Trans*aktionspause

Vor ungefähr einem Jahr war ich ziemlich sicher, dass Chris noch vor Weihnachten 2010 seine Brust-OP gehabt haben würde.

Dem war nicht so.

Ehrlich gesagt, habe ich in dem Wust von ÄrztInnen, Gutachtern/PsychotherapeutInnen, Krankenkassen und sonstigem Ämter- und Medizinkrams ein bisschen den Überblick verloren, was genau wann genau passiert ist. Chris hat nämlich nicht nur das Trans*thema in Angriff genommen, sondern ist ‚ganz nebenbei‘ auch noch seine chronischen Schmerzen angegangen und hat allerlei Lohnarbeitsdrama und -unsicherheit durchgestanden. Zeitweise hatte er bis zu drei Behandlungs-, Untersuchungs- bzw. Beratungstermine pro Woche, monatelang. Manchmal wusste keine*r von uns mehr so richtig, welche Baustelle jetzt am dringendsten bearbeitet werden musste, weil alles irgendwie miteinander verknäult war und an jedem Ende ein dicker Knoten aufs langsame Auseinandertüddeln gewartet hat. Existenzielle Sorgen um den eigenen Lebensunterhalt machen es zudem auch nicht einfacher, sich konzentriert und enthusiastisch um seine medizinischen und trans*technischen Angelegenheiten zu kümmern. Chris kam sich irgendwann jedenfalls quasi rundum ‚defekt‘ vor, was weder seine noch meine Lebensqualität gesteigert hat.

Inzwischen ist ein bisschen Ruhe eingekehrt. Ich habe einen neuen unbefristeten Job, und er hat ebenfalls einen neuen Job, der zumindest befristet finanzielle Sicherheit verspricht. Die chronischen Schmerzen sind zwar immer noch da, aber er verbringt nicht mehr ganz so viel Zeit in irgendwelchen Praxen. Seine „Therapeutin“ hat sich zwar geweigert, ihm eine Bescheinigung über eine durchgehende Behandlung auszustellen (sie fand seinen Entschluss, vorübergehend Hormone zu nehmen, inkonsequent), aber zumindest steht er jetzt nicht mehr ganz ohne Nachweis über die von der Krankenkasse geforderte „psychologische Begleitung“ da. Und Hormone nimmt er ja jetzt auch schon eine ganze Weile. (Momentan ist er übrigens massiv im Stimmbruch und wechselt munter zwischen Brummen und Quietschen, was wir beide mit Humor nehmen. Und da die Hormone das eine oder andere alte medizinische Problem verstärken bzw. neue medizinische Probleme schaffen, hat er vor einiger Zeit auch beschlossen, nur noch so lange Testo zu nehmen, bis er mit dem Stimmbruch durch ist. Was ziemlich unberechenbar eine Zeitspanne zwischen zwei Monaten und zwei Jahren sein kann, wenn man den Ergebnissen meiner oberflächlichen Google-Recherche trauen will.)

Der nächste Schritt wäre jetzt, seine ganzen Unterlagen und Bescheinigungen an die Krankenkasse zu schicken und darauf zu hoffen, dass die einfach ihr Okay für die OP gibt und nicht darauf beharrt, dass die Standard-Anforderungen bis zum letzten I-Tüpfelchen genauestens erfüllt werden (womit dann schätzungsweise Runde Nr. 378 des Trans*karussels losginge).

Aber irgendwie scheint gerade Trans*aktionspause zu sein, jedenfalls höre ich nichts über derartige Aktivitäten. Ich soll doch einfach nachfragen? Ja, den Rat hätte ich wem anders wahrscheinlich auch gegeben. Aber irgendwas hält mich davon ab. Ist doch gar nicht mein Job, ihn zu schnellerem Handeln in diesem Punkt zu animieren (und Nachfragen signalisiert ja zwangsläufig, dass mir die Wartezeit gerade etwas lang vorkommt). Soll er doch seine Transition in seinem Tempo und auf seine Art machen.

Gleichzeitig frage ich mich aber manchmal, wann er denn endlich mal einen ‚vorläufig finalen‘ Stand der Dinge erreicht. Also einen Zeitpunkt, wo man mal über andere Lebenspläne sprechen könnte. Zum Beispiel, was jede*r von uns denn so für Wünsche an die Zukunft hat, und wie die zusammenpassen. Wo wir wohnen wollen würden, wenn wir hier mal ausziehen. Was und wie wir idealerweise arbeiten möchten. Ob wir tatsächlich mit dem einen oder anderen Tier unseren Alltag teilen wollen. Sowas halt. Wo die Zukunft deutlich über „wenn Chris endlich seine Brust-OP durch hat“ hinaus geht. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass wir beide auf diesen diffusen Zeitpunkt ‚danach‘ warten, ab dem dann endlich wieder Platz, Zeit und Energie für andere Themen ist. Natürlich funktioniert das Leben so nicht, und die anderen Themen quetschen sich immer wieder dazwischen. Aber es ist schon was anderes, sich mit beruflichen Zukunftsfragen zu beschäftigen, weil man aufgrund äußerer Umstände gerade muss, als sich entspannt ein paar Gedanken über sein zukünftiges Arbeitsleben zu machen, weil man gerade möchte. Und auch wenn ich nicht erwarte, dass eine*r von uns in naher Zukunft ein irgendwie ‚endgültiges‘ Geschlecht findet und einnimmt, so hätte ich doch langsam gern mal ein etwas ‚finaleres‘ Gefühl zu seinem Geschlecht, so für eine Zeitlang.

Für mich war und ist bisher die Brust-OP (inklusive Erholungszeit) so ein Ereignis, das einen gewissen ‚Schluss‘ markiert. Schließlich war der Wunsch nach dieser OP der Auslöser für den ganzen offiziellen Trans*kram.

Ich glaube, ich frage ihn jetzt doch mal, wie der Stand der Dinge gerade ist…

Advertisements

Mehr Testoskepsis

In meinem vorigen Beitrag habe ich ja meine Befürchtungen bezüglich der Auswirkungen von Testosteron auf meinen Liebsten (nennen wir ihn Chris) und auf mein Begehren für ihn beschrieben. Worüber ich noch nichts geschrieben habe, sind meine sonstigen Bedenken zu Testosteron, allgemein und in diesem speziellen Fall.

Der spezielle Fall (1)

Chris hat lange keine Notwendigkeit für sich gesehen, Testo zu nehmen. Der Hauptgrund dafür war, dass er es schlicht nicht nötig hat, weil er eh meistens als Mann gelesen wird (erst recht in der kalten Jahreszeit, wo man bekleidungsbedingt eh weniger Körperform sieht). Seine Gesichtszüge sind auch ganz ohne Testo sehr maskulin, seine Stimme ist nicht besonders hoch, und er ist auch nicht so klein, dass die meisten Leute deshalb seine Männlichkeit anzweifeln würden. Wenn überhaupt, dann wirkt er eher ab und zu ein bisschen tuntig als weiblich. Sein Hauptanliegen war und ist daher auch die Brust-OP, und die war auch der Grund, warum er mit dem ganzen offiziellen Trans*krams überhaupt angefangen hat.

Er hat also im August 2009 die Vornamensänderung nach dem TSG (Transsexuellengesetz) beantragt, in der Hoffnung, mit Hilfe der dazugehörigen Gutachten dann die OP-Genehmigung zu erhalten. Die Gutachtertermine und Gutachten hat er dann auch relativ schnell bekommen, so dass nach dem Gerichtstermin und der Widerspruchsfrist im März 2010 die Vornamensänderung rechtsgültig war. Danach kam eine Phase mit ziemlich vielen Arztterminen (Endokrinologie, Gynäkologie, Chirurgie…) und sonstiger Rennerei, um alle Unterlagen zusammenzukriegen, die für den OP-Antrag (Antrag auf Kostenübernahme) bei der Krankenkasse erforderlich waren. Im August 2010 hat er den dann endlich abschicken können.

Und dann hat das Warten angefangen. Von dem, was ich im Freundes- und Bekanntenkreis so höre, ist das mit Abstand der schlimmste Teil. Man kann selber aktiv nichts mehr tun, sondern ist ‚dem System‘ völlig ausgeliefert. Man rennt jeden Tag hoffnungsfroh zum Briefkasten, nur um dann enttäuscht wieder zurück in die Wohnung zu schlurfen, weil wieder keine Antwort von der Krankenkasse angekommen ist. Bei Chris kam noch dazu, dass er bis dahin ja keine Hormone genommen hatte und insofern von dem ‚klassischen Trans*prozess‘ (erst Hormone, dann Vornamensänderung, dann Brust-OP, dann ggf. Sterilisierung, dann  ggf. Personenstandsänderung) abgewichen ist und deshalb ständig in Sorge war, ob die Krankenkasse die OP so überhaupt finanzieren würde (und wenn nicht, was dann der Plan B wäre: die OP selber zahlen und auf die Absicherung durch die Krankenkasse im Fall von Komplikationen/Nachbehandlungen verzichten? sich durch dieses System dazu zwingen zu lassen, doch Testo zu nehmen?).

Einschub: Der ‚klassische Trans*prozess‘

Kurz eingeschoben: Diese Vorstellung des ‚klassischen Trans*prozesses‘ wie ich ihn eben zusammengefasst habe,  stammt vor allem aus den Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen, einer Richtlinie für die medizinische und psychologische Behandlung von Transsexuellen. Diese gibt vor, dass für eine sogenannte „Indikationsstellung zur Transformationsoperation“ (also für ein Schreiben von Psychotherapeut*innen, in dem die Notwendigkeit für eine OP festgestellt wird) unter anderem eine Hormonbehandlung von mindestens einem halben Jahr erforderlich ist. Diese Richtlinien werden von Krankenkassen offenbar als Standardweg ohne Ausnahmen behandelt, obwohl es in der Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität [pdf] vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. ausdrücklich heißt: „Bei allen gutachtlichen Stellungnahmen handelt es sich um sozialmedizinische Empfehlungen zu einem Einzelfall ohne beispielgebende Wirkung.“

Der spezielle Fall (2)

Jedenfalls kam und kam nichts von der Krankenkasse an. In der Zwischenzeit musste Chris noch dazu berufsbezogen ziemlich viel mit fremden Menschen telefonieren, die ihn am Telefon ständig als Frau eingeordnet haben. Das hat die Situation des angespannten Wartens nicht wirklich entspannt, sondern im Gegenteil noch zusätzlichen Stress erzeugt. Noch dazu wollte man ihm eine berufliche Veränderung ausdrücklich erst dann anbieten, wenn er die OP (die er ehrlicherweise angesprochen hatte) hinter sich hätte. Jeder Tag, der ohne das Krankenkassen-OK verstrich, fügte also seinem allgemeinen Level des Angekotztseins und Sich-ausgeliefert-fühlens weitere Grade hinzu.

Im Oktober kam dann endlich ein Brief von der Krankenkasse an. Er enthielt als Formbrief nur knapp die Aufforderung, die Kriterien der Behandlungsstandards nachzuweisen, nämlich eine Psychotherapiedauer seit mindestens anderthalb Jahren, einen „Alltagstest“ seit mindestens anderthalb Jahren – und eine Hormonbehandlung seit mindestens einem halben Jahr. Also alles wie befürchtet.

Chris hat dann kurz überlegt, ob er einen Anwalt einschaltet und rechtlich gegen diese Anforderungen vorgeht (weil die Richtlinie Einzelfälle mit anderen ‚Behandlungsverläufen‘ eigentlich ermöglichen müsste). Diesen Plan hat er jedoch verworfen, weil der Anwalt seines Vertrauens selbst für einen Beratungstermin so viel Geld verlangt hätte, dass diese Option einfach zu teuer war. Aus demselben Grund kam auch eine Eigenfinanzierung der OP nicht in Frage. Es blieb also eigentlich nur die Möglichkeit, sich ‚dem System‘ und seinen Anforderungen zu fügen und sich doch Testosteron verschreiben zu lassen. Und das hat er ja Anfang November 2010 ja dann auch getan.

Normierungsprozesse

Vermutlich ist jetzt schon klar, warum ich so skeptisch gegenüber seiner Entscheidung bin? Für mich riecht das Ganze nämlich einfach danach, als hätte ein beschissenes Normierungssystem („wenn du schon trans* bist, dann kannst du es aber nur auf diese eine Art sein“) es mal wieder geschafft, sich einen Menschen, für den eigentlich etwas ganz anderes der richtige Weg gewesen wäre, einzuverleiben. Und der betroffene Mensch redet sich diesen Zwang vom System jetzt so lange schön, bis er es am Ende selbst für eine gute Idee hält, der Norm in diesem Punkt zu entsprechen. Denn es wäre doch vielleicht gar nicht schlecht, eine tiefere Stimme zu haben… Und mit mehr Körperbehaarung und einer größeren Klit könnte man vielleicht auch ganz gut leben… Ganz zu schweigen von der sehr willkommenen Fettumverteilung… Und der Rest wird bestimmt schon nicht so schlimm werden – man kriegt keine Rückenhaare oder Akne, der Körpergeruch bleibt im Bereich des Angenehmen, die Gesichtsform verändert sich nicht zum Negativen…

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich sehr wohl den Mechanismus kritisieren kann, der hinter so einem Normierungsprozess steckt, und gleichzeitig den einzelnen Menschen, der nun mal nicht so einfach aus diesem System ‚aussteigen-‚ kann, in seiner Entscheidung unterstützen kann. (Mit dieser Art Widerspruch lebe ich ja schließlich auch, wenn ich mir die Beine rasiere, damit ich von anderen Frauen nicht komisch angeguckt werde… Also, nicht dass ich jetzt Testo nehmen und Beinhaare rasieren gleichsetzen wollte — ich finde nur die Logik der Normierung ist ähnlich, wenn auch auf sehr unterschiedlich dramatischem Level.) Aber ganz so sauber lässt sich das in der praktischen Anwendung natürlich dann doch nicht trennen, so dass (ebenso wie bei meinen Beinenthaarung) ein ungutes Restgefühl bleibt. Bringt aktiver Widerstand gegen (oder ‚passive‘ Abweichung von) Normen nicht automatisch immer einen gewissen Komfortverlust für die Widerständigen mit sich, und man muss sich halt einfach nur daran gewöhnen? Ist Anpassung nicht immer auch ein bisschen äußerst fragwürdiger Ausverkauf? Warum entziehen sich nicht wenigstens diejenigen, die es sich aufgrund ihrer zahlreichen Privilegien eigentlich ganz gut leisten könnten, solchen Normen (also, im Fall von Trans*typen die, die auch ohne Hormone ziemlich oft als Mann gelesen werden und ohnehin keinen dringenden Wunsch nach Bartwuchs verspüren – und im Fall von Beinhaarentfernerinnen die, die insgesamt als eher attraktiv gelten und selber ihre Haare gar nicht so furchtbar finden)?

Muss Widerstand sichtbar sein?

Oder tappe ich genau bei dieser Argumentation in die Falle des viel zu oft geforderten „Sichtbarkeitsbeweises“ für widerständige Identitäten?

Schließlich ist effektiver Widerstand gegen ein normierendes System nicht nur dann ernsthaft möglich, wenn man den Normen selbst nicht entspricht. Schließlich kann ich mir eher lustlos die Beine rasieren und trotzdem (oder gerade deswegen!) gegen eine normierende gesellschaftliche Körperhaarphobie und andere Aussehensnormen agieren. Warum sollte dann ein Trans*mensch nicht Hormone nehmen und trotzdem glaubwürdig gegen Geschlechternormierung aktiv sein? Schließlich finde ich ja in Bezug auf Femmes auch, dass Patrick Califia recht hat, wenn er sagt:

„Blame should not be placed on those of us who pass as straight [or cisgender, T*L], but on the system that allocates safety and privilege to only one group of people: gender-normative heterosexuals.“ (aus: Sex Changes, 1997)
(= Die Schuld sollte nicht denen von uns gegeben werden, die als hetero [oder cisgender, T*L] durchgehen, sondern dem System, das Sicherheit und Privilegien nur einer Gruppe Menschen zuteilt: geschlechternormativen Heterosexuellen.)

Ist ein dauerhaftes Leben in einem geschlechtlich ‚dritten‘ Raum überhaupt möglich, wenn man nicht genau dieses Leben zum Beruf macht (indem man z.B. in diesem Themenfeld schreibt, performt, vorträgt, filmt, musiziert, forscht, etc.)? Welchen Preis zahlt man für die ‚Freiheit‘ der visuellen geschlechtlichen Uneindeutigkeit? Und für wen halte ich mich eigentlich, wenn ich denke, ich hätte bei einer solchen Entscheidung etwas mitzureden? (Andererseits identifiziert sich Chris nun mal nicht als Mann, sondern als Transgender Butch, so dass ich Grund zu der Annahme habe, dass größtmögliche Eindeutigkeit jederzeit und überall auch gar nicht sein Anliegen ist.)

Wenn nicht Testo, was dann?

Und trotzdem: Ich bleibe skeptisch, was die Wahl des Mittels anbelangt. Das heißt, ich verstehe es sehr gut und unterstütze es, wenn jemand die Reibungsfläche zwischen sich und der Umwelt verringern möchte (vor allem, wenn die damit gesparte Lebensenergie einen insgesamt glücklicheren Menschen erzeugt!) . Aber ich bin nach wie vor nicht sicher, ob Testo dazu immer die beste Methode ist. Und ich finde, es wird (zumindest in Deutschland) zu wenig über Alternativen gesprochen.

Um mal beispielhaft auf Chris‘ speziellen Fall zurückzukommen: Wie schon gesagt, wird er in den meisten direkten Begegnungen zweifellos als Mann gelesen. Sein Aussehen kann also kein bedeutsamer Hinderungsgrund für diese Lesart sein — d.h. er bräuchte die visuellen Auswirkungen von Testo (hier v.a. mehr Gesichts- und Körperbehaarung, Fettumverteilung) eigentlich gar nicht. Am Telefon hat er allerdings massive Probleme mit Fehlwahrnehmungen anderer Leute. Da sein Körper hier vollkommen irrelevant, weil unsichtbar ist, bleiben am Telefon also zwei Faktoren übrig, die die Wahrnehmung anderer Leute beeinflussen können: seine Stimmlage und seine Sprechweise. Zu seiner Stimmlage habe ich ja schon gesagt, dass sie in einem Bereich liegt, der definitiv sowohl von Cisfrauen als auch von Cismännern belegt wird. Wenn die Stimmlage also uneindeutig ist, muss seine Sprechweise der entscheidende Faktor sein, nachdem andere Menschen entscheiden, ob sie ihn am Telefon als Mann oder als Frau einordnen.

Meine persönliche Logik wäre daher, zuerst einmal herauszufinden, was eigentlich die aktuellen, kulturspezifischen Unterschiede zwischen ‚männlicher‘ und ‚weiblicher‘ Sprechweise sind. Diese Unterschiede halte ich übrigens weder für angeboren noch für unveränderlich. Ich glaube außerdem nicht, dass sie in irgendeiner Form zwingend mit einer bestimmten Ansammlung anatomischer Merkmale zusammenhängen. Deshalb ist es wohl sinnvoller, von ‚maskulinem‘ und ‚femininem‘ Sprechen zu reden, um deutlich zu machen, dass es hier nicht um biologistische Geschlechterbilder, sondern um soziale Rollen und Gewohnheiten bei der Geschlechtswahrnehmung geht.

Wenn mir die Unterschiede zwischen ‚femininem‘ und ‚maskulinem‘ Sprechen dann klar(er) wären, würde ich überlegen, inwieweit ich mein eigenes Repertoire in diesem Bereich erweitern möchte. Und wahrscheinlich würde ich losgehen und mir kompetente Unterstützung aus dem Bereich Sprech- und Stimmtraining suchen (mich würde ja brennend interessieren, ob die Krankenkassen das finanzieren würden, z.B. wenn jemand aus medizinischen Gründen kein Testo nehmen kann). Die Idee dabei ist, bewusst entscheiden zu können, ob und wann ich es anderen Menschen gerade leicht machen möchte, mich zweifellos als Mann oder Frau zu hören. Wenn es mal schnell und problemlos gehen soll, würde ich eindeutiger ‚maskulin‘ oder ‚feminin‘ sprechen. Wenn mir gerade an Aufklärung und/oder Irritation meines Gegenübers gelegen ist, würde ich mich einer eindeutigen Zuordnung verweigern (entweder absichtlich oder weil ich mein Sprechen nicht bewusst kontrolliere).

Klar, das klingt erstmal nach mehr Aufwand als tägliches Testo-Schmieren (obwohl…), aber es würde eine*n dafür wesentlich unabhängiger von Krankenkassen, Pharmaindustrie und medizinischem Fachpersonal machen. Man wäre nicht so in dieses Normierungssystem eingebunden und würde sich mehr Wahlmöglichkeiten erhalten/schaffen. Insofern würde mich interessieren, warum im deutschsprachigen Raum so wenig über solche ’selbstbestimmte(re)n‘ Methoden der Lesart-Beeinflussung gesprochen wird. (In amerikanischen Kontexten stolpere ich öfter über sowas. Aber in den USA haben auch deutlich weniger Leute eine Krankenversicherung haben, die Kosten für Hormone oder OPs im Trans*zusammenhang übernimmt. Die Entwicklung/Aneignung von anderen Methoden ist also dort oft eher eine systembedingte Notwendigkeit und weniger eine freie Wahl.)

Aber gut, Stimmtraining hilft natürlich nicht gegen schwachsinnige Krankenkassenauflagen…

Insofern: ich versteh’s ja, das mit der Entscheidung fürs Testo…