Stand der Dinge

Nachdem der letzte Beitrag in diesem Blog nun auch schon wieder über sechs Monate alt ist, muss ich abermals einsehen, dass ich wohl einfach nicht so viel zu sagen habe, wie ich ursprünglich dachte. Jedenfalls nicht aus der Position des „Trans*liebchens“ heraus. Aber dazu demnächst mehr.

Es ist nämlich nicht so, dass nichts passiert wäre, in den letzten Monaten. Im Gegenteil, Chris hat im April endlich seine Finanzierungszusage für die Brust-OP von der Krankenkasse bekommen, eben jene OP kurz darauf machen lassen und gut überstanden, und er hat inzwischen auch wieder mit dem Testo aufgehört. Aktuelle trans*bezogene Themen in unserem Alltag waren in den letzten Wochen und Monaten also vor allem Heilungsprozesse und OP-Nachsorge und die Feststellung, dass manche seiner T-Shirts jetzt wirklich, wirklich zu groß sind und vielleicht mal aussortiert werden könnten. Dies ist also der erste Sommer, in dem wir beim gemeinsamen Parkspaziergang auch an heißen Tagen nicht mehr für Lesben gehalten werden. Was aber (zumindest für mich) irgendwie gar nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt, alles in allem.

Dafür werden wir jetzt noch öfter als vorher blöd angeguckt, wenn ich die schweren Koffer in die Gepäckablage im Zug hebe oder das Paket mit den Saftflaschen vom Supermarkt nach Hause trage. Dass „ich-als-Frau“ nicht nur theoretisch in der Lage, sondern auch praktisch willens bin, meine Muskeln für solche Trage- und Hebetätigkeiten zu benutzen, auch wenn „(m)ein Mann“ dabei ist, scheint auch in diesem Jahrtausend immer noch eine Ungewöhnlichkeit zu sein. Chris ist in diesem Bild natürlich der uncharmante Ausbeuter, der „seine Frau“ die ganze Arbeit machen lässt. Vielleicht ist er aber auch der arme „Pantoffelheld“, der sich gegen „seinen Hausdrachen“ nicht durchsetzen kann… Auf jeden Fall machen wir das mit dem geschlechterrollengerechten Verhalten in unserer Beziehung offensichtlich falsch.

Aber es geht noch komplizierter: Möglicherweise haben wir nämlich beide als selbstidentifizierte queere Butch und Femme streckenweise  tatsächlich den Wunsch, dass er gentleman-like meinen schweren Rucksack in die Gepäckablage hievt, wofür ich ihn dann begehrlich anschaue, auch wenn wir als fremdidentifizierte/r „Mann“ und „Frau“ überhaupt gar kein Interesse an der Aufrechterhaltung solcher Geschlechterklischees haben. Nur dass man uns das Butch- und Femmesein inzwischen halt kaum noch ansehen kann, weil wir eben im Alltag zumeist als ein zwar etwas seltsames, aber nicht besorgniserregend abweichendes Heteropaar gelesen werden. In anderen Worten: Wir sind gezwungen, unser geschlechtliches Auftreten in der Welt neu zu untersuchen und ggf. zu modifizieren, damit es sich wieder für uns stimmig anfühlt.

Kurz vor der OP hatte ich nochmal eine mittlere Rundum-Krise, die mir so vorkam, als würden alle bisher nicht komplett bearbeiteten Stückchen und Eckchen meines „Trans*liebchenseins“ an die Oberfläche gespült werden, damit ich sie schnell nochmal begucken und bearbeiten kann. Das war insbesondere emotional ganz schön anstrengend und nichts, worüber ich währenddessen hätte bloggen wollen oder können. Und auch im Nachhinein stelle ich fest, dass ich zu den in diesem Rahmen aufgeworfenen Fragen/Themen noch immer nichts schreiben kann oder will.

Nichtsdestotrotz ist diese OP – wie erhofft – tatsächlich eine Art „Endpunkt“ für mich/uns gewesen, auch wenn Chris aktuell noch immer mit dem Heilungsprozess beschäftigt ist (und ich ihn auch wirklich gern mal wieder ohne Vorher-Nachdenken richtig fest umarmen würde!). Ich hoffe sehr, dass damit jetzt endlich all die offiziellen Stellen, die in den letzten drei Jahren immerzu irgendwie präsent in unserem Leben waren, wieder aus unserem Alltag verschwinden. Ich hoffe, dass wir uns damit jetzt endlich wieder auf unsere tatsächlichen Selbstdefinitionen konzentrieren können und nicht ständig besorgt sein müssen, ob dies oder jenes vielleicht negative Auswirkungen auf den „offiziellen“ Transitionprozess hat oder „der Einfachheit halber“ plötzlich überall die Story vom „Transmann“ erzählen, weil einfach keine Energie mehr für Erläuterungen komplexerer Identitäten und Identifizierungen mehr da ist. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich unser Leben weiterentwickelt, nachdem die offiziellen Teile der Transition soweit erstmal abgeschlossen sind.

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Transliebchen-Errungenschaften 2010

Heute lasse ich mich von The Daily Post inspirieren. Dort wurde gestern gefragt: „What is the single most important thing you accomplished in 2010?“
Was also ist meine wichtigste Errungenschaft aus dem vergangenen Jahr – bezogen auf mein Dasein als Transliebchen?

Ich würde sagen, es ist das Willkommensritual, das ich iniitiert, geschrieben und gesprochen habe, als Chris mit Testosteron angefangen hat.

Wie man meinen vorigen Postings entnehmen kann, bin ich allgemein eher skeptisch, was Chris‘ Entscheidung fürs Testo-Nehmen angeht. Für mich war nämlich genau das immer die zentrale Angst als Femme mit Hang zu transmaskulinen Butches: dass ‚meine‘ Butch eines Tages Hormone nehmen will und dann ‚alles irgendwie ganz schlimm‘ wird.

Da Chris sich nun aber für Testo entschieden hat, und da ich das keinen hinreichenden Grund finde, unbesehen die Beziehung zu beenden, hieß das also, dass ich irgendwie mit dem Testo und seinen Auswirkungen leben will. Und das wollte ich nicht nur zähneknirschend und widerwillig tun, denn dann hätte ich immer das Gefühl gehabt, ich nehme mir die Möglichkeit, die eine oder andere Testowirkung auch positiv zu finden (für ihn, für mich oder für uns).

Also wollte ich das Testo gebührend in unsere Beziehung und unseren Alltag aufnehmen. Und da ich ohnehin versuche, meinen Alltag (und erst recht wichtige Wendepunkte im Leben) spiritueller (das ist mein neutraler Begriff für alles, was mit Glaubensdingen zu tun hat – und ist in meinem Falle ausdrücklich nicht christlich gemeint) zu gestalten, lag es nahe, ein kleines ‚Willkommensritual‘ zu veranstalten.

Am Ende war es dann eher ein ‚Gebet‘ (ich stelle fest, ich arbeite bei diesem Thema extrem viel mit vorläufigen Hilfsbegriffen, die daher gehäuft in Anführungsstrichen stehen) als ein Ritual. Aber das hat dann auch gepasst. Und es hat vor allem funktioniert. Die Schachtel mit dem Testogel im Badezimmer hat mich danach nie wieder gestört.

Hier ist ein Auszug daraus, der gern von anderen aufgegriffen und für die eigenen Bedürfnisse passend umgeschrieben werden darf:

May this new beginning be blessed […]

May this next step be a step into the right direction for both of us.

[…]

May we always find a community to call our home. May we be supported by our families, the ones we were born into, and the ones we chose as friends.

May we both feel our emotions that are attached to this. May we accept them and express them, no matter if they are sadness, anger, or grief, or if they are joy, excitement, curiosity, or relief. May we understand each other’s emotions and feel understood and accepted by the other.

May our love for ourselves and for each other be strong, and may our relationship grow even better and stronger than it already is.

[…]

May this next step bring healing and peace to both of us.

May we both embrace the coming transformation of Chris‘ body, inside and out, and may he suffer no ill effects from the hormones.

May we embrace the transformation this next step may bring to our relationship and the ways we exist and are seen in this world.

[…]

May we know where to find our Ancestors in this, the people who have walked similar paths before us. May they share their wisdom with us, and may they support us in Spirit so that we never feel alone.

[…]

May we be safe and nourished wherever we go …

[…]

May we be protected day and night …

And above all, may we know joy.

So be it.

Und sonst? Ich habe diesen Blog begonnen, das ist auch eine Errungenschaft. Auch wenn ich bedaure, dass bisher noch kaum jemand auf diese Seite gefunden hat. Ich weiß nicht so recht, woran es liegt – wird auf deutsch vorrangig anderswo gebloggt? Sucht einfach niemand nach Transgender + Partnerschaft? Muss ich mehr kommentieren und meinen Link in anderen Blogs hinterlassen? Bin ich schlicht zu ungeduldig?

Außerdem habe ich den Entschluss gefasst, mich 2011 deutlich aufdringlicher zu outen. Wenigstens ein paar mehr von meinen Kolleg*innen und entfernteren Bekannten sollen nicht mehr die Möglichkeit haben, mich als ungebrochen hetera zu sehen. Als Anlass sei mir daher alles halbwegs an den Haaren herbeiziehbare recht (denn auf Gelegenheitem zum eleganten Einflechten warte  ich jetzt seit Monaten vergebens) – und wenn es der demnächst nötige Rasierunterricht für die Butch ist.

A propos: Neulich traf mich unerwartet die Erkenntnis, dass ich Chris‘ entzückendes Oberlippenhaar vermissen werde, wenn es zu dick/dunkel/lang zum Stehenlassen geworden ist. Und das wird leider bald der Fall sein. Seufz. (Aber vielleicht kriegt er ja statt dessen Bauchhaar – so einen kleinen pleasure trail finde ich nämlich sehr appetitlich! Er selbst leider nicht, aber ich nehme an, auf eine regelmäßige Bauchrasur hat er dann auch keine Lust…)

Testo und ich (was bisher geschah)

Schon vor über 10 Jahren, als ich als frischidentifizierte Femme das erste Mal Stone Butch Blues (dt: Träume in den erwachenden Morgen) von Leslie Feinberg las, wuchs in mir die Vermutung, dass ich als Butch-liebende Femme mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später mit der Thematik von FTM-Transitionen zu tun kriegen würde. Dieser Verdacht verstärkte sich durch meine Beobachtung, dass jede einzelne Butch, mit der ich in meinen ersten Femmejahren näher zu tun bekam, zumindest eine Zeitlang intensiv darüber nachgedacht hatte, die eigenen Brüste loszuwerden. Die meisten hätten nach wie vor ohne jedes Zögern Ja zu einer schmerzlosen und kostenneutralen Brustentfernung gesagt (exklusive Nippel und deren erotische Kapazitäten, wohlgemerkt). Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich als Frauen und Lesben zu identifizieren.

Die „Theresa-Frage“

Ich stellte mir also schon sehr früh (und erstmal theoretisch) die „Theresa-Frage“*: Wenn ‚meine‘ Butch sich entscheiden würde, fortan als Mann leben zu wollen und entsprechende hormonelle und operative Maßnahmen vornehmen würde, wäre das für mich ein Trennungsgrund?

(*In Feinbergs Roman entscheidet sich die Butch-/Trans*-Hauptfigur Jess in den frühen 1970er Jahren dazu, aus Gründen des ökonomischen und psychischen Überlebens Testosteron zu nehmen und nach außen hin als Mann zu leben. Theresa ist ihre Femme-Partnerin, die sich von ihr trennt, weil sie feststellt, dass sie als feministische Lesbe nicht mit einem Menschen zusammenleben kann und will, den die Welt für einen Mann hält. Dieser Konflikt ist im Buch als für beide Seiten sehr emotional beschrieben. Dadurch, dass die Geschichte aus Jess‘ Perspektive geschrieben ist, bleibt aber bei allem Verständnis für Theresas Perspektive vor allem das Gefühl hängen, dass diese ‚ihre‘  Butch wegen eines egoistischen Beharrens auf einer lesbischen Identität hängen lässt.)

In den folgenden Jahren kam ich immer wieder auf diese Frage zurück, wobei sich nach und nach für mich herauskristallisierte, dass ich zwar durchaus offen für körperliche Veränderungen war/bin (wie ich herausfand, sind meine eigenen erotischen Reaktionsmuster da sehr flexibel), dass ich aber nicht bereit war/bin, meine eigene Queerness grundsätzlich und überwiegend zu verleugnen, um einem Trans*partner ein weitestgehend ungebrochenes Leben als Mann zu ermöglichen. Das ist immer noch so.

Der Ex und ich (eher konfliktreich)

Meine vorige Beziehung war ebenfalls mit einer Transgender Butch. Er hatte von Anfang an einen eindeutig männlichen Namen (damals noch nicht in seinem Ausweis), und ich habe über ihn immer mit männlichem Pronomen gesprochen. Das war die Zeit, in der mich ein langjähriger schwuler Freund fragte: „Bist du jetzt hetero?“ Das war auch die Zeit, als ich lernte, unsichtbar zu sein. Diese Unsichtbarkeit wurde verstärkt durch meine immer länger werdenden Haare (mit denen ich Zentimeter für Zentimeter aus dem ‚Lesbenschema‘ herauswuchs) und durch meine Entscheidung, mich weniger auffallend/’alternativ‘ zu kleiden. Beides wurde durch meinen Ex sehr bestärkt, denn meine visuelle feminine ‚Normalität‘ an seiner Seite erhöhte deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass er als Mann gelesen wurde (und das war ihm sehr wichtig). In heterodominierten Umgebungen wie Supermärkten, Straßenbahnen und Shoppingmeilen kostete mich das Dasein in dieser visuellen ‚Normalität‘ plötzlich massiv weniger Energie als meine vorigen Verkörperungen als visuell ‚Andere. Das war meist sehr angenehm, auch wenn ich noch sehr lange nicht mit diesem Privileg rechnete (schließlich hatte ich es seit meiner Teenagerzeit nicht mehr gehabt). Eigentlich erwarte ich bis heute, dass man mir mein ‚inneres Anderssein‘ ansehen kann und bin regelmäßig irritiert, wenn ich merke, dass dem nicht so ist.

In Umgebungen, die als queer definiert waren, fiel ich dagegen mit dieser visuellen ‚Normalität‘ ziemlich auf. Es gab dort zwar hin und wieder feminine Signale, allerdings meist an Männern/alltagsmaskulinen Menschen. Femininität konnte dort außerdem als außergewöhnliches Spektakel existieren, sichtbar gemacht durch Exzesse von Glitter, Make-up und anderen trashigen Elementen. In Lesbenzusammenhängen tauchten zwar im Vergleich zu den frühen 1990ern ebenfalls vereinzelt längere Haare, rote Lippen, höhere Absätze oder gar Röcke auf – allerdings nicht alles zusammen an derselben Person und immer nur in begrenztem Ausmaß (d.h. die Haare waren nicht länger als schulterlang, die Absätze waren blockig und nicht zu hoch, und die Röcke wurden gern über Hosen getragen). Insgesamt führte die Kombination von seinem und meinem Genderausdruck dazu, dass wir entweder für ein Heteropaar gehalten wurden (was mich unglücklich machte und uns aus queeren Zusammenhängen ausschloss) oder für ein Lesbenpaar (was ihn unglücklich machte und aus der ersehnten Männlichkeit ausschloss). In Einzelfällen mag man uns auf lesbischwulen Partys auch für einen Schwulen plus Gabi (= heterosexuelle Feierbegleitung) gehalten haben. Sprich: eigentlich gab es nirgends einen Ort, wo wir beide in Übereinstimmung zu unserem Selbstverständnis gelesen wurden. Das war daher auch die Zeit, in der ich aufhörte, Spaß am Ausgehen zu haben, u.a. weil die ständigen Identitätskonflikte und -erklärungsnotwendigkeiten einfach nicht viel Partystimmung aufkommen lassen wollten.

Mein Ex hatte mir während unserer Beziehung immer wieder versichert, dass er eine Butch sei und kein Mann. Er identifizierte sich stark mit Leslie Feinberg bzw. der Figur Jess aus Stone Butch Blues und träumte (mit mir) von einer zeitgenössischen Butch/Femme-Kultur basierend auf einer romantisierten Lesart von Feinbergs Beschreibungen. Er grenzte sich massiv von Drag Kings (weil die ihre Maskulinität/Männlichkeit schließlich nur spielten und trotzdem dafür weit mehr soziale Anerkennung bekamen als er) und Transmännern (weil diese das leidvolle Dasein als Butch hinter sich ließen und in die männliche ‚Normalität‘ abwanderten) ab und beteuerte, er wolle niemals Testosteron nehmen. Was mir sehr entgegenkam, denn ich wollte ja auch mit einer Butch zusammensein und nicht mit einem Mann.

Entsprechend schockiert und vor den Kopf gestoßen war ich, als er mir am Ende unserer Beziehung eröffnete, dass er beim Endokrinologen gewesen sei, um sich Testosteron verschreiben zu lassen. Dabei hat mich weniger die Entscheidung als solche so umgehauen, sondern vor allem die Tatsache, dass er vorher nie mit mir darüber geredet hatte, dass er sich über Hormone Gedanken macht. Zumal ich wusste, dass die meisten Endokrinologen nicht einfach so Testosteron verschreiben als wären es Kopfschmerztabletten, sondern dass sie in der Regel mindestens ein psychologisches Gutachten verlangen, in dem die Transsexualität der betreffenden Person diagnostiziert wird. Heißt, mein Ex muss bereits weit vorher angefangen haben, diesen Weg zu beschreiten, ohne mich als seine Partnerin auch nur mit einer Silbe in den Prozess einzubeziehen, der mich schließlich direkt betraf. Aber unsere Beziehung war damals ohnehin schon durch mehrere Vertrauensbrüche seinerseits erschüttert, so dass diese Mitteilung nur der letzte Tropfen war, der das Fass der angehenden Trennung dann zum Überlaufen brachte.

Diese emotional wirklich (excuse my French) beschissene Erfahrung machte es mir natürlich nicht eben einfacher, eine entspannte Haltung gegenüber den Menschen einzunehmen, die sich für Testosteron oder andere ‚offizielle‘ trans*verwandte Dinge (wie rechtliche Vornamensänderungen, verschiedene Operationen, oder Personenstandsänderungen) entschieden.

Testo im Freundeskreis

In den Folgejahren begannen verschiedene andere Leute aus meinem Bekannten- und Freundeskreis ebenfalls Testo zu nehmen. Mein Gefühl, dass Tesio dasjenige der oben genannten Dinge ist, das am meisten dazu beiträgt, (visuelle) geschlechtliche „Normalität“ herzustellen, hat sich dadurch allerdings eher bestätigt. Ich merke das vor allem an meiner persönlichen Begehrenskurve. Dazu muss man wissen, dass ich maskuline Gesichtszüge an Menschen mit weiblich zugewiesenem Körper wahnsinnig attraktiv finde, und dass Gesichter für mich der Körperteil sind, an dem ich Geschlecht am meisten festmache (das ist nicht immer gut, aber trotzdem wahr). Ich liebe es, wenn ein Gesicht in ein und demselben Gespräch zwischen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ changieren kann, am liebsten mit vielen Zwischentönen. Zurück also zu meinen Freunden und Bekannten. Diejenigen, die ich prä-Testo attraktiv fand, wurden durch die Testo-Benutzung zuerst noch ein bisschen attraktiver für mich, und ‚kippten‘ dann visuell irgendwann in einen Bereich, der außerhalb meines ‚Beuteschemas‘ liegt. Natürlich sind sie alle nach wie vor wunderbare Menschen, mit denen ich ausgesprochen gern befreundet bin. Aber die visuelle Anziehung ist erstmal weg.

In Freundschaften sind solche visuellen Veränderungen allerdings ein absolutes Randthema, denn da stehen für mich andere verbindende Dinge im Vordergrund. In einer Beziehung (und damit kommen wir zum Hier und Heute) ist die visuelle Attraktivität für mich jedoch ziemlich wichtig. Und wenn ich schon Begehrenskrisen kriegen kann, wenn mein Liebster eine Frisur hat, die ich total abtörnend finde, egal, wie sehr sie ihm selbst gefällt, dann kann ich mich zwar für meine ‚Oberflächlichkeit‘ schelten und schämen, aber das ändert meine  optischen Präferenzen trotzdem nicht. Vergleichbares gilt übrigens für Körpergeruch. Auch da habe ich bei Testonutzern in meinem Umfeld meist eine Phase erlebt, in denen ich ihren Geruch als unangenehm empfunden habe. Es mag sein, dass das vor allem durch die hormonelle Umstellung als solche bedingt war (denn körperlich ist es nun mal eine Art Pubertät), denn nach einiger Zeit hat sich das auch wieder verringert. Ich würde aber trotzdem sagen, dass Testonutzer anders riechen.

Kurz: Ich habe Bedenken…

Und genau deshalb macht mir die Entscheidung ‚meiner‘ Transgender Butch, jetzt Testo zu benutzen, solche Angst. Natürlich basiert unsere Partnerschaft nicht allein darauf, dass ich sein Gesicht und seinen Geruch ausgesprochen lecker finde. Trotzdem: Was ist, wenn er mir plötzlich nicht mehr gefällt und das nicht durch einen Haarschnitt zu ändern ist? Was, wenn ich ihn eines Tages buchstäblich nicht mehr riechen mag?

Ich hoffe ja momentan auf sanfte Veränderungen, die mich vielleicht gar nicht so sehr stören wie erwartet, weil ich sie (anders als bei meinen Freunden und Bekannten) von Tag zu Tag miterlebe. Und ansonsten werden wir uns mit einem eventuellen Problem dann befassen, wenn/falls es tatsächlich eintritt. Vielleicht finde ich die Veränderungen ja auch super, weil ich den Rest des Menschen so super finde!

In die Nesseln

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Illustration_Urtica_dioica0.jpg

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es einige weitere Disclaimer braucht, bevor ich hier wie geplant posten kann. Als Trans*partnerin öffentlich zu sprechen, heißt erfahrungsgemäß oft auch, sich mitten in sämtliche Nesseln zu setzen.

Sprechen wir also über das tückische Terrain, auf das ich mich hier wieder einmal bewege.

„Wenn du sagst, du begehrst Trans*menschen so, wie andere Leute Frauen und/oder Männer begehren, ist das eine Fetischisierung von Trans*!“

Ich kann die Abwehr ja verstehen. Schließlich ist mir auch nicht wohl dabei, wenn mich jemand ausschließlich aufgrund einer körperlichen Eigenschaft sexuell aufregend findet (z.B. wegen meiner Haarlänge, Hautfarbe oder Körbchengröße). Ich kann mir außerdem vorstellen, dass es mindestens zwiespältige Gefühle verursacht, für etwas gewollt zu werden, das man selbst an sich massiv unattraktiv und unstimmig findet (z.B. ein bestimmtes Körpergewicht). Noch dazu haben gerade Trans*frauen oft eine Menge Arbeit damit, ihr alltägliches Dasein gegen unangenehm pornographisch-voyeuristische Vereinnahmungen ihrer Körper und Sexualitäten abzugrenzen.

Aber was ist so schlimm daran, Trans*menschen, die ihr Trans*sein selbst als drittes/viertes/fünftes Geschlecht empfinden, genau wegen diesem Geschlecht anziehend zu finden? Ich selbst finde es zumindest ziemlich toll, wenn mich jemand gerade wegen meines Geschlecht (= Femme) anziehend findet und es nicht nur schulterzuckend mitnimmt, weil ich ansonsten so ein netter Mensch bin. Wir halten also fest: Ich rede hier nicht von Menschen, die sich ungebrochen und eindeutig als Frau oder Mann identifizieren (egal, was sie für eine anatomische Ausstattung mitbringen und/oder was in ihren offiziellen Papieren steht).

Mal abgesehen davon, dass mein Begehren wesentlich komplexer ist, als das eindimensionale Bild der*des tranny chaser unterstellt. Denn selbstverständlich interessieren mich an einem (für mich) erotisch spannenden Trans*menschen neben dessen Trans*sein auch geschlechtsunabhängige Dinge wie das Vorhandensein von Humor, Intelligenz und sonstigen Kompatibilitäten. Das ist alles nicht anders, wenn ich Frauen als Frauen begehre oder Männer als Männer.

„Wenn du hier über deinen Trans*partner schreibst, outest du ihn und sein Trans*sein gegen seinen Willen!“

Nun, zunächst einmal versuche ich, hier so anonym wie möglich zu bleiben, ohne deshalb nun absichtlich meinen Schreibstil zu verändern, Geschehnisse umzudatieren oder was es sonst noch an aufwendigen Verschleierungsstrategien gäbe. Das stetige Streben nach hundertprozentiger Anonymität ist mir nämlich schlicht zu anstrengend. Ich nehme daher an, dass mich vielleicht irgendwann doch die eine oder der andere genaue Beobachter*in aus meinem Offline-Umfeld erkennt. Ich hoffe dann auf einen entsprechenden Hinweis außerhalb der Öffentlichkeit und auf einen allgemein respektvollen Umgang.

Davon abgesehen ist mein Trans*partner in den meisten Bereichen seines Lebens ohnehin offen trans*. Insofern schaffe ich hier kein nennenswert größeres Risiko für ihn als das, mit dem er sowieso bereits lebt.

Trotzdem mag es vorkommen, dass ich hier mehr oder weniger persönliche Dinge über ihn schreiben muss, um meine Gefühle und Gedanken (und um die soll es hier ja vorrangig gehen) nachvollziehbar zu machen. Deshalb habe ich meinem Trans*partner von diesem Blog erzählt und ihn gleichzeitig gebeten, ihn nicht ohne mein Einverständnis zu lesen. Ich finde, das gleicht die Machtverhältnisse erstmal ganz gut aus. (Sollte sich irgendwann herausstellen, dass sich aus meinem Bloggen Probleme für ihn oder uns ergeben, werden wir gemeinsam herausfinden, wie wir damit umgehen wollen.)

Die Alternative dazu wäre nämlich konsequentes Schweigen über eigentlich alles in meinem Leben, was von seinem Trans*sein berührt wird, und das kommt für mich weder aus politischen, noch aus persönlichen Gründen in Frage. Ich finde, Partner*innen von Trans*menschen müssen (auch) öffentlich über ihre Anliegen in diesem Themenfeld sprechen können, ohne dass uns pauschal unsolidarisches oder gar transphobes Verhalten vorgeworfen wird. Auch dann, wenn es mal kompliziert, kritisch und/oder emotional wird. Mir ist außerdem wichtig, meine/unsere Privilegien und Vorurteile zu reflektieren und einen konstruktiven Umgang damit zu finden.

Und genau das ist einer der Gründe, warum ich blogge  anstatt einfach nur offline Tagebuch zu schreiben: die Hoffnung auf Rückmeldungen von denen, die diesen Blog lesen, und das Interesse am Austausch mit denen, die sich mit ähnlichen oder verwandten Themen beschäftigen.

(Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Illustration_Urtica_dioica0.jpg)

Ein Anfang

Natürlich hätte ich auch Jahre früher anfangen können, diesen Blog zu schreiben. Ich bin ja nicht erst seit gestern mit Trans*menschen zusammen bzw. befreundet.

Manche Fragen stellen sich jedoch erst dann, wenn trans* sich auf offizielle rechtliche und/oder medizinische Wege begibt, die via Transsexuellengesetz (TSG) und Krankenkassen angeboten werden. Daher ist der aktuelle Anlass, diesen Blog zu eröffnen, dann auch ein solcher Schritt auf einem solchen Weg (wenn auch weder der erste noch der letzte, den ich miterlebe): Die Transgender Butch, mit der ich zusammenlebe, hat sich entschieden, bis auf weiteres Testosteron zu nehmen. Ich sehe diesen Schritt nach wie vor eher skeptisch und habe mich daher entschlossen, mich (und uns) auf diesem Weg ab jetzt per Blog zu begleiten. Vor allem, weil ich mir einen Raum zur regelmäßigen Reflektion über das Dasein als Trans*partnerin (aka Trans*liebchen) schaffen möchte.

Da das öffentliche Sprechen über das Trans*sein anderer immer mit einem Outing einhergeht, werde ich versuchen, diesen Blog so anonym wie möglich zu führen. Aber ich werde ihn dennoch schreiben. Denn eines habe ich in meinen bisherigen Jahren als Trans*partnerin gelernt: ständiges Schweigen macht einsam. Und weil es genug Orte gibt, an denen ich sehr wohl aus guten Gründen über das Trans*sein meines Partners schweige, soll dieser Ort ein Gegengewicht dazu sein. Ich schreibe hier also über das Leben als Trans*partnerin, so wie ich es als queere Femme erlebe und in meinem sozialen Umfeld bzw. in größeren Öffentlichkeiten mitbekomme.

Der Austausch mit eventuellen Leser*innen ist ausdrücklich erwünscht, auch wenn ich mir zunächst vorbehalte, Kommentare zu moderieren und ggf. auch zu löschen. Für Trans*phobie und sonstige fiese Kackscheiße möchte ich nämlich definitiv keinen weiteren Raum bieten.