Übrigens, wir sind nicht ganz normal…

Ich hatte ja in meinem vorigen Beitrag bereits angedeutet, dass ab jetzt definitiv auch die Holzhammermethode für meine persönlichen Coming-Outs in Frage kommt. Deshalb gibt es heute eine Liste mit potenziellen Outing-Anlässen und -Einleitungen, ausgehend von meiner eigenen Situation und meinen eigenen Outing-Bedürfnissen. Am liebsten ist es mir dabei immer, wenn meine eigene und unsere gemeinsame ‚Normabweichung‘ deutlich wird, ohne, dass ich seine Lebensgeschichte oder genaue Einzelheiten aus unserem Sexualleben erzählen muss. Daher legen manche Strategien den Schwerpunkt auch mehr auf meine Queerness als auf sein Trans*sein. Und natürlich erzähle ich anderen Leuten nichts, was er ihnen nicht auch in vergleichbarer Situation erzählen würde.

Mehrere dieser Strategien habe ich in der Vergangenheit auch in ähnlicher Form bereits erfolgreich angewandt. Je nach Reaktion des Gegenübers und dem eigenem Offenbarungsinteresse kann man danach natürlich auch munter weiterreden und noch mehr ins Detail gehen. Aber auch diese Kurzversionen stellen zumindest ein paar Grundsätzlichkeiten klar.

Sein neues Gesichtshaar:

„Also, so langsam muss mein Liebster echt mal Rasierunterricht nehmen, der wird schon ganz flauschig im Gesicht!“ — „Wieso Rasierunterricht? Wie alt ist dein Liebster denn, dass der sich nicht rasieren kann?!“ – „Naja, der hatte früher ja noch nie Gesichtshaar. Das wächst ja jetzt erst, seit er mit den Hormonen angefangen hat.“ — „Wieso Hormone?“ — „Na, er ist doch Transmann und hat vor Kurzem erst angefangen, Testosteron zu nehmen. Und dann kommt halt erst Flausch im Gesicht und dann Bart. Wie bei pubertierenden Jungs.“

Sein Gerichtstermin zur Vornamensänderung:

„Mein Schatz, der Arme, hat heute ’nen Gerichtstermin.“ — „Huch?“ (besorgt-neugieriger Blick) — „Ja, der hat heute endlich seinen Termin für die Vornamensänderung nach dem Transsexuellengesetz. Dann hat er seinen neuen Namen jetzt dann auch ganz offiziell im Ausweis stehen und muss sich nicht mehr mit ‚Frau Sowieso‘ anreden lassen. (Optional: Puh, das war dann aber auch echt eine schwere Geburt, mit der ganzen Rennerei! Antrag schreiben, dann hier ein Gutachten und da ein Gutachten, dann Prozesskostenhilfe beantragen und dazwischen immer warten, warten, warten, bis endlich mal wieder eins von den wichtigen Papieren im Briefkasten liegt…)“

Die eigene Ex-Freundin (Extra-Vorteil: Man muss den Trans*liebsten nicht zwingend gleich mit-outen):

„Ich hab ja immer mit meiner Ex-Freundin ‚Resident Evil‘ gespielt. Das heißt, wir saßen zusammen auf dem Sofa, sie hat geballert, und ich durfte die Rätsel lösen. Und wenn sie dann weiter Monster erschossen hat, hab ich gemütlich weiter mein Buch gelesen.“
(Funktioniert natürlich auch mit anderen Eigenschaften oder Unternehmungen, notfalls auch mit ausgedachten. Hauptsache, es klingt möglichst pärchenmäßig. Sonst wird die ‚Ex-Freundin‘ nämlich als ‚frühere Freundin‘ missverstanden und man erntet höchstens einen seltsamen Blick, weil man sich so schräg ausgedrückt hat.)

Das queere Filmfestival (oder sonstige queere Veranstaltungen):

„Ich freu mich ja so, nächste Woche ist wieder queeres Filmfestival! Das ist jedes Jahr mein Kino-Highlight.“ — „Was für ein Festival?“ — „Das ist ein Filmfestival mit lesbisch-schwul-bi-trans-und-so-weiter Filmen. Das gibt’s schon ganz lange jedes Jahr, und ich geh da immer sehr gerne hin.“ — „Aha. Und wieso?“ (hörbar mitgedacht: Du bist doch mit ’nem Mann zusammen und siehst ‚ganz normal‘ aus!) — „Naja, das ist halt meine Szene, quasi mein Zuhause, da, wo ich herkomme. Ich bin zwar jetzt mit einem Transmann zusammen, aber davor hatte ich lange Jahre Beziehungen mit Frauen.“

OP-Termine (ggf. auch im Rahmen des Themas ‚Urlaubsplanung in der Firma‘ anwendbar):

„Mein Liebster hat jetzt endlich einen OP-Termin gekriegt. Das wurde auch Zeit, der wartet jetzt schon so lange!“ — „OP? Oh je, was Schlimmes?“ — „Nein, im Gegenteil. Er ist doch Transmann und kriegt jetzt endlich seine langersehnte Brust-OP. Dann kann er im nächsten Sommer endlich mal ein enges T-Shirt anziehen und schwitzt sich nicht immer unter zig Schichten Stoff halb tot. (Optional: Ich bin also am [Soundsovielten] nicht bei der Arbeit, sondern mit ihm im Krankenhaus.)“

Überhaupt finde ich ja, dass der ganze leidige ‚offizielle Trans*prozess‘ zumindest eine Vielzahl von wunderbaren Aufhängern für ein Gespräch zum Thema „Übrigens, ich bin ein Trans*liebchen..“ bietet. Wenn man also eh dauernd auf irgendeine Genehmigung, einen Termin, oder ein Gutachten wartet, kann man die Wartezeit immerhin dazu nutzen, sich zu all diesen Dingen ein paar passende Coming-Out-Strategien zu überlegen. Wenn alles gut geht, kann man dann nämlich auch mal einem Kollegen oder der Chefin was vorjammern, wenn wieder wochenlang nichts passiert und der Liebste deshalb schon seit Wochen schlecht gelaunt ist… Und was das Transliebchen stärkt, kommt ja häufig auch dem Transmenschen selbst zu Gute. Und der Revolution sowieso.

Was habt ihr für Ideen zu Transliebchen-Outings? Wie sind eure Erfahrungen? Was klappt gut, was geht gar nicht, welche Strategie wolltet ihr schon immer mal ausprobieren? Oder, falls ihr zu denen gehört, die sich und ihren Liebsten nicht outen wollen: Wie geht es euch damit?

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Transliebchen-Errungenschaften 2010

Heute lasse ich mich von The Daily Post inspirieren. Dort wurde gestern gefragt: „What is the single most important thing you accomplished in 2010?“
Was also ist meine wichtigste Errungenschaft aus dem vergangenen Jahr – bezogen auf mein Dasein als Transliebchen?

Ich würde sagen, es ist das Willkommensritual, das ich iniitiert, geschrieben und gesprochen habe, als Chris mit Testosteron angefangen hat.

Wie man meinen vorigen Postings entnehmen kann, bin ich allgemein eher skeptisch, was Chris‘ Entscheidung fürs Testo-Nehmen angeht. Für mich war nämlich genau das immer die zentrale Angst als Femme mit Hang zu transmaskulinen Butches: dass ‚meine‘ Butch eines Tages Hormone nehmen will und dann ‚alles irgendwie ganz schlimm‘ wird.

Da Chris sich nun aber für Testo entschieden hat, und da ich das keinen hinreichenden Grund finde, unbesehen die Beziehung zu beenden, hieß das also, dass ich irgendwie mit dem Testo und seinen Auswirkungen leben will. Und das wollte ich nicht nur zähneknirschend und widerwillig tun, denn dann hätte ich immer das Gefühl gehabt, ich nehme mir die Möglichkeit, die eine oder andere Testowirkung auch positiv zu finden (für ihn, für mich oder für uns).

Also wollte ich das Testo gebührend in unsere Beziehung und unseren Alltag aufnehmen. Und da ich ohnehin versuche, meinen Alltag (und erst recht wichtige Wendepunkte im Leben) spiritueller (das ist mein neutraler Begriff für alles, was mit Glaubensdingen zu tun hat – und ist in meinem Falle ausdrücklich nicht christlich gemeint) zu gestalten, lag es nahe, ein kleines ‚Willkommensritual‘ zu veranstalten.

Am Ende war es dann eher ein ‚Gebet‘ (ich stelle fest, ich arbeite bei diesem Thema extrem viel mit vorläufigen Hilfsbegriffen, die daher gehäuft in Anführungsstrichen stehen) als ein Ritual. Aber das hat dann auch gepasst. Und es hat vor allem funktioniert. Die Schachtel mit dem Testogel im Badezimmer hat mich danach nie wieder gestört.

Hier ist ein Auszug daraus, der gern von anderen aufgegriffen und für die eigenen Bedürfnisse passend umgeschrieben werden darf:

May this new beginning be blessed […]

May this next step be a step into the right direction for both of us.

[…]

May we always find a community to call our home. May we be supported by our families, the ones we were born into, and the ones we chose as friends.

May we both feel our emotions that are attached to this. May we accept them and express them, no matter if they are sadness, anger, or grief, or if they are joy, excitement, curiosity, or relief. May we understand each other’s emotions and feel understood and accepted by the other.

May our love for ourselves and for each other be strong, and may our relationship grow even better and stronger than it already is.

[…]

May this next step bring healing and peace to both of us.

May we both embrace the coming transformation of Chris‘ body, inside and out, and may he suffer no ill effects from the hormones.

May we embrace the transformation this next step may bring to our relationship and the ways we exist and are seen in this world.

[…]

May we know where to find our Ancestors in this, the people who have walked similar paths before us. May they share their wisdom with us, and may they support us in Spirit so that we never feel alone.

[…]

May we be safe and nourished wherever we go …

[…]

May we be protected day and night …

And above all, may we know joy.

So be it.

Und sonst? Ich habe diesen Blog begonnen, das ist auch eine Errungenschaft. Auch wenn ich bedaure, dass bisher noch kaum jemand auf diese Seite gefunden hat. Ich weiß nicht so recht, woran es liegt – wird auf deutsch vorrangig anderswo gebloggt? Sucht einfach niemand nach Transgender + Partnerschaft? Muss ich mehr kommentieren und meinen Link in anderen Blogs hinterlassen? Bin ich schlicht zu ungeduldig?

Außerdem habe ich den Entschluss gefasst, mich 2011 deutlich aufdringlicher zu outen. Wenigstens ein paar mehr von meinen Kolleg*innen und entfernteren Bekannten sollen nicht mehr die Möglichkeit haben, mich als ungebrochen hetera zu sehen. Als Anlass sei mir daher alles halbwegs an den Haaren herbeiziehbare recht (denn auf Gelegenheitem zum eleganten Einflechten warte  ich jetzt seit Monaten vergebens) – und wenn es der demnächst nötige Rasierunterricht für die Butch ist.

A propos: Neulich traf mich unerwartet die Erkenntnis, dass ich Chris‘ entzückendes Oberlippenhaar vermissen werde, wenn es zu dick/dunkel/lang zum Stehenlassen geworden ist. Und das wird leider bald der Fall sein. Seufz. (Aber vielleicht kriegt er ja statt dessen Bauchhaar – so einen kleinen pleasure trail finde ich nämlich sehr appetitlich! Er selbst leider nicht, aber ich nehme an, auf eine regelmäßige Bauchrasur hat er dann auch keine Lust…)