Aha! Oh. Hmmm…

Eben gerade wurde mir endlich und schlagartig klar, warum ich es immer noch so verdammt schwierig finde, mich in meinem Arbeitsalltag zu meinem Dasein als Trans*liebchen zu bekennen. Es geht dabei überhaupt nicht um mich und eventuelle negative Konsequenzen, die ein solches Coming-Out für mich haben könnte. (Okay, vielleicht nicht „überhaupt nicht“, aber definitiv nicht vorrangig.)

Es geht dabei die ganze Zeit um die Frage: „Was kann ich wem über Chris (und unser gemeinsames Leben) erzählen, ohne dass es hinterher irgendwie, irgendwann negative Konsequenzen für ihn hat?“ Ich habe immer diese Vorstellung von einem zukünftigen Firmenevent, zu dem ich ihn als Begleitung mitnehmen würde, und bei dem ihn dann jemand aus meinem Kolleg*innen kreis schlecht behandelt, weil bekannt ist, dass er trans* ist. Nicht, dass meine Firma überhaupt solche „Mit-Begleitung-Events“ veranstalten würde… Alternativ könnte es natürlich vorkommen, dass wir plötzlich meinen Chef im Baumarkt oder auf einem Stadtfest treffen – und er würde dann irgendwie blöd zu Chris sein. Nicht, dass mein Chef und ich uns schon jemals irgendwo getroffen hätten… Natürlich ist es völlig irrational, mir über solche rein-theoretisch-möglichen Vorkommnisse so viele Gedanken zu machen. Aber die Sorge bleibt, dass ich es am Ende bitter bereuen würde, Chris dieser Situation ausgesetzt zu haben, indem ich den falschen Leuten zu viel über ihn und uns erzählt habe.

Das war definitiv anders, als ich mich noch als mehr oder weniger lesbisch identifiziert habe. Da ich immer nur mit Frauen zusammen war, die ebenso offen als Lesben lebten wie ich, war ein indirektes Outing durch meine Erzählungen über meine Partnerinnen nie ein Problem. [Abgesehen davon, dass ein Coming-Out als Lesbe sich nach wie vor beiläufig in einem Nebensatz abhandeln lässt, was ich von einem Coming-Out als Trans*liebchen nicht gerade behaupten kann (zumal ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass „Trans*liebchen“ überhaupt eine Identität ist, zu der ich ein Coming-Out haben könnte, sollte oder wollte, das mit einem öffentlichen Bekenntnis zum Lesbischsein vergleichbar wäre).]

Wenn ich gesagt habe, ich sei lesbisch oder ich hätte eine Freundin und keinen Freund, dann ging es dabei immer nur um mich, nicht um sie. Schlimmstenfalls wurde mein Frauengeschmack angezweifelt, wenn es denn mal zu einer Begegnung zwischen meiner Liebsten und irgendwelchen anderen Leuten kam. Aber ich habe mir nie auch nur eine Sekunde Sorgen gemacht, dass mein Coming-Out als Lesbe negative Konsequenzen für meine Freundin haben könnte.

Als Trans*liebchen bin ich inzwischen aber an dem Punkt, wo ich mir sogar schon überlege, was ich überhaupt zu meinem Begehren sage. Würde es negativ auf Chris zurückfallen, wenn ich meinem Chef erzählen würde, dass ich Rachel Maddox (in ihrem Privatoutfit) durchaus appetitlich finde? Was hätte es für Auswirkungen auf Chris, wenn ich bekanntgäbe, ich sei zuvor immer nur mit Frauen zusammen gewesen? Es ist nicht (mehr) so einfach, mein Begehren von seinem „öffentlichen“ Geschlecht zu trennen, wenn es um die Öffentlichmachung des einen oder des anderen geht.

Und warum denke ich eigentlich, ich müsste (oder könnte) Chris in diesem Punkt vor allem transphoben und „tunten“feindlichen Übel der Welt beschützen? Soweit ich weiß, hat er nach wie vor ein extrem entspanntes Verhältnis zu den meisten Erwartungen, die die Welt mittlerweile an seine Männlichkeit stellt. Will sagen, er tut das, was seiner Persönlichkeit entspricht (und die ist in vielen Punkten glücklicherweise nicht stereotyp „männlich-maskulin“) und kümmert sich ansonsten herzlich wenig um die Geschlechtsrollenerwartungen seiner Mitmenschen. Was soll ihm also Schreckliches passieren, wenn mein Chef oder meine Kolleg*innen ihn tatsächlich eines Tages treffen und feststellen, dass er gar kein „richtiger Mann“ ist? Das will er doch auch gar nicht sein!

Hmmm, mir scheint, ich muss mich öfter mal daran erinnern, dass Chris nicht mein Ex ist (für den es auch prä-Testo sehr wohl ein halber Weltuntergang war, wenn man ihn nicht für einen hundertprozentigen Kerl und Gentleman gehalten hat)… Und dass die Kurzformel vom „Transmann“, der Chris für einen großen Teil des Umfeldes ist, das nicht zum engeren Freundeskreis gehört, wirklich nur eine erklärungssparende und drastisch verkürzte Darstellung seiner komplexen geschlechtlichen Realität ist – und nicht sein Versuch, mir seinen geheimen Wunsch, nun doch ein „richtiger Mann“ zu sein, unterzujubeln.

Manchmal stelle ich mir echt selber ein Bein, beim Versuch, Chris in seiner „öffentlichen Männlichkeit“ zu unterstützen, ihm aber gleichzeitig nicht irgendein Männerklischee überzustülpen, bloß, weil er jetzt Testosteron nimmt. Möglicherweise ist das aber auch wieder nur ein altes Femme-Problem im neuen Gewand: die Schwierigkeit, die Maskulinität unserer Butch-Liebsten anzuerkennen, ohne sie deswegen gleich pauschal mit allem, was irgendwie „männlich“ ist, in eine Schublade zu stecken…

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Die Identitäten und ich

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute etwas zu den verschiedenen Identitätslabeln sagen, die ich in diesem Leben schon für mich und mein Begehren (und Verwandtes) benutzt habe.

Der erste bewusst von mir in Anspruch genommene Begriff war „bisexuell„. Da war ich noch in der Schule. Ich hatte noch mit überhaupt niemandem geschlafen, ich hatte auch noch mit niemandem eine Liebesbeziehung gehabt, aber ich hatte schon mit Vergnügen einige Jungs geküsst und war auch in einige von ihnen verliebt gewesen (meist etwas weniger vergnügt, da eher einseitig). Außerdem hatte ich eine beste Freundin, mit der es etwa um diese Zeit erotisch zu knistern begann, und die dann das erste Mädchen wurde, dass ich küsste….

Ich war damals sehr überzeugt davon, dass alle Menschen mehr oder weniger bisexuell sind. Und da ich gern mit anderen Menschen über das rede, was mich beschäftigt, fing ich an, mit einigen Leuten aus der Schule „so ganz allgemein“ über diese Theorie zu diskutieren. Quasi ganz nebenbei begann ich, mich (wenn auch meist nur implizit) als bisexuell zu identifizieren.

Einige wenige, aber dafür sehr turbulente Jahre später fand ich mich dann in der Situation wieder, sehr plötzlich, unerwartet und intensiv eifersüchtig auf den Freund meiner neuen besten Freundin zu sein. Das war offensichtlich das letzte Puzzleteil, das ich brauchte, um endlich die Bezeichung „lesbisch“ als für mich passend zu empfinden. Mir wurde wirklich sehr schlagartig klar, dass ich nicht nur „auch“ auf Frauen stand, sondern „vor allem“ und „nahezu ausschließlich“.

Lesbisch war ich dann ziemlich lange und sehr offensiv. Ich kriegte schnell Kontakt zur örtlichen FrauenLesben-Szene, tummelte mich quer durch eine Vielzahl an feministischen kulturellen und politischen Projekten, verbannte Männer eine Zeitlang fast vollständig aus meinem Leben und war höchstens mal zufällig (noch) nicht out als Lesbe. Die Lesbenszene war mein Zuhause, dort waren alle meine Freundinnen, alle guten Partys und überhaupt mein kultureller, sozialer und politischer Lebensmittelpunkt.

Die Identität „lesbisch“ hielt auch, als ich den Schritt zur Identifikation mit dem Begriff  „(butchliebende) Femme“ machte. Allerdings begann damit auch die Zeit, wo ich (vor allem von manchen Lesben und Schwulen) nicht mehr so ohne weiteres als „Lesbe“ akzeptiert wurde. Ich bestand aber vehement darauf, dass „lesbische Femme“ eine lebbare Identität sei und dass sowohl mir, als auch die Butches, die ich liebte und begehrte, ein Platz in der Lesbenwelt zustünde (schon allein aus historischen Gründen…).

Wieder einige Jahre später konnte ich dann nicht mehr an der Tatsache vorbeigucken, dass einige Butches, die ich liebte und begehrte, nicht mehr so ganz eindeutig als „Frauen“ bezeichnet werden konnten und wollten. Außerdem musste ich im Rahmen zweier kurzer Affäre mit einem Cismann und einer anderen Femme feststellen, dass mein Begehren offenbar deutlich flexibler war, als ich gedacht hatte. Diese beiden Aspekte bewogen mich dann dazu, mich langsam von der Selbstbezeichnung „lesbisch“ zu verabschieden und mich immer häufiger als „queere Femme“ zu bezeichnen.

Dazu kam, dass ich auf Grund meines immer feminineren Aussehens und/oder der Objekte meines Begehrens immer weniger in lesbischen Zusammenhängen akzeptiert wurde, und so schlussendlich nicht mehr viel von dem Zugehörigkeitsgefühl dort übrigblieb. Spätestens, als ich dann das erste Mal mit einer Transgender Butch zusammen war, die ich ausschließlich mit männlichem Vornamen und Pronomen kannte, hatte sich das Thema mit dem gemeinsamen Raum auf Frauenpartys dann auch erledigt. Weder er noch ich fühlten uns dort noch erkannt, wohl oder willkommen.

Die einzigen Orte, die Platz für unsere beiden Identitäten und unser Miteinander zu haben schienen, waren vereinzelte Veranstaltungen aus explizit queeren Kontexten. Nicht, dass es dort keine Missverständnisse, Fehlwahrnehmungen oder Konflikte wegen seiner, meiner oder unserer Identität gegeben hätte. Aber es war besser als nichts, und manchmal war es auch ganz schön toll.

Und jetzt bin ich seit einigen Jahren mit einer anderen Transgender Butch zusammen, die inzwischen in weiten Teilen des Alltags als (Trans-)Mann lebt. Das fügt den halb-ironischen Begriff „Trans*liebchen“ der „queeren Femme“ hinzu. (Transgender) Butches sind immer noch die Sorte Mensch, die ich am wahrscheinlichsten erotisch attraktiv finde, und die ich in meinem erotischen Leben auf keinen Fall missen möchte. Aber manchmal finde ich immer noch auch Menschen anderer Geschlechtskategorien lecker für die Augen (und manchmal auch geeignet für die eine oder andere anregende Phantasie und vielleicht auch irgendwann wieder für die eine oder andere anregende Praxis).

Manchmal überlege ich, ob ich quasi den Kreis vollendet habe, und wieder da bin, wo ich mal angefangen habe. Aber „bisexuell“ beinhaltet für mich einerseits die Idee von nur zwei Geschlechtern (die meiner Erfahrung nach schlichtweg falsch ist) und andererseits die Assoziation von einer gleichmäßigen Verteilung der Anziehung auf maskuline/männliche und feminine/weibliche Wesen (die ich so nicht erlebe).

Also bleibe ich bei „queer“, denn für diese Geschichte, diese Gegenwart und diese (vermutete) Zukunft fällt mir wirklich kein treffenderer Begriff ein. Und manchmal habe ich in letzter Zeit so Tage, da probiere ich, wie es ist, ganz ohne all diese Identitätslabel über mein Begehren, meine Lieben und meine sozial-politisch-kulturellen Bezüge zu sprechen…

Testo und ich (was bisher geschah)

Schon vor über 10 Jahren, als ich als frischidentifizierte Femme das erste Mal Stone Butch Blues (dt: Träume in den erwachenden Morgen) von Leslie Feinberg las, wuchs in mir die Vermutung, dass ich als Butch-liebende Femme mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später mit der Thematik von FTM-Transitionen zu tun kriegen würde. Dieser Verdacht verstärkte sich durch meine Beobachtung, dass jede einzelne Butch, mit der ich in meinen ersten Femmejahren näher zu tun bekam, zumindest eine Zeitlang intensiv darüber nachgedacht hatte, die eigenen Brüste loszuwerden. Die meisten hätten nach wie vor ohne jedes Zögern Ja zu einer schmerzlosen und kostenneutralen Brustentfernung gesagt (exklusive Nippel und deren erotische Kapazitäten, wohlgemerkt). Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich als Frauen und Lesben zu identifizieren.

Die „Theresa-Frage“

Ich stellte mir also schon sehr früh (und erstmal theoretisch) die „Theresa-Frage“*: Wenn ‚meine‘ Butch sich entscheiden würde, fortan als Mann leben zu wollen und entsprechende hormonelle und operative Maßnahmen vornehmen würde, wäre das für mich ein Trennungsgrund?

(*In Feinbergs Roman entscheidet sich die Butch-/Trans*-Hauptfigur Jess in den frühen 1970er Jahren dazu, aus Gründen des ökonomischen und psychischen Überlebens Testosteron zu nehmen und nach außen hin als Mann zu leben. Theresa ist ihre Femme-Partnerin, die sich von ihr trennt, weil sie feststellt, dass sie als feministische Lesbe nicht mit einem Menschen zusammenleben kann und will, den die Welt für einen Mann hält. Dieser Konflikt ist im Buch als für beide Seiten sehr emotional beschrieben. Dadurch, dass die Geschichte aus Jess‘ Perspektive geschrieben ist, bleibt aber bei allem Verständnis für Theresas Perspektive vor allem das Gefühl hängen, dass diese ‚ihre‘  Butch wegen eines egoistischen Beharrens auf einer lesbischen Identität hängen lässt.)

In den folgenden Jahren kam ich immer wieder auf diese Frage zurück, wobei sich nach und nach für mich herauskristallisierte, dass ich zwar durchaus offen für körperliche Veränderungen war/bin (wie ich herausfand, sind meine eigenen erotischen Reaktionsmuster da sehr flexibel), dass ich aber nicht bereit war/bin, meine eigene Queerness grundsätzlich und überwiegend zu verleugnen, um einem Trans*partner ein weitestgehend ungebrochenes Leben als Mann zu ermöglichen. Das ist immer noch so.

Der Ex und ich (eher konfliktreich)

Meine vorige Beziehung war ebenfalls mit einer Transgender Butch. Er hatte von Anfang an einen eindeutig männlichen Namen (damals noch nicht in seinem Ausweis), und ich habe über ihn immer mit männlichem Pronomen gesprochen. Das war die Zeit, in der mich ein langjähriger schwuler Freund fragte: „Bist du jetzt hetero?“ Das war auch die Zeit, als ich lernte, unsichtbar zu sein. Diese Unsichtbarkeit wurde verstärkt durch meine immer länger werdenden Haare (mit denen ich Zentimeter für Zentimeter aus dem ‚Lesbenschema‘ herauswuchs) und durch meine Entscheidung, mich weniger auffallend/’alternativ‘ zu kleiden. Beides wurde durch meinen Ex sehr bestärkt, denn meine visuelle feminine ‚Normalität‘ an seiner Seite erhöhte deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass er als Mann gelesen wurde (und das war ihm sehr wichtig). In heterodominierten Umgebungen wie Supermärkten, Straßenbahnen und Shoppingmeilen kostete mich das Dasein in dieser visuellen ‚Normalität‘ plötzlich massiv weniger Energie als meine vorigen Verkörperungen als visuell ‚Andere. Das war meist sehr angenehm, auch wenn ich noch sehr lange nicht mit diesem Privileg rechnete (schließlich hatte ich es seit meiner Teenagerzeit nicht mehr gehabt). Eigentlich erwarte ich bis heute, dass man mir mein ‚inneres Anderssein‘ ansehen kann und bin regelmäßig irritiert, wenn ich merke, dass dem nicht so ist.

In Umgebungen, die als queer definiert waren, fiel ich dagegen mit dieser visuellen ‚Normalität‘ ziemlich auf. Es gab dort zwar hin und wieder feminine Signale, allerdings meist an Männern/alltagsmaskulinen Menschen. Femininität konnte dort außerdem als außergewöhnliches Spektakel existieren, sichtbar gemacht durch Exzesse von Glitter, Make-up und anderen trashigen Elementen. In Lesbenzusammenhängen tauchten zwar im Vergleich zu den frühen 1990ern ebenfalls vereinzelt längere Haare, rote Lippen, höhere Absätze oder gar Röcke auf – allerdings nicht alles zusammen an derselben Person und immer nur in begrenztem Ausmaß (d.h. die Haare waren nicht länger als schulterlang, die Absätze waren blockig und nicht zu hoch, und die Röcke wurden gern über Hosen getragen). Insgesamt führte die Kombination von seinem und meinem Genderausdruck dazu, dass wir entweder für ein Heteropaar gehalten wurden (was mich unglücklich machte und uns aus queeren Zusammenhängen ausschloss) oder für ein Lesbenpaar (was ihn unglücklich machte und aus der ersehnten Männlichkeit ausschloss). In Einzelfällen mag man uns auf lesbischwulen Partys auch für einen Schwulen plus Gabi (= heterosexuelle Feierbegleitung) gehalten haben. Sprich: eigentlich gab es nirgends einen Ort, wo wir beide in Übereinstimmung zu unserem Selbstverständnis gelesen wurden. Das war daher auch die Zeit, in der ich aufhörte, Spaß am Ausgehen zu haben, u.a. weil die ständigen Identitätskonflikte und -erklärungsnotwendigkeiten einfach nicht viel Partystimmung aufkommen lassen wollten.

Mein Ex hatte mir während unserer Beziehung immer wieder versichert, dass er eine Butch sei und kein Mann. Er identifizierte sich stark mit Leslie Feinberg bzw. der Figur Jess aus Stone Butch Blues und träumte (mit mir) von einer zeitgenössischen Butch/Femme-Kultur basierend auf einer romantisierten Lesart von Feinbergs Beschreibungen. Er grenzte sich massiv von Drag Kings (weil die ihre Maskulinität/Männlichkeit schließlich nur spielten und trotzdem dafür weit mehr soziale Anerkennung bekamen als er) und Transmännern (weil diese das leidvolle Dasein als Butch hinter sich ließen und in die männliche ‚Normalität‘ abwanderten) ab und beteuerte, er wolle niemals Testosteron nehmen. Was mir sehr entgegenkam, denn ich wollte ja auch mit einer Butch zusammensein und nicht mit einem Mann.

Entsprechend schockiert und vor den Kopf gestoßen war ich, als er mir am Ende unserer Beziehung eröffnete, dass er beim Endokrinologen gewesen sei, um sich Testosteron verschreiben zu lassen. Dabei hat mich weniger die Entscheidung als solche so umgehauen, sondern vor allem die Tatsache, dass er vorher nie mit mir darüber geredet hatte, dass er sich über Hormone Gedanken macht. Zumal ich wusste, dass die meisten Endokrinologen nicht einfach so Testosteron verschreiben als wären es Kopfschmerztabletten, sondern dass sie in der Regel mindestens ein psychologisches Gutachten verlangen, in dem die Transsexualität der betreffenden Person diagnostiziert wird. Heißt, mein Ex muss bereits weit vorher angefangen haben, diesen Weg zu beschreiten, ohne mich als seine Partnerin auch nur mit einer Silbe in den Prozess einzubeziehen, der mich schließlich direkt betraf. Aber unsere Beziehung war damals ohnehin schon durch mehrere Vertrauensbrüche seinerseits erschüttert, so dass diese Mitteilung nur der letzte Tropfen war, der das Fass der angehenden Trennung dann zum Überlaufen brachte.

Diese emotional wirklich (excuse my French) beschissene Erfahrung machte es mir natürlich nicht eben einfacher, eine entspannte Haltung gegenüber den Menschen einzunehmen, die sich für Testosteron oder andere ‚offizielle‘ trans*verwandte Dinge (wie rechtliche Vornamensänderungen, verschiedene Operationen, oder Personenstandsänderungen) entschieden.

Testo im Freundeskreis

In den Folgejahren begannen verschiedene andere Leute aus meinem Bekannten- und Freundeskreis ebenfalls Testo zu nehmen. Mein Gefühl, dass Tesio dasjenige der oben genannten Dinge ist, das am meisten dazu beiträgt, (visuelle) geschlechtliche „Normalität“ herzustellen, hat sich dadurch allerdings eher bestätigt. Ich merke das vor allem an meiner persönlichen Begehrenskurve. Dazu muss man wissen, dass ich maskuline Gesichtszüge an Menschen mit weiblich zugewiesenem Körper wahnsinnig attraktiv finde, und dass Gesichter für mich der Körperteil sind, an dem ich Geschlecht am meisten festmache (das ist nicht immer gut, aber trotzdem wahr). Ich liebe es, wenn ein Gesicht in ein und demselben Gespräch zwischen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ changieren kann, am liebsten mit vielen Zwischentönen. Zurück also zu meinen Freunden und Bekannten. Diejenigen, die ich prä-Testo attraktiv fand, wurden durch die Testo-Benutzung zuerst noch ein bisschen attraktiver für mich, und ‚kippten‘ dann visuell irgendwann in einen Bereich, der außerhalb meines ‚Beuteschemas‘ liegt. Natürlich sind sie alle nach wie vor wunderbare Menschen, mit denen ich ausgesprochen gern befreundet bin. Aber die visuelle Anziehung ist erstmal weg.

In Freundschaften sind solche visuellen Veränderungen allerdings ein absolutes Randthema, denn da stehen für mich andere verbindende Dinge im Vordergrund. In einer Beziehung (und damit kommen wir zum Hier und Heute) ist die visuelle Attraktivität für mich jedoch ziemlich wichtig. Und wenn ich schon Begehrenskrisen kriegen kann, wenn mein Liebster eine Frisur hat, die ich total abtörnend finde, egal, wie sehr sie ihm selbst gefällt, dann kann ich mich zwar für meine ‚Oberflächlichkeit‘ schelten und schämen, aber das ändert meine  optischen Präferenzen trotzdem nicht. Vergleichbares gilt übrigens für Körpergeruch. Auch da habe ich bei Testonutzern in meinem Umfeld meist eine Phase erlebt, in denen ich ihren Geruch als unangenehm empfunden habe. Es mag sein, dass das vor allem durch die hormonelle Umstellung als solche bedingt war (denn körperlich ist es nun mal eine Art Pubertät), denn nach einiger Zeit hat sich das auch wieder verringert. Ich würde aber trotzdem sagen, dass Testonutzer anders riechen.

Kurz: Ich habe Bedenken…

Und genau deshalb macht mir die Entscheidung ‚meiner‘ Transgender Butch, jetzt Testo zu benutzen, solche Angst. Natürlich basiert unsere Partnerschaft nicht allein darauf, dass ich sein Gesicht und seinen Geruch ausgesprochen lecker finde. Trotzdem: Was ist, wenn er mir plötzlich nicht mehr gefällt und das nicht durch einen Haarschnitt zu ändern ist? Was, wenn ich ihn eines Tages buchstäblich nicht mehr riechen mag?

Ich hoffe ja momentan auf sanfte Veränderungen, die mich vielleicht gar nicht so sehr stören wie erwartet, weil ich sie (anders als bei meinen Freunden und Bekannten) von Tag zu Tag miterlebe. Und ansonsten werden wir uns mit einem eventuellen Problem dann befassen, wenn/falls es tatsächlich eintritt. Vielleicht finde ich die Veränderungen ja auch super, weil ich den Rest des Menschen so super finde!

In die Nesseln

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Illustration_Urtica_dioica0.jpg

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es einige weitere Disclaimer braucht, bevor ich hier wie geplant posten kann. Als Trans*partnerin öffentlich zu sprechen, heißt erfahrungsgemäß oft auch, sich mitten in sämtliche Nesseln zu setzen.

Sprechen wir also über das tückische Terrain, auf das ich mich hier wieder einmal bewege.

„Wenn du sagst, du begehrst Trans*menschen so, wie andere Leute Frauen und/oder Männer begehren, ist das eine Fetischisierung von Trans*!“

Ich kann die Abwehr ja verstehen. Schließlich ist mir auch nicht wohl dabei, wenn mich jemand ausschließlich aufgrund einer körperlichen Eigenschaft sexuell aufregend findet (z.B. wegen meiner Haarlänge, Hautfarbe oder Körbchengröße). Ich kann mir außerdem vorstellen, dass es mindestens zwiespältige Gefühle verursacht, für etwas gewollt zu werden, das man selbst an sich massiv unattraktiv und unstimmig findet (z.B. ein bestimmtes Körpergewicht). Noch dazu haben gerade Trans*frauen oft eine Menge Arbeit damit, ihr alltägliches Dasein gegen unangenehm pornographisch-voyeuristische Vereinnahmungen ihrer Körper und Sexualitäten abzugrenzen.

Aber was ist so schlimm daran, Trans*menschen, die ihr Trans*sein selbst als drittes/viertes/fünftes Geschlecht empfinden, genau wegen diesem Geschlecht anziehend zu finden? Ich selbst finde es zumindest ziemlich toll, wenn mich jemand gerade wegen meines Geschlecht (= Femme) anziehend findet und es nicht nur schulterzuckend mitnimmt, weil ich ansonsten so ein netter Mensch bin. Wir halten also fest: Ich rede hier nicht von Menschen, die sich ungebrochen und eindeutig als Frau oder Mann identifizieren (egal, was sie für eine anatomische Ausstattung mitbringen und/oder was in ihren offiziellen Papieren steht).

Mal abgesehen davon, dass mein Begehren wesentlich komplexer ist, als das eindimensionale Bild der*des tranny chaser unterstellt. Denn selbstverständlich interessieren mich an einem (für mich) erotisch spannenden Trans*menschen neben dessen Trans*sein auch geschlechtsunabhängige Dinge wie das Vorhandensein von Humor, Intelligenz und sonstigen Kompatibilitäten. Das ist alles nicht anders, wenn ich Frauen als Frauen begehre oder Männer als Männer.

„Wenn du hier über deinen Trans*partner schreibst, outest du ihn und sein Trans*sein gegen seinen Willen!“

Nun, zunächst einmal versuche ich, hier so anonym wie möglich zu bleiben, ohne deshalb nun absichtlich meinen Schreibstil zu verändern, Geschehnisse umzudatieren oder was es sonst noch an aufwendigen Verschleierungsstrategien gäbe. Das stetige Streben nach hundertprozentiger Anonymität ist mir nämlich schlicht zu anstrengend. Ich nehme daher an, dass mich vielleicht irgendwann doch die eine oder der andere genaue Beobachter*in aus meinem Offline-Umfeld erkennt. Ich hoffe dann auf einen entsprechenden Hinweis außerhalb der Öffentlichkeit und auf einen allgemein respektvollen Umgang.

Davon abgesehen ist mein Trans*partner in den meisten Bereichen seines Lebens ohnehin offen trans*. Insofern schaffe ich hier kein nennenswert größeres Risiko für ihn als das, mit dem er sowieso bereits lebt.

Trotzdem mag es vorkommen, dass ich hier mehr oder weniger persönliche Dinge über ihn schreiben muss, um meine Gefühle und Gedanken (und um die soll es hier ja vorrangig gehen) nachvollziehbar zu machen. Deshalb habe ich meinem Trans*partner von diesem Blog erzählt und ihn gleichzeitig gebeten, ihn nicht ohne mein Einverständnis zu lesen. Ich finde, das gleicht die Machtverhältnisse erstmal ganz gut aus. (Sollte sich irgendwann herausstellen, dass sich aus meinem Bloggen Probleme für ihn oder uns ergeben, werden wir gemeinsam herausfinden, wie wir damit umgehen wollen.)

Die Alternative dazu wäre nämlich konsequentes Schweigen über eigentlich alles in meinem Leben, was von seinem Trans*sein berührt wird, und das kommt für mich weder aus politischen, noch aus persönlichen Gründen in Frage. Ich finde, Partner*innen von Trans*menschen müssen (auch) öffentlich über ihre Anliegen in diesem Themenfeld sprechen können, ohne dass uns pauschal unsolidarisches oder gar transphobes Verhalten vorgeworfen wird. Auch dann, wenn es mal kompliziert, kritisch und/oder emotional wird. Mir ist außerdem wichtig, meine/unsere Privilegien und Vorurteile zu reflektieren und einen konstruktiven Umgang damit zu finden.

Und genau das ist einer der Gründe, warum ich blogge  anstatt einfach nur offline Tagebuch zu schreiben: die Hoffnung auf Rückmeldungen von denen, die diesen Blog lesen, und das Interesse am Austausch mit denen, die sich mit ähnlichen oder verwandten Themen beschäftigen.

(Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Illustration_Urtica_dioica0.jpg)