Es gibt immer einen Grund…

Als ich neulich im Bus saß, fiel mein Blick auf ein Plakat, das direkt vor meiner Nase hing. Es handelte sich um Werbung für ein Casino, offensichtlich Teil einer neuen Kampagne, die mit mehrdeutigen Begriffen spielt (die anderen mir bekannten Plakate dieser Serie sind maximal mittel-lustig aber zumindest nicht massiv ärgerlich). In diesem Fall haben die Werbeagentur „Neue Monarchie“ und ihre Auftraggeber aber den Witz voll verfehlt und stattdessen tief ins transfeindliche Klo gegriffen.

Werbung "Wenn Sie jeden Bluff durchschauen"Das Hauptbild ist auf den ersten Blick das einer stark geschminkten Frau mit lila Federboa und lila Federhaarschmuck sowie irgendwie aus dem Haar herausragenden Pfauenfedern. Sie trägt türkisem Nagellack und führt einen klassischen linkshändigen Colliergriff aus. Vielleicht eine glamouröse Casinobesucherin (keine Ahnung, ich kenne Casinos nur aus Hollywoodfilmen)?

Der Slogan dazu lautet „Wenn Sie jeden Bluff durchschauen“ und bezieht sich zunächst mal aufs Pokern (angedeutet durch die am Rande abgebildeten Spielkarten und Casinochips).

Aber da ist ja dieses Bild von dieser Frau, also sucht die Betrachterin nach dem, was hier angeblich „geblufft“ ist. Und sie wird fündig. Nicht nur hat die Dame ein Tattoo am Handgelenk, was ja keine „echte“ Lady je tragen würde, nein, die Lady scheint zudem insgesamt „männlicher“ zu sein, als es besagtem Casino offenbar zulässig erscheint. Und ist das wallende Haar nicht ohnehin eine auffällig identifizierbare Perücke?

In anderen Worten: es wird die Lesart nahegelegt, dass es sich hier um einen „Mann“ in „Frauenkleidern“ handelt, der uns mit seiner „geblufften“ Femininität in die Irre führen will.

Bei so viel beiläufiger Transfeindlichkeit blieb mir erstmal die Spucke weg. Dann habe ich es bereut, nicht mehr wie zu Teeniezeiten stets einen Edding in der Tasche zu haben. Und dann fiel mir das praktische kleine Blöckchen mit Haftzetteln ein, das momentan meine Tasche bewohnt. Auf einen jener Klebezettel schrieb ich also: „Diese Werbung ist transfeindliche Kackscheiße. Crossdressing („Transvestitismus“) und Transsexualität sind kein ‚Bluff‘!“ und pappte den Zettel auf das Plakat.

Das hat zumindest ein bisschen gegen das Ohnmachtsgefühl geholfen, auch wenn ich nicht im Ernst annehme, dass sich meine Erklärung, warum dieses Plakat transfeindlich ist, auf einem ca. 7×7 cm großen Zettelchen umfassend darstellen lässt. Differenziertes Denken verträgt sich nun mal meist schlecht mit Slogans.

Das Plakat unterstellt jedenfalls, dass Crossdressing (und eventuell Transsexualität) eine Strategie sei, jemanden zum eigenen Vorteil zu täuschen. Also quasi ein Betrugsversuch, der das „wahre“ Geschlecht verschleiert, um daraus einen Nutzen zum Nachteil eines anderen Menschen zu ziehen. Was wieder einmal anatomische Gegebenheiten als geschlechtliche „Wahrheit“ konstruiert, nach dem Motto „was man an geschlechtlich zugeordneten Merkmalen sieht, wenn eine Person nichts mehr anhat, ist deren ‚wahres‘ Geschlecht.“

Aber die hier angeworbenen potenziellen Casinobesucher*innen „durchschauen“ diesen „Bluff“ natürlich sofort dank ihrer glücksspielgeschulten Wahrnehmung. Vermutlich dürfen wir auch annehmen, dass solche „Bluffs“ ohnehin bereits an der Eingangskontrolle des Casinos „auffliegen“. Ein Casinobesuch geht schließlich nur mit „amtlichem Lichtbildausweis“ und da vermute ich doch mal stark, dass Trans*leute mit Ausweisen, die (angeblich) nicht zu ihrem Aussehen passen, von vorneherein wegbleiben, um unangenehme Situationen zu vermeiden. So bleibt die Spielbank zudem „ganz nebenbei“ ein Ort, an dem geschlechtliche Normabweichungen nicht stattfinden (sollen).

Nicht, dass jetzt der Casinobesuch als solcher dringend zu einem guten und menschenwürdige Leben gehören würde oder Spielbanken Orte sind, die man nun unbedingt für die ungestörte Nutzung durch Crossdresser/Trans*menschen erobern müsste. Aber wenn das Casino selber davon anfängt… Es gibt halt immer einen Grund für Trans*Aktivismus.

Advertisements

Neues Outfit

Trans*liebchen ist kaum zwei Monate alt und hat schon ein neues Outfit.  Wer in den vergangenen Stunden hierher geklickt hat, hat hoffentlich während der ausführlichen und zuweilen recht gewagten Anproben keinen dauerhaften ästhetischen Schaden genommen! (Und wehe, es sagt jetzt jemand „typisch Femme“…)

Nicht, dass ich das vorherige Design nicht schön gefunden hätte. Nicht, dass mir für heute Abend nicht auch andere Beschäftigungen eingefallen wären. Aber mir wurde kürzlich von einer Leserin geschrieben, dass die hellgraue Schrift auf weißem Hintergrund nicht für alle Interessierten leicht zu lesen ist. Wieder was gelernt – ich hatte mir nämlich bisher beim Thema Barrierefreiheit höchstens über Schriftgrößen und die Vor- und Nachteile von Serifenschriften Gedanken gemacht.

Wenn sich jemand also die Mühe macht, meine Wissenslücken zu füllen, soll das nicht ohne Konsequenzen bleiben. Außerdem kann es ja nur in meinem Interesse sein, das Lesen von Trans*liebchen so angenehm wie möglich zu gestalten.

Weil man bei dem ursprünglichen Design leider nicht einfach nur die Schriftfarbe ändern konnte, musste ich mich nach etwas ganz Neuem umsehen. Was gar nicht so einfach zu finden war. Graue Schrift scheint nämlich bei den aktuellen WordPress-Designs schwer angesagt zu sein. Und wenn die Schrift ausnahmsweise mal nicht grau war, hatte sie garantiert Serifen, die am Bildschirm ebenfalls schwerer zu lesen sind. Ganz zu schweigen von Layouts, bei denen man fünfmal sehr genau gucken muss, bis man die Kommentarfunktion gefunden hat (hier: jetzt immer ganz am Ende der Artikel), oder bei denen erwünschte Informationen (Datum, Tags, Kategorien, Kommentare, etc.) einfach gar nicht erst angezeigt werden. Von ästhetischen Erwägungen will ich gar nicht erst anfangen.

Aber meine Femme-Ehre gebot es natürlich, etwas zu finden, was gleichzeitig erfreulich anzusehen und praktisch in der Handhabung ist. Ich hoffe, ich bin nicht die Einzige, die findet, dass mir das mit diesem Design (das in Bezug auf Farben und Widgets [das sind die einzelnen Bestandteile der Seitenleisten] wirklich bemerkenswert wandlungsfähig ist) halbwegs gut gelungen ist.

Zum Schluss sei noch gesagt, dass ich mich auch in Zukunft über Hinweise zur Lesbarkeit und Handhabbarkeit dieses Blogs freue. Denn was mir logisch, intuitiv und übersichtlich erscheint, kann ja von anderen Menschen durchaus anders wahrgenommen werden. Natürlich werde ich hier jetzt nicht alle zwei Monate komplett renovieren, aber ich verspreche, ich werde alle Rückmeldungen und Anregungen sorgfältig bedenken.

Mehr Testoskepsis

In meinem vorigen Beitrag habe ich ja meine Befürchtungen bezüglich der Auswirkungen von Testosteron auf meinen Liebsten (nennen wir ihn Chris) und auf mein Begehren für ihn beschrieben. Worüber ich noch nichts geschrieben habe, sind meine sonstigen Bedenken zu Testosteron, allgemein und in diesem speziellen Fall.

Der spezielle Fall (1)

Chris hat lange keine Notwendigkeit für sich gesehen, Testo zu nehmen. Der Hauptgrund dafür war, dass er es schlicht nicht nötig hat, weil er eh meistens als Mann gelesen wird (erst recht in der kalten Jahreszeit, wo man bekleidungsbedingt eh weniger Körperform sieht). Seine Gesichtszüge sind auch ganz ohne Testo sehr maskulin, seine Stimme ist nicht besonders hoch, und er ist auch nicht so klein, dass die meisten Leute deshalb seine Männlichkeit anzweifeln würden. Wenn überhaupt, dann wirkt er eher ab und zu ein bisschen tuntig als weiblich. Sein Hauptanliegen war und ist daher auch die Brust-OP, und die war auch der Grund, warum er mit dem ganzen offiziellen Trans*krams überhaupt angefangen hat.

Er hat also im August 2009 die Vornamensänderung nach dem TSG (Transsexuellengesetz) beantragt, in der Hoffnung, mit Hilfe der dazugehörigen Gutachten dann die OP-Genehmigung zu erhalten. Die Gutachtertermine und Gutachten hat er dann auch relativ schnell bekommen, so dass nach dem Gerichtstermin und der Widerspruchsfrist im März 2010 die Vornamensänderung rechtsgültig war. Danach kam eine Phase mit ziemlich vielen Arztterminen (Endokrinologie, Gynäkologie, Chirurgie…) und sonstiger Rennerei, um alle Unterlagen zusammenzukriegen, die für den OP-Antrag (Antrag auf Kostenübernahme) bei der Krankenkasse erforderlich waren. Im August 2010 hat er den dann endlich abschicken können.

Und dann hat das Warten angefangen. Von dem, was ich im Freundes- und Bekanntenkreis so höre, ist das mit Abstand der schlimmste Teil. Man kann selber aktiv nichts mehr tun, sondern ist ‚dem System‘ völlig ausgeliefert. Man rennt jeden Tag hoffnungsfroh zum Briefkasten, nur um dann enttäuscht wieder zurück in die Wohnung zu schlurfen, weil wieder keine Antwort von der Krankenkasse angekommen ist. Bei Chris kam noch dazu, dass er bis dahin ja keine Hormone genommen hatte und insofern von dem ‚klassischen Trans*prozess‘ (erst Hormone, dann Vornamensänderung, dann Brust-OP, dann ggf. Sterilisierung, dann  ggf. Personenstandsänderung) abgewichen ist und deshalb ständig in Sorge war, ob die Krankenkasse die OP so überhaupt finanzieren würde (und wenn nicht, was dann der Plan B wäre: die OP selber zahlen und auf die Absicherung durch die Krankenkasse im Fall von Komplikationen/Nachbehandlungen verzichten? sich durch dieses System dazu zwingen zu lassen, doch Testo zu nehmen?).

Einschub: Der ‚klassische Trans*prozess‘

Kurz eingeschoben: Diese Vorstellung des ‚klassischen Trans*prozesses‘ wie ich ihn eben zusammengefasst habe,  stammt vor allem aus den Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen, einer Richtlinie für die medizinische und psychologische Behandlung von Transsexuellen. Diese gibt vor, dass für eine sogenannte „Indikationsstellung zur Transformationsoperation“ (also für ein Schreiben von Psychotherapeut*innen, in dem die Notwendigkeit für eine OP festgestellt wird) unter anderem eine Hormonbehandlung von mindestens einem halben Jahr erforderlich ist. Diese Richtlinien werden von Krankenkassen offenbar als Standardweg ohne Ausnahmen behandelt, obwohl es in der Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität [pdf] vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. ausdrücklich heißt: „Bei allen gutachtlichen Stellungnahmen handelt es sich um sozialmedizinische Empfehlungen zu einem Einzelfall ohne beispielgebende Wirkung.“

Der spezielle Fall (2)

Jedenfalls kam und kam nichts von der Krankenkasse an. In der Zwischenzeit musste Chris noch dazu berufsbezogen ziemlich viel mit fremden Menschen telefonieren, die ihn am Telefon ständig als Frau eingeordnet haben. Das hat die Situation des angespannten Wartens nicht wirklich entspannt, sondern im Gegenteil noch zusätzlichen Stress erzeugt. Noch dazu wollte man ihm eine berufliche Veränderung ausdrücklich erst dann anbieten, wenn er die OP (die er ehrlicherweise angesprochen hatte) hinter sich hätte. Jeder Tag, der ohne das Krankenkassen-OK verstrich, fügte also seinem allgemeinen Level des Angekotztseins und Sich-ausgeliefert-fühlens weitere Grade hinzu.

Im Oktober kam dann endlich ein Brief von der Krankenkasse an. Er enthielt als Formbrief nur knapp die Aufforderung, die Kriterien der Behandlungsstandards nachzuweisen, nämlich eine Psychotherapiedauer seit mindestens anderthalb Jahren, einen „Alltagstest“ seit mindestens anderthalb Jahren – und eine Hormonbehandlung seit mindestens einem halben Jahr. Also alles wie befürchtet.

Chris hat dann kurz überlegt, ob er einen Anwalt einschaltet und rechtlich gegen diese Anforderungen vorgeht (weil die Richtlinie Einzelfälle mit anderen ‚Behandlungsverläufen‘ eigentlich ermöglichen müsste). Diesen Plan hat er jedoch verworfen, weil der Anwalt seines Vertrauens selbst für einen Beratungstermin so viel Geld verlangt hätte, dass diese Option einfach zu teuer war. Aus demselben Grund kam auch eine Eigenfinanzierung der OP nicht in Frage. Es blieb also eigentlich nur die Möglichkeit, sich ‚dem System‘ und seinen Anforderungen zu fügen und sich doch Testosteron verschreiben zu lassen. Und das hat er ja Anfang November 2010 ja dann auch getan.

Normierungsprozesse

Vermutlich ist jetzt schon klar, warum ich so skeptisch gegenüber seiner Entscheidung bin? Für mich riecht das Ganze nämlich einfach danach, als hätte ein beschissenes Normierungssystem („wenn du schon trans* bist, dann kannst du es aber nur auf diese eine Art sein“) es mal wieder geschafft, sich einen Menschen, für den eigentlich etwas ganz anderes der richtige Weg gewesen wäre, einzuverleiben. Und der betroffene Mensch redet sich diesen Zwang vom System jetzt so lange schön, bis er es am Ende selbst für eine gute Idee hält, der Norm in diesem Punkt zu entsprechen. Denn es wäre doch vielleicht gar nicht schlecht, eine tiefere Stimme zu haben… Und mit mehr Körperbehaarung und einer größeren Klit könnte man vielleicht auch ganz gut leben… Ganz zu schweigen von der sehr willkommenen Fettumverteilung… Und der Rest wird bestimmt schon nicht so schlimm werden – man kriegt keine Rückenhaare oder Akne, der Körpergeruch bleibt im Bereich des Angenehmen, die Gesichtsform verändert sich nicht zum Negativen…

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich sehr wohl den Mechanismus kritisieren kann, der hinter so einem Normierungsprozess steckt, und gleichzeitig den einzelnen Menschen, der nun mal nicht so einfach aus diesem System ‚aussteigen-‚ kann, in seiner Entscheidung unterstützen kann. (Mit dieser Art Widerspruch lebe ich ja schließlich auch, wenn ich mir die Beine rasiere, damit ich von anderen Frauen nicht komisch angeguckt werde… Also, nicht dass ich jetzt Testo nehmen und Beinhaare rasieren gleichsetzen wollte — ich finde nur die Logik der Normierung ist ähnlich, wenn auch auf sehr unterschiedlich dramatischem Level.) Aber ganz so sauber lässt sich das in der praktischen Anwendung natürlich dann doch nicht trennen, so dass (ebenso wie bei meinen Beinenthaarung) ein ungutes Restgefühl bleibt. Bringt aktiver Widerstand gegen (oder ‚passive‘ Abweichung von) Normen nicht automatisch immer einen gewissen Komfortverlust für die Widerständigen mit sich, und man muss sich halt einfach nur daran gewöhnen? Ist Anpassung nicht immer auch ein bisschen äußerst fragwürdiger Ausverkauf? Warum entziehen sich nicht wenigstens diejenigen, die es sich aufgrund ihrer zahlreichen Privilegien eigentlich ganz gut leisten könnten, solchen Normen (also, im Fall von Trans*typen die, die auch ohne Hormone ziemlich oft als Mann gelesen werden und ohnehin keinen dringenden Wunsch nach Bartwuchs verspüren – und im Fall von Beinhaarentfernerinnen die, die insgesamt als eher attraktiv gelten und selber ihre Haare gar nicht so furchtbar finden)?

Muss Widerstand sichtbar sein?

Oder tappe ich genau bei dieser Argumentation in die Falle des viel zu oft geforderten „Sichtbarkeitsbeweises“ für widerständige Identitäten?

Schließlich ist effektiver Widerstand gegen ein normierendes System nicht nur dann ernsthaft möglich, wenn man den Normen selbst nicht entspricht. Schließlich kann ich mir eher lustlos die Beine rasieren und trotzdem (oder gerade deswegen!) gegen eine normierende gesellschaftliche Körperhaarphobie und andere Aussehensnormen agieren. Warum sollte dann ein Trans*mensch nicht Hormone nehmen und trotzdem glaubwürdig gegen Geschlechternormierung aktiv sein? Schließlich finde ich ja in Bezug auf Femmes auch, dass Patrick Califia recht hat, wenn er sagt:

„Blame should not be placed on those of us who pass as straight [or cisgender, T*L], but on the system that allocates safety and privilege to only one group of people: gender-normative heterosexuals.“ (aus: Sex Changes, 1997)
(= Die Schuld sollte nicht denen von uns gegeben werden, die als hetero [oder cisgender, T*L] durchgehen, sondern dem System, das Sicherheit und Privilegien nur einer Gruppe Menschen zuteilt: geschlechternormativen Heterosexuellen.)

Ist ein dauerhaftes Leben in einem geschlechtlich ‚dritten‘ Raum überhaupt möglich, wenn man nicht genau dieses Leben zum Beruf macht (indem man z.B. in diesem Themenfeld schreibt, performt, vorträgt, filmt, musiziert, forscht, etc.)? Welchen Preis zahlt man für die ‚Freiheit‘ der visuellen geschlechtlichen Uneindeutigkeit? Und für wen halte ich mich eigentlich, wenn ich denke, ich hätte bei einer solchen Entscheidung etwas mitzureden? (Andererseits identifiziert sich Chris nun mal nicht als Mann, sondern als Transgender Butch, so dass ich Grund zu der Annahme habe, dass größtmögliche Eindeutigkeit jederzeit und überall auch gar nicht sein Anliegen ist.)

Wenn nicht Testo, was dann?

Und trotzdem: Ich bleibe skeptisch, was die Wahl des Mittels anbelangt. Das heißt, ich verstehe es sehr gut und unterstütze es, wenn jemand die Reibungsfläche zwischen sich und der Umwelt verringern möchte (vor allem, wenn die damit gesparte Lebensenergie einen insgesamt glücklicheren Menschen erzeugt!) . Aber ich bin nach wie vor nicht sicher, ob Testo dazu immer die beste Methode ist. Und ich finde, es wird (zumindest in Deutschland) zu wenig über Alternativen gesprochen.

Um mal beispielhaft auf Chris‘ speziellen Fall zurückzukommen: Wie schon gesagt, wird er in den meisten direkten Begegnungen zweifellos als Mann gelesen. Sein Aussehen kann also kein bedeutsamer Hinderungsgrund für diese Lesart sein — d.h. er bräuchte die visuellen Auswirkungen von Testo (hier v.a. mehr Gesichts- und Körperbehaarung, Fettumverteilung) eigentlich gar nicht. Am Telefon hat er allerdings massive Probleme mit Fehlwahrnehmungen anderer Leute. Da sein Körper hier vollkommen irrelevant, weil unsichtbar ist, bleiben am Telefon also zwei Faktoren übrig, die die Wahrnehmung anderer Leute beeinflussen können: seine Stimmlage und seine Sprechweise. Zu seiner Stimmlage habe ich ja schon gesagt, dass sie in einem Bereich liegt, der definitiv sowohl von Cisfrauen als auch von Cismännern belegt wird. Wenn die Stimmlage also uneindeutig ist, muss seine Sprechweise der entscheidende Faktor sein, nachdem andere Menschen entscheiden, ob sie ihn am Telefon als Mann oder als Frau einordnen.

Meine persönliche Logik wäre daher, zuerst einmal herauszufinden, was eigentlich die aktuellen, kulturspezifischen Unterschiede zwischen ‚männlicher‘ und ‚weiblicher‘ Sprechweise sind. Diese Unterschiede halte ich übrigens weder für angeboren noch für unveränderlich. Ich glaube außerdem nicht, dass sie in irgendeiner Form zwingend mit einer bestimmten Ansammlung anatomischer Merkmale zusammenhängen. Deshalb ist es wohl sinnvoller, von ‚maskulinem‘ und ‚femininem‘ Sprechen zu reden, um deutlich zu machen, dass es hier nicht um biologistische Geschlechterbilder, sondern um soziale Rollen und Gewohnheiten bei der Geschlechtswahrnehmung geht.

Wenn mir die Unterschiede zwischen ‚femininem‘ und ‚maskulinem‘ Sprechen dann klar(er) wären, würde ich überlegen, inwieweit ich mein eigenes Repertoire in diesem Bereich erweitern möchte. Und wahrscheinlich würde ich losgehen und mir kompetente Unterstützung aus dem Bereich Sprech- und Stimmtraining suchen (mich würde ja brennend interessieren, ob die Krankenkassen das finanzieren würden, z.B. wenn jemand aus medizinischen Gründen kein Testo nehmen kann). Die Idee dabei ist, bewusst entscheiden zu können, ob und wann ich es anderen Menschen gerade leicht machen möchte, mich zweifellos als Mann oder Frau zu hören. Wenn es mal schnell und problemlos gehen soll, würde ich eindeutiger ‚maskulin‘ oder ‚feminin‘ sprechen. Wenn mir gerade an Aufklärung und/oder Irritation meines Gegenübers gelegen ist, würde ich mich einer eindeutigen Zuordnung verweigern (entweder absichtlich oder weil ich mein Sprechen nicht bewusst kontrolliere).

Klar, das klingt erstmal nach mehr Aufwand als tägliches Testo-Schmieren (obwohl…), aber es würde eine*n dafür wesentlich unabhängiger von Krankenkassen, Pharmaindustrie und medizinischem Fachpersonal machen. Man wäre nicht so in dieses Normierungssystem eingebunden und würde sich mehr Wahlmöglichkeiten erhalten/schaffen. Insofern würde mich interessieren, warum im deutschsprachigen Raum so wenig über solche ’selbstbestimmte(re)n‘ Methoden der Lesart-Beeinflussung gesprochen wird. (In amerikanischen Kontexten stolpere ich öfter über sowas. Aber in den USA haben auch deutlich weniger Leute eine Krankenversicherung haben, die Kosten für Hormone oder OPs im Trans*zusammenhang übernimmt. Die Entwicklung/Aneignung von anderen Methoden ist also dort oft eher eine systembedingte Notwendigkeit und weniger eine freie Wahl.)

Aber gut, Stimmtraining hilft natürlich nicht gegen schwachsinnige Krankenkassenauflagen…

Insofern: ich versteh’s ja, das mit der Entscheidung fürs Testo…

Testo und ich (was bisher geschah)

Schon vor über 10 Jahren, als ich als frischidentifizierte Femme das erste Mal Stone Butch Blues (dt: Träume in den erwachenden Morgen) von Leslie Feinberg las, wuchs in mir die Vermutung, dass ich als Butch-liebende Femme mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später mit der Thematik von FTM-Transitionen zu tun kriegen würde. Dieser Verdacht verstärkte sich durch meine Beobachtung, dass jede einzelne Butch, mit der ich in meinen ersten Femmejahren näher zu tun bekam, zumindest eine Zeitlang intensiv darüber nachgedacht hatte, die eigenen Brüste loszuwerden. Die meisten hätten nach wie vor ohne jedes Zögern Ja zu einer schmerzlosen und kostenneutralen Brustentfernung gesagt (exklusive Nippel und deren erotische Kapazitäten, wohlgemerkt). Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich als Frauen und Lesben zu identifizieren.

Die „Theresa-Frage“

Ich stellte mir also schon sehr früh (und erstmal theoretisch) die „Theresa-Frage“*: Wenn ‚meine‘ Butch sich entscheiden würde, fortan als Mann leben zu wollen und entsprechende hormonelle und operative Maßnahmen vornehmen würde, wäre das für mich ein Trennungsgrund?

(*In Feinbergs Roman entscheidet sich die Butch-/Trans*-Hauptfigur Jess in den frühen 1970er Jahren dazu, aus Gründen des ökonomischen und psychischen Überlebens Testosteron zu nehmen und nach außen hin als Mann zu leben. Theresa ist ihre Femme-Partnerin, die sich von ihr trennt, weil sie feststellt, dass sie als feministische Lesbe nicht mit einem Menschen zusammenleben kann und will, den die Welt für einen Mann hält. Dieser Konflikt ist im Buch als für beide Seiten sehr emotional beschrieben. Dadurch, dass die Geschichte aus Jess‘ Perspektive geschrieben ist, bleibt aber bei allem Verständnis für Theresas Perspektive vor allem das Gefühl hängen, dass diese ‚ihre‘  Butch wegen eines egoistischen Beharrens auf einer lesbischen Identität hängen lässt.)

In den folgenden Jahren kam ich immer wieder auf diese Frage zurück, wobei sich nach und nach für mich herauskristallisierte, dass ich zwar durchaus offen für körperliche Veränderungen war/bin (wie ich herausfand, sind meine eigenen erotischen Reaktionsmuster da sehr flexibel), dass ich aber nicht bereit war/bin, meine eigene Queerness grundsätzlich und überwiegend zu verleugnen, um einem Trans*partner ein weitestgehend ungebrochenes Leben als Mann zu ermöglichen. Das ist immer noch so.

Der Ex und ich (eher konfliktreich)

Meine vorige Beziehung war ebenfalls mit einer Transgender Butch. Er hatte von Anfang an einen eindeutig männlichen Namen (damals noch nicht in seinem Ausweis), und ich habe über ihn immer mit männlichem Pronomen gesprochen. Das war die Zeit, in der mich ein langjähriger schwuler Freund fragte: „Bist du jetzt hetero?“ Das war auch die Zeit, als ich lernte, unsichtbar zu sein. Diese Unsichtbarkeit wurde verstärkt durch meine immer länger werdenden Haare (mit denen ich Zentimeter für Zentimeter aus dem ‚Lesbenschema‘ herauswuchs) und durch meine Entscheidung, mich weniger auffallend/’alternativ‘ zu kleiden. Beides wurde durch meinen Ex sehr bestärkt, denn meine visuelle feminine ‚Normalität‘ an seiner Seite erhöhte deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass er als Mann gelesen wurde (und das war ihm sehr wichtig). In heterodominierten Umgebungen wie Supermärkten, Straßenbahnen und Shoppingmeilen kostete mich das Dasein in dieser visuellen ‚Normalität‘ plötzlich massiv weniger Energie als meine vorigen Verkörperungen als visuell ‚Andere. Das war meist sehr angenehm, auch wenn ich noch sehr lange nicht mit diesem Privileg rechnete (schließlich hatte ich es seit meiner Teenagerzeit nicht mehr gehabt). Eigentlich erwarte ich bis heute, dass man mir mein ‚inneres Anderssein‘ ansehen kann und bin regelmäßig irritiert, wenn ich merke, dass dem nicht so ist.

In Umgebungen, die als queer definiert waren, fiel ich dagegen mit dieser visuellen ‚Normalität‘ ziemlich auf. Es gab dort zwar hin und wieder feminine Signale, allerdings meist an Männern/alltagsmaskulinen Menschen. Femininität konnte dort außerdem als außergewöhnliches Spektakel existieren, sichtbar gemacht durch Exzesse von Glitter, Make-up und anderen trashigen Elementen. In Lesbenzusammenhängen tauchten zwar im Vergleich zu den frühen 1990ern ebenfalls vereinzelt längere Haare, rote Lippen, höhere Absätze oder gar Röcke auf – allerdings nicht alles zusammen an derselben Person und immer nur in begrenztem Ausmaß (d.h. die Haare waren nicht länger als schulterlang, die Absätze waren blockig und nicht zu hoch, und die Röcke wurden gern über Hosen getragen). Insgesamt führte die Kombination von seinem und meinem Genderausdruck dazu, dass wir entweder für ein Heteropaar gehalten wurden (was mich unglücklich machte und uns aus queeren Zusammenhängen ausschloss) oder für ein Lesbenpaar (was ihn unglücklich machte und aus der ersehnten Männlichkeit ausschloss). In Einzelfällen mag man uns auf lesbischwulen Partys auch für einen Schwulen plus Gabi (= heterosexuelle Feierbegleitung) gehalten haben. Sprich: eigentlich gab es nirgends einen Ort, wo wir beide in Übereinstimmung zu unserem Selbstverständnis gelesen wurden. Das war daher auch die Zeit, in der ich aufhörte, Spaß am Ausgehen zu haben, u.a. weil die ständigen Identitätskonflikte und -erklärungsnotwendigkeiten einfach nicht viel Partystimmung aufkommen lassen wollten.

Mein Ex hatte mir während unserer Beziehung immer wieder versichert, dass er eine Butch sei und kein Mann. Er identifizierte sich stark mit Leslie Feinberg bzw. der Figur Jess aus Stone Butch Blues und träumte (mit mir) von einer zeitgenössischen Butch/Femme-Kultur basierend auf einer romantisierten Lesart von Feinbergs Beschreibungen. Er grenzte sich massiv von Drag Kings (weil die ihre Maskulinität/Männlichkeit schließlich nur spielten und trotzdem dafür weit mehr soziale Anerkennung bekamen als er) und Transmännern (weil diese das leidvolle Dasein als Butch hinter sich ließen und in die männliche ‚Normalität‘ abwanderten) ab und beteuerte, er wolle niemals Testosteron nehmen. Was mir sehr entgegenkam, denn ich wollte ja auch mit einer Butch zusammensein und nicht mit einem Mann.

Entsprechend schockiert und vor den Kopf gestoßen war ich, als er mir am Ende unserer Beziehung eröffnete, dass er beim Endokrinologen gewesen sei, um sich Testosteron verschreiben zu lassen. Dabei hat mich weniger die Entscheidung als solche so umgehauen, sondern vor allem die Tatsache, dass er vorher nie mit mir darüber geredet hatte, dass er sich über Hormone Gedanken macht. Zumal ich wusste, dass die meisten Endokrinologen nicht einfach so Testosteron verschreiben als wären es Kopfschmerztabletten, sondern dass sie in der Regel mindestens ein psychologisches Gutachten verlangen, in dem die Transsexualität der betreffenden Person diagnostiziert wird. Heißt, mein Ex muss bereits weit vorher angefangen haben, diesen Weg zu beschreiten, ohne mich als seine Partnerin auch nur mit einer Silbe in den Prozess einzubeziehen, der mich schließlich direkt betraf. Aber unsere Beziehung war damals ohnehin schon durch mehrere Vertrauensbrüche seinerseits erschüttert, so dass diese Mitteilung nur der letzte Tropfen war, der das Fass der angehenden Trennung dann zum Überlaufen brachte.

Diese emotional wirklich (excuse my French) beschissene Erfahrung machte es mir natürlich nicht eben einfacher, eine entspannte Haltung gegenüber den Menschen einzunehmen, die sich für Testosteron oder andere ‚offizielle‘ trans*verwandte Dinge (wie rechtliche Vornamensänderungen, verschiedene Operationen, oder Personenstandsänderungen) entschieden.

Testo im Freundeskreis

In den Folgejahren begannen verschiedene andere Leute aus meinem Bekannten- und Freundeskreis ebenfalls Testo zu nehmen. Mein Gefühl, dass Tesio dasjenige der oben genannten Dinge ist, das am meisten dazu beiträgt, (visuelle) geschlechtliche „Normalität“ herzustellen, hat sich dadurch allerdings eher bestätigt. Ich merke das vor allem an meiner persönlichen Begehrenskurve. Dazu muss man wissen, dass ich maskuline Gesichtszüge an Menschen mit weiblich zugewiesenem Körper wahnsinnig attraktiv finde, und dass Gesichter für mich der Körperteil sind, an dem ich Geschlecht am meisten festmache (das ist nicht immer gut, aber trotzdem wahr). Ich liebe es, wenn ein Gesicht in ein und demselben Gespräch zwischen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ changieren kann, am liebsten mit vielen Zwischentönen. Zurück also zu meinen Freunden und Bekannten. Diejenigen, die ich prä-Testo attraktiv fand, wurden durch die Testo-Benutzung zuerst noch ein bisschen attraktiver für mich, und ‚kippten‘ dann visuell irgendwann in einen Bereich, der außerhalb meines ‚Beuteschemas‘ liegt. Natürlich sind sie alle nach wie vor wunderbare Menschen, mit denen ich ausgesprochen gern befreundet bin. Aber die visuelle Anziehung ist erstmal weg.

In Freundschaften sind solche visuellen Veränderungen allerdings ein absolutes Randthema, denn da stehen für mich andere verbindende Dinge im Vordergrund. In einer Beziehung (und damit kommen wir zum Hier und Heute) ist die visuelle Attraktivität für mich jedoch ziemlich wichtig. Und wenn ich schon Begehrenskrisen kriegen kann, wenn mein Liebster eine Frisur hat, die ich total abtörnend finde, egal, wie sehr sie ihm selbst gefällt, dann kann ich mich zwar für meine ‚Oberflächlichkeit‘ schelten und schämen, aber das ändert meine  optischen Präferenzen trotzdem nicht. Vergleichbares gilt übrigens für Körpergeruch. Auch da habe ich bei Testonutzern in meinem Umfeld meist eine Phase erlebt, in denen ich ihren Geruch als unangenehm empfunden habe. Es mag sein, dass das vor allem durch die hormonelle Umstellung als solche bedingt war (denn körperlich ist es nun mal eine Art Pubertät), denn nach einiger Zeit hat sich das auch wieder verringert. Ich würde aber trotzdem sagen, dass Testonutzer anders riechen.

Kurz: Ich habe Bedenken…

Und genau deshalb macht mir die Entscheidung ‚meiner‘ Transgender Butch, jetzt Testo zu benutzen, solche Angst. Natürlich basiert unsere Partnerschaft nicht allein darauf, dass ich sein Gesicht und seinen Geruch ausgesprochen lecker finde. Trotzdem: Was ist, wenn er mir plötzlich nicht mehr gefällt und das nicht durch einen Haarschnitt zu ändern ist? Was, wenn ich ihn eines Tages buchstäblich nicht mehr riechen mag?

Ich hoffe ja momentan auf sanfte Veränderungen, die mich vielleicht gar nicht so sehr stören wie erwartet, weil ich sie (anders als bei meinen Freunden und Bekannten) von Tag zu Tag miterlebe. Und ansonsten werden wir uns mit einem eventuellen Problem dann befassen, wenn/falls es tatsächlich eintritt. Vielleicht finde ich die Veränderungen ja auch super, weil ich den Rest des Menschen so super finde!