Stand der Dinge

Nachdem der letzte Beitrag in diesem Blog nun auch schon wieder über sechs Monate alt ist, muss ich abermals einsehen, dass ich wohl einfach nicht so viel zu sagen habe, wie ich ursprünglich dachte. Jedenfalls nicht aus der Position des „Trans*liebchens“ heraus. Aber dazu demnächst mehr.

Es ist nämlich nicht so, dass nichts passiert wäre, in den letzten Monaten. Im Gegenteil, Chris hat im April endlich seine Finanzierungszusage für die Brust-OP von der Krankenkasse bekommen, eben jene OP kurz darauf machen lassen und gut überstanden, und er hat inzwischen auch wieder mit dem Testo aufgehört. Aktuelle trans*bezogene Themen in unserem Alltag waren in den letzten Wochen und Monaten also vor allem Heilungsprozesse und OP-Nachsorge und die Feststellung, dass manche seiner T-Shirts jetzt wirklich, wirklich zu groß sind und vielleicht mal aussortiert werden könnten. Dies ist also der erste Sommer, in dem wir beim gemeinsamen Parkspaziergang auch an heißen Tagen nicht mehr für Lesben gehalten werden. Was aber (zumindest für mich) irgendwie gar nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt, alles in allem.

Dafür werden wir jetzt noch öfter als vorher blöd angeguckt, wenn ich die schweren Koffer in die Gepäckablage im Zug hebe oder das Paket mit den Saftflaschen vom Supermarkt nach Hause trage. Dass „ich-als-Frau“ nicht nur theoretisch in der Lage, sondern auch praktisch willens bin, meine Muskeln für solche Trage- und Hebetätigkeiten zu benutzen, auch wenn „(m)ein Mann“ dabei ist, scheint auch in diesem Jahrtausend immer noch eine Ungewöhnlichkeit zu sein. Chris ist in diesem Bild natürlich der uncharmante Ausbeuter, der „seine Frau“ die ganze Arbeit machen lässt. Vielleicht ist er aber auch der arme „Pantoffelheld“, der sich gegen „seinen Hausdrachen“ nicht durchsetzen kann… Auf jeden Fall machen wir das mit dem geschlechterrollengerechten Verhalten in unserer Beziehung offensichtlich falsch.

Aber es geht noch komplizierter: Möglicherweise haben wir nämlich beide als selbstidentifizierte queere Butch und Femme streckenweise  tatsächlich den Wunsch, dass er gentleman-like meinen schweren Rucksack in die Gepäckablage hievt, wofür ich ihn dann begehrlich anschaue, auch wenn wir als fremdidentifizierte/r „Mann“ und „Frau“ überhaupt gar kein Interesse an der Aufrechterhaltung solcher Geschlechterklischees haben. Nur dass man uns das Butch- und Femmesein inzwischen halt kaum noch ansehen kann, weil wir eben im Alltag zumeist als ein zwar etwas seltsames, aber nicht besorgniserregend abweichendes Heteropaar gelesen werden. In anderen Worten: Wir sind gezwungen, unser geschlechtliches Auftreten in der Welt neu zu untersuchen und ggf. zu modifizieren, damit es sich wieder für uns stimmig anfühlt.

Kurz vor der OP hatte ich nochmal eine mittlere Rundum-Krise, die mir so vorkam, als würden alle bisher nicht komplett bearbeiteten Stückchen und Eckchen meines „Trans*liebchenseins“ an die Oberfläche gespült werden, damit ich sie schnell nochmal begucken und bearbeiten kann. Das war insbesondere emotional ganz schön anstrengend und nichts, worüber ich währenddessen hätte bloggen wollen oder können. Und auch im Nachhinein stelle ich fest, dass ich zu den in diesem Rahmen aufgeworfenen Fragen/Themen noch immer nichts schreiben kann oder will.

Nichtsdestotrotz ist diese OP – wie erhofft – tatsächlich eine Art „Endpunkt“ für mich/uns gewesen, auch wenn Chris aktuell noch immer mit dem Heilungsprozess beschäftigt ist (und ich ihn auch wirklich gern mal wieder ohne Vorher-Nachdenken richtig fest umarmen würde!). Ich hoffe sehr, dass damit jetzt endlich all die offiziellen Stellen, die in den letzten drei Jahren immerzu irgendwie präsent in unserem Leben waren, wieder aus unserem Alltag verschwinden. Ich hoffe, dass wir uns damit jetzt endlich wieder auf unsere tatsächlichen Selbstdefinitionen konzentrieren können und nicht ständig besorgt sein müssen, ob dies oder jenes vielleicht negative Auswirkungen auf den „offiziellen“ Transitionprozess hat oder „der Einfachheit halber“ plötzlich überall die Story vom „Transmann“ erzählen, weil einfach keine Energie mehr für Erläuterungen komplexerer Identitäten und Identifizierungen mehr da ist. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich unser Leben weiterentwickelt, nachdem die offiziellen Teile der Transition soweit erstmal abgeschlossen sind.

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Eine Zukunftsfrage und eine Geschlechtstheorie

In einem Kommentar wurde ich gefragt:

Wie und wo wünscht du dir eigentlich ein gemeinsames Leben in „diesen diffusen Zeitpunkt ‚danach‘ “ mit deinem Partner, wenn man das fragen darf. Lebst du auf eine Idee von Zukunft hin?

Fragen darf man mich eigentlich alles. Was ich beantworte (und wie) entscheide ich dann selbst. :)

Ich stelle mir Chris nach der Brust-OP immer noch als uneindeutig vor (was mit seinem Selbstverständnis übereinstimmt). Bloß halt anders als früher. Ungefähr so, wie ich jetzt auch anders Femme bin, als ich es vor einigen Jahren war. Zusammen sind wir immer noch queer und werden das auch bleiben.

Meine Theorie ist ja, dass viele Menschen an sich eine bestimmtes ‚Geschlechtsgleichgewicht‘ spüren, mit dem sie sich am wohlsten und stimmigsten fühlen. Wenn jetzt ein ‚Geschlechtsmerkmal‘ sich zu ‚maskuliner‘ ändert, dann ändert sich oft ein anderes zu ‚femininer‘ (und umgekehrt), damit das Gesamtgleichgewicht gewahrt bleibt.
Zwei Beispiele: Eine Femme-Freundin von mir hat sich z.B. mal ihre sehr langen Haare sehr abrupt sehr kurz schneiden lassen. Als ‚Ausgleich‘ hat sie dann plötzlich mehr Baumel-Ohrringe und anderen Glitzerschmuck getragen. Ein Transmann-Freund hat, nachdem er dank Hormonwirkung endlich fast überall als Mann gelesen wurde, angefangen, seine Drag-Queen-Seite zu entwickeln. Beiden war bewusst, dass sie damit eine solche ‚geschlechtliche Verschiebung‘ ausgleichen.
Nach dieser Theorie brauche ich mir tatsächlich keine Sorgen zu machen, dass Chris plötzlich nur noch ungebrochen Mann sein will. Ich habe zumindest nie von ihm gehört, dass er sich 100%ig männlich fühlt und den Wunsch hat, dass die Welt ihn auch so sieht. Daher vermute ich, je eindeutiger männlich Chris wahrgenommen wird, desto mehr wird er andere Punkte finden, wo er gegen stereotype Geschlechtsrollenerwartungen verstoßen kann (das macht er ja jetzt schon).

Wenn ich also über Zukunft nachdenke, dann denke ich eher, dass er für sich einen ‚Stand‘ erreicht hat, den er längerfristig lebbar findet. Ich hoffe sehr, dass dieser ‚Stand‘ in großen Teilen noch immer in mein ‚Beuteschema‘ passt. Und dann hoffe ich, dass wir uns beide wieder ein bisschen an ein ‚Sein‘ gewöhnen können, als in einer ständigen Zwischenzeit zu existieren, in der sich höchstens provisorisch eingerichtet werden kann. Und DANN habe ich bestimmt auch irgendwann wieder Lust auf die nächste Veränderung…

Die Identitäten und ich

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute etwas zu den verschiedenen Identitätslabeln sagen, die ich in diesem Leben schon für mich und mein Begehren (und Verwandtes) benutzt habe.

Der erste bewusst von mir in Anspruch genommene Begriff war „bisexuell„. Da war ich noch in der Schule. Ich hatte noch mit überhaupt niemandem geschlafen, ich hatte auch noch mit niemandem eine Liebesbeziehung gehabt, aber ich hatte schon mit Vergnügen einige Jungs geküsst und war auch in einige von ihnen verliebt gewesen (meist etwas weniger vergnügt, da eher einseitig). Außerdem hatte ich eine beste Freundin, mit der es etwa um diese Zeit erotisch zu knistern begann, und die dann das erste Mädchen wurde, dass ich küsste….

Ich war damals sehr überzeugt davon, dass alle Menschen mehr oder weniger bisexuell sind. Und da ich gern mit anderen Menschen über das rede, was mich beschäftigt, fing ich an, mit einigen Leuten aus der Schule „so ganz allgemein“ über diese Theorie zu diskutieren. Quasi ganz nebenbei begann ich, mich (wenn auch meist nur implizit) als bisexuell zu identifizieren.

Einige wenige, aber dafür sehr turbulente Jahre später fand ich mich dann in der Situation wieder, sehr plötzlich, unerwartet und intensiv eifersüchtig auf den Freund meiner neuen besten Freundin zu sein. Das war offensichtlich das letzte Puzzleteil, das ich brauchte, um endlich die Bezeichung „lesbisch“ als für mich passend zu empfinden. Mir wurde wirklich sehr schlagartig klar, dass ich nicht nur „auch“ auf Frauen stand, sondern „vor allem“ und „nahezu ausschließlich“.

Lesbisch war ich dann ziemlich lange und sehr offensiv. Ich kriegte schnell Kontakt zur örtlichen FrauenLesben-Szene, tummelte mich quer durch eine Vielzahl an feministischen kulturellen und politischen Projekten, verbannte Männer eine Zeitlang fast vollständig aus meinem Leben und war höchstens mal zufällig (noch) nicht out als Lesbe. Die Lesbenszene war mein Zuhause, dort waren alle meine Freundinnen, alle guten Partys und überhaupt mein kultureller, sozialer und politischer Lebensmittelpunkt.

Die Identität „lesbisch“ hielt auch, als ich den Schritt zur Identifikation mit dem Begriff  „(butchliebende) Femme“ machte. Allerdings begann damit auch die Zeit, wo ich (vor allem von manchen Lesben und Schwulen) nicht mehr so ohne weiteres als „Lesbe“ akzeptiert wurde. Ich bestand aber vehement darauf, dass „lesbische Femme“ eine lebbare Identität sei und dass sowohl mir, als auch die Butches, die ich liebte und begehrte, ein Platz in der Lesbenwelt zustünde (schon allein aus historischen Gründen…).

Wieder einige Jahre später konnte ich dann nicht mehr an der Tatsache vorbeigucken, dass einige Butches, die ich liebte und begehrte, nicht mehr so ganz eindeutig als „Frauen“ bezeichnet werden konnten und wollten. Außerdem musste ich im Rahmen zweier kurzer Affäre mit einem Cismann und einer anderen Femme feststellen, dass mein Begehren offenbar deutlich flexibler war, als ich gedacht hatte. Diese beiden Aspekte bewogen mich dann dazu, mich langsam von der Selbstbezeichnung „lesbisch“ zu verabschieden und mich immer häufiger als „queere Femme“ zu bezeichnen.

Dazu kam, dass ich auf Grund meines immer feminineren Aussehens und/oder der Objekte meines Begehrens immer weniger in lesbischen Zusammenhängen akzeptiert wurde, und so schlussendlich nicht mehr viel von dem Zugehörigkeitsgefühl dort übrigblieb. Spätestens, als ich dann das erste Mal mit einer Transgender Butch zusammen war, die ich ausschließlich mit männlichem Vornamen und Pronomen kannte, hatte sich das Thema mit dem gemeinsamen Raum auf Frauenpartys dann auch erledigt. Weder er noch ich fühlten uns dort noch erkannt, wohl oder willkommen.

Die einzigen Orte, die Platz für unsere beiden Identitäten und unser Miteinander zu haben schienen, waren vereinzelte Veranstaltungen aus explizit queeren Kontexten. Nicht, dass es dort keine Missverständnisse, Fehlwahrnehmungen oder Konflikte wegen seiner, meiner oder unserer Identität gegeben hätte. Aber es war besser als nichts, und manchmal war es auch ganz schön toll.

Und jetzt bin ich seit einigen Jahren mit einer anderen Transgender Butch zusammen, die inzwischen in weiten Teilen des Alltags als (Trans-)Mann lebt. Das fügt den halb-ironischen Begriff „Trans*liebchen“ der „queeren Femme“ hinzu. (Transgender) Butches sind immer noch die Sorte Mensch, die ich am wahrscheinlichsten erotisch attraktiv finde, und die ich in meinem erotischen Leben auf keinen Fall missen möchte. Aber manchmal finde ich immer noch auch Menschen anderer Geschlechtskategorien lecker für die Augen (und manchmal auch geeignet für die eine oder andere anregende Phantasie und vielleicht auch irgendwann wieder für die eine oder andere anregende Praxis).

Manchmal überlege ich, ob ich quasi den Kreis vollendet habe, und wieder da bin, wo ich mal angefangen habe. Aber „bisexuell“ beinhaltet für mich einerseits die Idee von nur zwei Geschlechtern (die meiner Erfahrung nach schlichtweg falsch ist) und andererseits die Assoziation von einer gleichmäßigen Verteilung der Anziehung auf maskuline/männliche und feminine/weibliche Wesen (die ich so nicht erlebe).

Also bleibe ich bei „queer“, denn für diese Geschichte, diese Gegenwart und diese (vermutete) Zukunft fällt mir wirklich kein treffenderer Begriff ein. Und manchmal habe ich in letzter Zeit so Tage, da probiere ich, wie es ist, ganz ohne all diese Identitätslabel über mein Begehren, meine Lieben und meine sozial-politisch-kulturellen Bezüge zu sprechen…

Angesprochen

Letztens hielt mir ein Kollege am Rande eines sich eben sammelnden Meetings seine Zeitung hin, aufgeschlagen bei einem Artikel, in dessen Schlagzeile sich eine Frau Ende 40 positiv über die Attraktivität „jüngerer Männer“ äußerte. Während ich noch vollauf damit beschäftigt war, ob dieses ach-so-weltbewegenden Themas mit den Augen zu rollen und mir zu wünschen, dass die Besprechung gleich losgeht, sagte er: „Ricarda, du so als Frau jetzt, was meinst du denn dazu?“

Ich war sehr verwundert, dass er ausgerechnet mich als Sachkundige zu diesem Thema erwählt hatte — was sollte ich als queere Femme auch schon zu heterosexuellen Partnerschaftskombinationen sagen?! Nach einer etwas zu langen Pause, während der ich mir wieder ins Gedächtnis rief, dass er mich ja für eine ’normale Hetera‘ hält, sagte ich dann nur: „Ich kann dazu wirklich nichts sagen.“ Dazu habe ich einen dramatisch-verzweifelten Stirngriff* mit Seufzer ausgeführt — dessen latent queerer Camp-Faktor allerdings vermutlich für niemanden außer mir erkennbar war. Erfahrungsgemäß sind nämlich selbst meine ‚tuntigsten‘ Körpersprachszitate vollkommen unlesbar als solche für meine Arbeitskolleg*innen.

(* = Ein Stirngriff ist so ähnlich wie ein Facepalm, aber man berührt die Stirn dabei nur mit den Fingerspitzen von Zeigefinger und Daumen, während die anderen Finger formschön angespannt und abgespreizt werden. Üblicherweise wird der Stirngriff noch von dramatischen Seufzern oder vergleichbaren Lautäußerungen begleitet.)

In solchen Momenten wird mir stets auf Neue bewusst, wie inkongruent mein Selbstbild und das auf mich projizierte Fremdbild bezüglich meiner Partnerschaftsinteressen sind. Ich vergesse wirklich, immer noch und immer wieder, und auch an Orten, an denen ich quasi ungeoutet bin, dass andere Menschen (noch) nicht wissen, dass das mit mir und der säuberlich zweigeteilten Geschlechterwelt einfach nicht funktioniert.

Tja, you can take the girl out of the queer community, but you can’t take the queer community out of the girl, oder wie war das?

Übrigens, wir sind nicht ganz normal…

Ich hatte ja in meinem vorigen Beitrag bereits angedeutet, dass ab jetzt definitiv auch die Holzhammermethode für meine persönlichen Coming-Outs in Frage kommt. Deshalb gibt es heute eine Liste mit potenziellen Outing-Anlässen und -Einleitungen, ausgehend von meiner eigenen Situation und meinen eigenen Outing-Bedürfnissen. Am liebsten ist es mir dabei immer, wenn meine eigene und unsere gemeinsame ‚Normabweichung‘ deutlich wird, ohne, dass ich seine Lebensgeschichte oder genaue Einzelheiten aus unserem Sexualleben erzählen muss. Daher legen manche Strategien den Schwerpunkt auch mehr auf meine Queerness als auf sein Trans*sein. Und natürlich erzähle ich anderen Leuten nichts, was er ihnen nicht auch in vergleichbarer Situation erzählen würde.

Mehrere dieser Strategien habe ich in der Vergangenheit auch in ähnlicher Form bereits erfolgreich angewandt. Je nach Reaktion des Gegenübers und dem eigenem Offenbarungsinteresse kann man danach natürlich auch munter weiterreden und noch mehr ins Detail gehen. Aber auch diese Kurzversionen stellen zumindest ein paar Grundsätzlichkeiten klar.

Sein neues Gesichtshaar:

„Also, so langsam muss mein Liebster echt mal Rasierunterricht nehmen, der wird schon ganz flauschig im Gesicht!“ — „Wieso Rasierunterricht? Wie alt ist dein Liebster denn, dass der sich nicht rasieren kann?!“ – „Naja, der hatte früher ja noch nie Gesichtshaar. Das wächst ja jetzt erst, seit er mit den Hormonen angefangen hat.“ — „Wieso Hormone?“ — „Na, er ist doch Transmann und hat vor Kurzem erst angefangen, Testosteron zu nehmen. Und dann kommt halt erst Flausch im Gesicht und dann Bart. Wie bei pubertierenden Jungs.“

Sein Gerichtstermin zur Vornamensänderung:

„Mein Schatz, der Arme, hat heute ’nen Gerichtstermin.“ — „Huch?“ (besorgt-neugieriger Blick) — „Ja, der hat heute endlich seinen Termin für die Vornamensänderung nach dem Transsexuellengesetz. Dann hat er seinen neuen Namen jetzt dann auch ganz offiziell im Ausweis stehen und muss sich nicht mehr mit ‚Frau Sowieso‘ anreden lassen. (Optional: Puh, das war dann aber auch echt eine schwere Geburt, mit der ganzen Rennerei! Antrag schreiben, dann hier ein Gutachten und da ein Gutachten, dann Prozesskostenhilfe beantragen und dazwischen immer warten, warten, warten, bis endlich mal wieder eins von den wichtigen Papieren im Briefkasten liegt…)“

Die eigene Ex-Freundin (Extra-Vorteil: Man muss den Trans*liebsten nicht zwingend gleich mit-outen):

„Ich hab ja immer mit meiner Ex-Freundin ‚Resident Evil‘ gespielt. Das heißt, wir saßen zusammen auf dem Sofa, sie hat geballert, und ich durfte die Rätsel lösen. Und wenn sie dann weiter Monster erschossen hat, hab ich gemütlich weiter mein Buch gelesen.“
(Funktioniert natürlich auch mit anderen Eigenschaften oder Unternehmungen, notfalls auch mit ausgedachten. Hauptsache, es klingt möglichst pärchenmäßig. Sonst wird die ‚Ex-Freundin‘ nämlich als ‚frühere Freundin‘ missverstanden und man erntet höchstens einen seltsamen Blick, weil man sich so schräg ausgedrückt hat.)

Das queere Filmfestival (oder sonstige queere Veranstaltungen):

„Ich freu mich ja so, nächste Woche ist wieder queeres Filmfestival! Das ist jedes Jahr mein Kino-Highlight.“ — „Was für ein Festival?“ — „Das ist ein Filmfestival mit lesbisch-schwul-bi-trans-und-so-weiter Filmen. Das gibt’s schon ganz lange jedes Jahr, und ich geh da immer sehr gerne hin.“ — „Aha. Und wieso?“ (hörbar mitgedacht: Du bist doch mit ’nem Mann zusammen und siehst ‚ganz normal‘ aus!) — „Naja, das ist halt meine Szene, quasi mein Zuhause, da, wo ich herkomme. Ich bin zwar jetzt mit einem Transmann zusammen, aber davor hatte ich lange Jahre Beziehungen mit Frauen.“

OP-Termine (ggf. auch im Rahmen des Themas ‚Urlaubsplanung in der Firma‘ anwendbar):

„Mein Liebster hat jetzt endlich einen OP-Termin gekriegt. Das wurde auch Zeit, der wartet jetzt schon so lange!“ — „OP? Oh je, was Schlimmes?“ — „Nein, im Gegenteil. Er ist doch Transmann und kriegt jetzt endlich seine langersehnte Brust-OP. Dann kann er im nächsten Sommer endlich mal ein enges T-Shirt anziehen und schwitzt sich nicht immer unter zig Schichten Stoff halb tot. (Optional: Ich bin also am [Soundsovielten] nicht bei der Arbeit, sondern mit ihm im Krankenhaus.)“

Überhaupt finde ich ja, dass der ganze leidige ‚offizielle Trans*prozess‘ zumindest eine Vielzahl von wunderbaren Aufhängern für ein Gespräch zum Thema „Übrigens, ich bin ein Trans*liebchen..“ bietet. Wenn man also eh dauernd auf irgendeine Genehmigung, einen Termin, oder ein Gutachten wartet, kann man die Wartezeit immerhin dazu nutzen, sich zu all diesen Dingen ein paar passende Coming-Out-Strategien zu überlegen. Wenn alles gut geht, kann man dann nämlich auch mal einem Kollegen oder der Chefin was vorjammern, wenn wieder wochenlang nichts passiert und der Liebste deshalb schon seit Wochen schlecht gelaunt ist… Und was das Transliebchen stärkt, kommt ja häufig auch dem Transmenschen selbst zu Gute. Und der Revolution sowieso.

Was habt ihr für Ideen zu Transliebchen-Outings? Wie sind eure Erfahrungen? Was klappt gut, was geht gar nicht, welche Strategie wolltet ihr schon immer mal ausprobieren? Oder, falls ihr zu denen gehört, die sich und ihren Liebsten nicht outen wollen: Wie geht es euch damit?

Testo und ich (was bisher geschah)

Schon vor über 10 Jahren, als ich als frischidentifizierte Femme das erste Mal Stone Butch Blues (dt: Träume in den erwachenden Morgen) von Leslie Feinberg las, wuchs in mir die Vermutung, dass ich als Butch-liebende Femme mit großer Wahrscheinlichkeit früher oder später mit der Thematik von FTM-Transitionen zu tun kriegen würde. Dieser Verdacht verstärkte sich durch meine Beobachtung, dass jede einzelne Butch, mit der ich in meinen ersten Femmejahren näher zu tun bekam, zumindest eine Zeitlang intensiv darüber nachgedacht hatte, die eigenen Brüste loszuwerden. Die meisten hätten nach wie vor ohne jedes Zögern Ja zu einer schmerzlosen und kostenneutralen Brustentfernung gesagt (exklusive Nippel und deren erotische Kapazitäten, wohlgemerkt). Das hielt sie jedoch nicht davon ab, sich als Frauen und Lesben zu identifizieren.

Die „Theresa-Frage“

Ich stellte mir also schon sehr früh (und erstmal theoretisch) die „Theresa-Frage“*: Wenn ‚meine‘ Butch sich entscheiden würde, fortan als Mann leben zu wollen und entsprechende hormonelle und operative Maßnahmen vornehmen würde, wäre das für mich ein Trennungsgrund?

(*In Feinbergs Roman entscheidet sich die Butch-/Trans*-Hauptfigur Jess in den frühen 1970er Jahren dazu, aus Gründen des ökonomischen und psychischen Überlebens Testosteron zu nehmen und nach außen hin als Mann zu leben. Theresa ist ihre Femme-Partnerin, die sich von ihr trennt, weil sie feststellt, dass sie als feministische Lesbe nicht mit einem Menschen zusammenleben kann und will, den die Welt für einen Mann hält. Dieser Konflikt ist im Buch als für beide Seiten sehr emotional beschrieben. Dadurch, dass die Geschichte aus Jess‘ Perspektive geschrieben ist, bleibt aber bei allem Verständnis für Theresas Perspektive vor allem das Gefühl hängen, dass diese ‚ihre‘  Butch wegen eines egoistischen Beharrens auf einer lesbischen Identität hängen lässt.)

In den folgenden Jahren kam ich immer wieder auf diese Frage zurück, wobei sich nach und nach für mich herauskristallisierte, dass ich zwar durchaus offen für körperliche Veränderungen war/bin (wie ich herausfand, sind meine eigenen erotischen Reaktionsmuster da sehr flexibel), dass ich aber nicht bereit war/bin, meine eigene Queerness grundsätzlich und überwiegend zu verleugnen, um einem Trans*partner ein weitestgehend ungebrochenes Leben als Mann zu ermöglichen. Das ist immer noch so.

Der Ex und ich (eher konfliktreich)

Meine vorige Beziehung war ebenfalls mit einer Transgender Butch. Er hatte von Anfang an einen eindeutig männlichen Namen (damals noch nicht in seinem Ausweis), und ich habe über ihn immer mit männlichem Pronomen gesprochen. Das war die Zeit, in der mich ein langjähriger schwuler Freund fragte: „Bist du jetzt hetero?“ Das war auch die Zeit, als ich lernte, unsichtbar zu sein. Diese Unsichtbarkeit wurde verstärkt durch meine immer länger werdenden Haare (mit denen ich Zentimeter für Zentimeter aus dem ‚Lesbenschema‘ herauswuchs) und durch meine Entscheidung, mich weniger auffallend/’alternativ‘ zu kleiden. Beides wurde durch meinen Ex sehr bestärkt, denn meine visuelle feminine ‚Normalität‘ an seiner Seite erhöhte deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass er als Mann gelesen wurde (und das war ihm sehr wichtig). In heterodominierten Umgebungen wie Supermärkten, Straßenbahnen und Shoppingmeilen kostete mich das Dasein in dieser visuellen ‚Normalität‘ plötzlich massiv weniger Energie als meine vorigen Verkörperungen als visuell ‚Andere. Das war meist sehr angenehm, auch wenn ich noch sehr lange nicht mit diesem Privileg rechnete (schließlich hatte ich es seit meiner Teenagerzeit nicht mehr gehabt). Eigentlich erwarte ich bis heute, dass man mir mein ‚inneres Anderssein‘ ansehen kann und bin regelmäßig irritiert, wenn ich merke, dass dem nicht so ist.

In Umgebungen, die als queer definiert waren, fiel ich dagegen mit dieser visuellen ‚Normalität‘ ziemlich auf. Es gab dort zwar hin und wieder feminine Signale, allerdings meist an Männern/alltagsmaskulinen Menschen. Femininität konnte dort außerdem als außergewöhnliches Spektakel existieren, sichtbar gemacht durch Exzesse von Glitter, Make-up und anderen trashigen Elementen. In Lesbenzusammenhängen tauchten zwar im Vergleich zu den frühen 1990ern ebenfalls vereinzelt längere Haare, rote Lippen, höhere Absätze oder gar Röcke auf – allerdings nicht alles zusammen an derselben Person und immer nur in begrenztem Ausmaß (d.h. die Haare waren nicht länger als schulterlang, die Absätze waren blockig und nicht zu hoch, und die Röcke wurden gern über Hosen getragen). Insgesamt führte die Kombination von seinem und meinem Genderausdruck dazu, dass wir entweder für ein Heteropaar gehalten wurden (was mich unglücklich machte und uns aus queeren Zusammenhängen ausschloss) oder für ein Lesbenpaar (was ihn unglücklich machte und aus der ersehnten Männlichkeit ausschloss). In Einzelfällen mag man uns auf lesbischwulen Partys auch für einen Schwulen plus Gabi (= heterosexuelle Feierbegleitung) gehalten haben. Sprich: eigentlich gab es nirgends einen Ort, wo wir beide in Übereinstimmung zu unserem Selbstverständnis gelesen wurden. Das war daher auch die Zeit, in der ich aufhörte, Spaß am Ausgehen zu haben, u.a. weil die ständigen Identitätskonflikte und -erklärungsnotwendigkeiten einfach nicht viel Partystimmung aufkommen lassen wollten.

Mein Ex hatte mir während unserer Beziehung immer wieder versichert, dass er eine Butch sei und kein Mann. Er identifizierte sich stark mit Leslie Feinberg bzw. der Figur Jess aus Stone Butch Blues und träumte (mit mir) von einer zeitgenössischen Butch/Femme-Kultur basierend auf einer romantisierten Lesart von Feinbergs Beschreibungen. Er grenzte sich massiv von Drag Kings (weil die ihre Maskulinität/Männlichkeit schließlich nur spielten und trotzdem dafür weit mehr soziale Anerkennung bekamen als er) und Transmännern (weil diese das leidvolle Dasein als Butch hinter sich ließen und in die männliche ‚Normalität‘ abwanderten) ab und beteuerte, er wolle niemals Testosteron nehmen. Was mir sehr entgegenkam, denn ich wollte ja auch mit einer Butch zusammensein und nicht mit einem Mann.

Entsprechend schockiert und vor den Kopf gestoßen war ich, als er mir am Ende unserer Beziehung eröffnete, dass er beim Endokrinologen gewesen sei, um sich Testosteron verschreiben zu lassen. Dabei hat mich weniger die Entscheidung als solche so umgehauen, sondern vor allem die Tatsache, dass er vorher nie mit mir darüber geredet hatte, dass er sich über Hormone Gedanken macht. Zumal ich wusste, dass die meisten Endokrinologen nicht einfach so Testosteron verschreiben als wären es Kopfschmerztabletten, sondern dass sie in der Regel mindestens ein psychologisches Gutachten verlangen, in dem die Transsexualität der betreffenden Person diagnostiziert wird. Heißt, mein Ex muss bereits weit vorher angefangen haben, diesen Weg zu beschreiten, ohne mich als seine Partnerin auch nur mit einer Silbe in den Prozess einzubeziehen, der mich schließlich direkt betraf. Aber unsere Beziehung war damals ohnehin schon durch mehrere Vertrauensbrüche seinerseits erschüttert, so dass diese Mitteilung nur der letzte Tropfen war, der das Fass der angehenden Trennung dann zum Überlaufen brachte.

Diese emotional wirklich (excuse my French) beschissene Erfahrung machte es mir natürlich nicht eben einfacher, eine entspannte Haltung gegenüber den Menschen einzunehmen, die sich für Testosteron oder andere ‚offizielle‘ trans*verwandte Dinge (wie rechtliche Vornamensänderungen, verschiedene Operationen, oder Personenstandsänderungen) entschieden.

Testo im Freundeskreis

In den Folgejahren begannen verschiedene andere Leute aus meinem Bekannten- und Freundeskreis ebenfalls Testo zu nehmen. Mein Gefühl, dass Tesio dasjenige der oben genannten Dinge ist, das am meisten dazu beiträgt, (visuelle) geschlechtliche „Normalität“ herzustellen, hat sich dadurch allerdings eher bestätigt. Ich merke das vor allem an meiner persönlichen Begehrenskurve. Dazu muss man wissen, dass ich maskuline Gesichtszüge an Menschen mit weiblich zugewiesenem Körper wahnsinnig attraktiv finde, und dass Gesichter für mich der Körperteil sind, an dem ich Geschlecht am meisten festmache (das ist nicht immer gut, aber trotzdem wahr). Ich liebe es, wenn ein Gesicht in ein und demselben Gespräch zwischen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ changieren kann, am liebsten mit vielen Zwischentönen. Zurück also zu meinen Freunden und Bekannten. Diejenigen, die ich prä-Testo attraktiv fand, wurden durch die Testo-Benutzung zuerst noch ein bisschen attraktiver für mich, und ‚kippten‘ dann visuell irgendwann in einen Bereich, der außerhalb meines ‚Beuteschemas‘ liegt. Natürlich sind sie alle nach wie vor wunderbare Menschen, mit denen ich ausgesprochen gern befreundet bin. Aber die visuelle Anziehung ist erstmal weg.

In Freundschaften sind solche visuellen Veränderungen allerdings ein absolutes Randthema, denn da stehen für mich andere verbindende Dinge im Vordergrund. In einer Beziehung (und damit kommen wir zum Hier und Heute) ist die visuelle Attraktivität für mich jedoch ziemlich wichtig. Und wenn ich schon Begehrenskrisen kriegen kann, wenn mein Liebster eine Frisur hat, die ich total abtörnend finde, egal, wie sehr sie ihm selbst gefällt, dann kann ich mich zwar für meine ‚Oberflächlichkeit‘ schelten und schämen, aber das ändert meine  optischen Präferenzen trotzdem nicht. Vergleichbares gilt übrigens für Körpergeruch. Auch da habe ich bei Testonutzern in meinem Umfeld meist eine Phase erlebt, in denen ich ihren Geruch als unangenehm empfunden habe. Es mag sein, dass das vor allem durch die hormonelle Umstellung als solche bedingt war (denn körperlich ist es nun mal eine Art Pubertät), denn nach einiger Zeit hat sich das auch wieder verringert. Ich würde aber trotzdem sagen, dass Testonutzer anders riechen.

Kurz: Ich habe Bedenken…

Und genau deshalb macht mir die Entscheidung ‚meiner‘ Transgender Butch, jetzt Testo zu benutzen, solche Angst. Natürlich basiert unsere Partnerschaft nicht allein darauf, dass ich sein Gesicht und seinen Geruch ausgesprochen lecker finde. Trotzdem: Was ist, wenn er mir plötzlich nicht mehr gefällt und das nicht durch einen Haarschnitt zu ändern ist? Was, wenn ich ihn eines Tages buchstäblich nicht mehr riechen mag?

Ich hoffe ja momentan auf sanfte Veränderungen, die mich vielleicht gar nicht so sehr stören wie erwartet, weil ich sie (anders als bei meinen Freunden und Bekannten) von Tag zu Tag miterlebe. Und ansonsten werden wir uns mit einem eventuellen Problem dann befassen, wenn/falls es tatsächlich eintritt. Vielleicht finde ich die Veränderungen ja auch super, weil ich den Rest des Menschen so super finde!

Ein Anfang

Natürlich hätte ich auch Jahre früher anfangen können, diesen Blog zu schreiben. Ich bin ja nicht erst seit gestern mit Trans*menschen zusammen bzw. befreundet.

Manche Fragen stellen sich jedoch erst dann, wenn trans* sich auf offizielle rechtliche und/oder medizinische Wege begibt, die via Transsexuellengesetz (TSG) und Krankenkassen angeboten werden. Daher ist der aktuelle Anlass, diesen Blog zu eröffnen, dann auch ein solcher Schritt auf einem solchen Weg (wenn auch weder der erste noch der letzte, den ich miterlebe): Die Transgender Butch, mit der ich zusammenlebe, hat sich entschieden, bis auf weiteres Testosteron zu nehmen. Ich sehe diesen Schritt nach wie vor eher skeptisch und habe mich daher entschlossen, mich (und uns) auf diesem Weg ab jetzt per Blog zu begleiten. Vor allem, weil ich mir einen Raum zur regelmäßigen Reflektion über das Dasein als Trans*partnerin (aka Trans*liebchen) schaffen möchte.

Da das öffentliche Sprechen über das Trans*sein anderer immer mit einem Outing einhergeht, werde ich versuchen, diesen Blog so anonym wie möglich zu führen. Aber ich werde ihn dennoch schreiben. Denn eines habe ich in meinen bisherigen Jahren als Trans*partnerin gelernt: ständiges Schweigen macht einsam. Und weil es genug Orte gibt, an denen ich sehr wohl aus guten Gründen über das Trans*sein meines Partners schweige, soll dieser Ort ein Gegengewicht dazu sein. Ich schreibe hier also über das Leben als Trans*partnerin, so wie ich es als queere Femme erlebe und in meinem sozialen Umfeld bzw. in größeren Öffentlichkeiten mitbekomme.

Der Austausch mit eventuellen Leser*innen ist ausdrücklich erwünscht, auch wenn ich mir zunächst vorbehalte, Kommentare zu moderieren und ggf. auch zu löschen. Für Trans*phobie und sonstige fiese Kackscheiße möchte ich nämlich definitiv keinen weiteren Raum bieten.