnerschaft nicht allein darauf, dass ich sein Gesicht und seinen Geruch ausgesprochen lecker finde. Trotzdem: Was ist, wenn er mir plötzlich nicht mehr gefällt und das nicht durch einen Haarschnitt zu ändern ist? Was, wenn ich ihn eines Tages buchstäblich nicht mehr riechen mag?

Ich hoffe ja momentan auf sanfte Veränderungen, die mich vielleicht gar nicht so sehr stören wie erwartet, weil ich sie (anders als bei meinen Freunden und Bekannten) von Tag zu Tag miterlebe. Und ansonsten werden wir uns mit einem eventuellen Problem dann befassen, wenn/falls es tatsächlich eintritt. Vielleicht finde ich die Veränderungen ja auch super, weil ich den Rest des Menschen so super finde!

Ein Anfang

Natürlich hätte ich auch Jahre früher anfangen können, diesen Blog zu schreiben. Ich bin ja nicht erst seit gestern mit Trans*menschen zusammen bzw. befreundet.

Manche Fragen stellen sich jedoch erst dann, wenn trans* sich auf offizielle rechtliche und/oder medizinische Wege begibt, die via Transsexuellengesetz (TSG) und Krankenkassen angeboten werden. Daher ist der aktuelle Anlass, diesen Blog zu eröffnen, dann auch ein solcher Schritt auf einem solchen Weg (wenn auch weder der erste noch der letzte, den ich miterlebe): Die Transgender Butch, mit der ich zusammenlebe, hat sich entschieden, bis auf weiteres Testosteron zu nehmen. Ich sehe diesen Schritt nach wie vor eher skeptisch und habe mich daher entschlossen, mich (und uns) auf diesem Weg ab jetzt per Blog zu begleiten. Vor allem, weil ich mir einen Raum zur regelmäßigen Reflektion über das Dasein als Trans*partnerin (aka Trans*liebchen) schaffen möchte.

Da das öffentliche Sprechen über das Trans*sein anderer immer mit einem Outing einhergeht, werde ich versuchen, diesen Blog so anonym wie möglich zu führen. Aber ich werde ihn dennoch schreiben. Denn eines habe ich in meinen bisherigen Jahren als Trans*partnerin gelernt: ständiges Schweigen macht einsam. Und weil es genug Orte gibt, an denen ich sehr wohl aus guten Gründen über das Trans*sein meines Partners schweige, soll dieser Ort ein Gegengewicht dazu sein. Ich schreibe hier also über das Leben als Trans*partnerin, so wie ich es als queere Femme erlebe und in meinem sozialen Umfeld bzw. in größeren Öffentlichkeiten mitbekomme.

Der Austausch mit eventuellen Leser*innen ist ausdrücklich erwünscht, auch wenn ich mir zunächst vorbehalte, Kommentare zu moderieren und ggf. auch zu löschen. Für Trans*phobie und sonstige fiese Kackscheiße möchte ich nämlich definitiv keinen weiteren Raum bieten.