Stand der Dinge

Nachdem der letzte Beitrag in diesem Blog nun auch schon wieder über sechs Monate alt ist, muss ich abermals einsehen, dass ich wohl einfach nicht so viel zu sagen habe, wie ich ursprünglich dachte. Jedenfalls nicht aus der Position des „Trans*liebchens“ heraus. Aber dazu demnächst mehr.

Es ist nämlich nicht so, dass nichts passiert wäre, in den letzten Monaten. Im Gegenteil, Chris hat im April endlich seine Finanzierungszusage für die Brust-OP von der Krankenkasse bekommen, eben jene OP kurz darauf machen lassen und gut überstanden, und er hat inzwischen auch wieder mit dem Testo aufgehört. Aktuelle trans*bezogene Themen in unserem Alltag waren in den letzten Wochen und Monaten also vor allem Heilungsprozesse und OP-Nachsorge und die Feststellung, dass manche seiner T-Shirts jetzt wirklich, wirklich zu groß sind und vielleicht mal aussortiert werden könnten. Dies ist also der erste Sommer, in dem wir beim gemeinsamen Parkspaziergang auch an heißen Tagen nicht mehr für Lesben gehalten werden. Was aber (zumindest für mich) irgendwie gar nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt, alles in allem.

Dafür werden wir jetzt noch öfter als vorher blöd angeguckt, wenn ich die schweren Koffer in die Gepäckablage im Zug hebe oder das Paket mit den Saftflaschen vom Supermarkt nach Hause trage. Dass „ich-als-Frau“ nicht nur theoretisch in der Lage, sondern auch praktisch willens bin, meine Muskeln für solche Trage- und Hebetätigkeiten zu benutzen, auch wenn „(m)ein Mann“ dabei ist, scheint auch in diesem Jahrtausend immer noch eine Ungewöhnlichkeit zu sein. Chris ist in diesem Bild natürlich der uncharmante Ausbeuter, der „seine Frau“ die ganze Arbeit machen lässt. Vielleicht ist er aber auch der arme „Pantoffelheld“, der sich gegen „seinen Hausdrachen“ nicht durchsetzen kann… Auf jeden Fall machen wir das mit dem geschlechterrollengerechten Verhalten in unserer Beziehung offensichtlich falsch.

Aber es geht noch komplizierter: Möglicherweise haben wir nämlich beide als selbstidentifizierte queere Butch und Femme streckenweise  tatsächlich den Wunsch, dass er gentleman-like meinen schweren Rucksack in die Gepäckablage hievt, wofür ich ihn dann begehrlich anschaue, auch wenn wir als fremdidentifizierte/r „Mann“ und „Frau“ überhaupt gar kein Interesse an der Aufrechterhaltung solcher Geschlechterklischees haben. Nur dass man uns das Butch- und Femmesein inzwischen halt kaum noch ansehen kann, weil wir eben im Alltag zumeist als ein zwar etwas seltsames, aber nicht besorgniserregend abweichendes Heteropaar gelesen werden. In anderen Worten: Wir sind gezwungen, unser geschlechtliches Auftreten in der Welt neu zu untersuchen und ggf. zu modifizieren, damit es sich wieder für uns stimmig anfühlt.

Kurz vor der OP hatte ich nochmal eine mittlere Rundum-Krise, die mir so vorkam, als würden alle bisher nicht komplett bearbeiteten Stückchen und Eckchen meines „Trans*liebchenseins“ an die Oberfläche gespült werden, damit ich sie schnell nochmal begucken und bearbeiten kann. Das war insbesondere emotional ganz schön anstrengend und nichts, worüber ich währenddessen hätte bloggen wollen oder können. Und auch im Nachhinein stelle ich fest, dass ich zu den in diesem Rahmen aufgeworfenen Fragen/Themen noch immer nichts schreiben kann oder will.

Nichtsdestotrotz ist diese OP – wie erhofft – tatsächlich eine Art „Endpunkt“ für mich/uns gewesen, auch wenn Chris aktuell noch immer mit dem Heilungsprozess beschäftigt ist (und ich ihn auch wirklich gern mal wieder ohne Vorher-Nachdenken richtig fest umarmen würde!). Ich hoffe sehr, dass damit jetzt endlich all die offiziellen Stellen, die in den letzten drei Jahren immerzu irgendwie präsent in unserem Leben waren, wieder aus unserem Alltag verschwinden. Ich hoffe, dass wir uns damit jetzt endlich wieder auf unsere tatsächlichen Selbstdefinitionen konzentrieren können und nicht ständig besorgt sein müssen, ob dies oder jenes vielleicht negative Auswirkungen auf den „offiziellen“ Transitionprozess hat oder „der Einfachheit halber“ plötzlich überall die Story vom „Transmann“ erzählen, weil einfach keine Energie mehr für Erläuterungen komplexerer Identitäten und Identifizierungen mehr da ist. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich unser Leben weiterentwickelt, nachdem die offiziellen Teile der Transition soweit erstmal abgeschlossen sind.

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Eine Zukunftsfrage und eine Geschlechtstheorie

In einem Kommentar wurde ich gefragt:

Wie und wo wünscht du dir eigentlich ein gemeinsames Leben in „diesen diffusen Zeitpunkt ‚danach‘ “ mit deinem Partner, wenn man das fragen darf. Lebst du auf eine Idee von Zukunft hin?

Fragen darf man mich eigentlich alles. Was ich beantworte (und wie) entscheide ich dann selbst. :)

Ich stelle mir Chris nach der Brust-OP immer noch als uneindeutig vor (was mit seinem Selbstverständnis übereinstimmt). Bloß halt anders als früher. Ungefähr so, wie ich jetzt auch anders Femme bin, als ich es vor einigen Jahren war. Zusammen sind wir immer noch queer und werden das auch bleiben.

Meine Theorie ist ja, dass viele Menschen an sich eine bestimmtes ‚Geschlechtsgleichgewicht‘ spüren, mit dem sie sich am wohlsten und stimmigsten fühlen. Wenn jetzt ein ‚Geschlechtsmerkmal‘ sich zu ‚maskuliner‘ ändert, dann ändert sich oft ein anderes zu ‚femininer‘ (und umgekehrt), damit das Gesamtgleichgewicht gewahrt bleibt.
Zwei Beispiele: Eine Femme-Freundin von mir hat sich z.B. mal ihre sehr langen Haare sehr abrupt sehr kurz schneiden lassen. Als ‚Ausgleich‘ hat sie dann plötzlich mehr Baumel-Ohrringe und anderen Glitzerschmuck getragen. Ein Transmann-Freund hat, nachdem er dank Hormonwirkung endlich fast überall als Mann gelesen wurde, angefangen, seine Drag-Queen-Seite zu entwickeln. Beiden war bewusst, dass sie damit eine solche ‚geschlechtliche Verschiebung‘ ausgleichen.
Nach dieser Theorie brauche ich mir tatsächlich keine Sorgen zu machen, dass Chris plötzlich nur noch ungebrochen Mann sein will. Ich habe zumindest nie von ihm gehört, dass er sich 100%ig männlich fühlt und den Wunsch hat, dass die Welt ihn auch so sieht. Daher vermute ich, je eindeutiger männlich Chris wahrgenommen wird, desto mehr wird er andere Punkte finden, wo er gegen stereotype Geschlechtsrollenerwartungen verstoßen kann (das macht er ja jetzt schon).

Wenn ich also über Zukunft nachdenke, dann denke ich eher, dass er für sich einen ‚Stand‘ erreicht hat, den er längerfristig lebbar findet. Ich hoffe sehr, dass dieser ‚Stand‘ in großen Teilen noch immer in mein ‚Beuteschema‘ passt. Und dann hoffe ich, dass wir uns beide wieder ein bisschen an ein ‚Sein‘ gewöhnen können, als in einer ständigen Zwischenzeit zu existieren, in der sich höchstens provisorisch eingerichtet werden kann. Und DANN habe ich bestimmt auch irgendwann wieder Lust auf die nächste Veränderung…