Das Schweigen der Trans*liebchen

Wie im vorigen Beitrag versprochen, möchte ich nochmal ausführlicher auf mein Sprechen aus der Position eines „Trans*liebchens“ zurückkommen. Ich habe in den letzten Monaten und Jahren nämlich immer wieder festgestellt, dass diese Position offenbar vor allem eine schweigende ist.

Und das ist ein Grund dafür, warum dieser Blog wesentlich weniger Einträge enthält, als ich ursprünglich erwartet habe. Trotz aller Disclaimer und Anonymisierungsversuche und trotz aller Notwendigkeit, dieses Schweigen zumindest ab und zu zu brechen, habe ich nämlich keine Position gefunden, von dem aus ich als Trans*liebchen hätte sprechen können, ohne mich dabei konstant irgendwie unwohl zu fühlen. Und zwar noch immer aus dem gleichen Grund, der mich zu Beginn dieses Blogprojekts schon zum ausführlichen Disclaimerschreiben bewogen hat: Ich will nicht andauernd über Chris und seine rechtliche/medizinische/emotionale Situation reden, wenn es eigentlich um mich und meine Erfahrungen, Gedanken und Befindlichkeiten gehen soll.

Aber genau da liegt ja das Problem. Um meine Sicht der Dinge zu verstehen, braucht es oft genau diesen Hintergrund. Weil es mir wichtig ist, unsere Erfahrungen nicht als allgemeingültig darzustellen. Es ist wichtig, dass Chris Hormone genommen hat, weil das für mich eine fundamental wichtige Veränderung war. Es ist wichtig, dass er fürs erfolgreiche Passing als Mann eigentlich keine Hormone gebraucht hätte, weil es erklärt, warum sich bestimmte Fragen für mich gestellt haben und andere nicht. Es ist wichtig, wie er von anderen Menschen gelesen wird, weil das Auswirkungen darauf hat, wie ich von anderen Menschen gelesen werde bzw. wie unsere Beziehung wahrgenommen wird. Es ist wichtig, dass er sich nicht als „hundertprozentiger Mann“ versteht und auch nicht besonders großen Wert darauf legt, eine ungebrochene Maskulinität zu verkörpern (im Gegenteil!), weil das der Grund ist, weshalb ich ihn nicht in meinem Kopf oder meinen Worten zu einem „anerkannteren“ Modell von Transmann machen kann, bloß, weil das einfacher zu denken oder zu erklären ist. Und es ist wichtig, dass oft eher ich diejenige bin, die solche Dinge dringend aus- und besprechen möchte, weil es erklärt, warum ich über seinen offiziellen Transitionsprozess und wie er mich betrifft blogge und er selbst nicht (und dass er oft lieber mich Dinge erklären lässt, als es selbst zu tun).

Und trotzdem schweige ich über so vieles. Und andere Transliebchen auch, vor allem (so scheint mir) diejenigen, die auch Femmes sind. Und möglicherweise liegt genau da eine Erklärung für unser Verhalten. Zumindest für mich persönlich ist das so. Weshalb ich hier auf Leslie Feinbergs Stone Butch Blues (dt.: Träume in den erwachenden Morgen) und andere frühe Erzählungen über Butch/Femme-Beziehungen (z.B. von Joan Nestle) zu sprechen kommen muss. Eine Idee, die sich durch viele dieser Erzählungen zieht, ist das Geheimnis um die Sexualität und den Körper der Butch, das Femmes kennen und bewahren. In dieser Erzählung sind Femmes Eingeweihte und Komplizinnen, die die Männlichkeit der Butches aufrechterhalten, insbesondere gegenüber der Außenwelt, aber auch gegenüber der Butch selbst. Manche dieser Geheimnisse werden in vertraulichen Gesprächen unter Femmes weitergegeben, aber das meiste wird auch dort sehr explizit nicht ausgesprochen. Weil jeder Hauch von „Weiblichkeit“ die Butch schwächt und eine Gefahr für sie darstellt. In dieser Erzählung, wohlgemerkt, nicht unbedingt im echten Leben (aber manchmal auch dort). Und ich kann nicht leugnen, dass ich Teile dieser Erzählung sehr romantisch finde. Aber ich hatte auch schon immer eine Schwäche für „Wir beide gegen die ganze Welt“-Erzählungen.

Was mich nicht daran hindert, sie gleichzeitig sehr problematisch zu finden. Weil sie es unglaublich schwer machen, über die Dinge zu sprechen, die in solchen Beziehungen passieren und sich (wenn wir ehrlich sind) gar nicht gut anfühlen. Weil sie Femmes und andere Trans*liebchen daran hindern, die Unterstützung zu bekommen, die wir brauchen. Denn auch wenn wir im Vergleich mit unseren Trans*liebsten ständig als „cisgeschlechtlich, so gelesen und daher ganz normal“ konstruiert werden, so verdeckt diese Konstruktion unser sehr reales Betroffensein von Trans* und vielem, was damit zusammenhängt. Und da finde ich Geschichten wie Stone Butch Blues sehr nützlich, weil sie deutlich machen, dass Femmes ein aktiver Teil dieser geschlechtlich-sexuell „abweichenden“ Welt sind und nicht nur passive Zuschauerinnen, die jederzeit ganz einfach gehen können, wenn uns die Show nicht mehr gefällt.

Außerdem verhindert die Geheimhaltungserwartung, die so oft selbstverständlich (und unausgesprochen) an Femmes/Trans*partner*innen gerichtet wird, dass wir über die Dinge in unseren Beziehungen sprechen, die vielleicht nicht ganz so romantisch sind. Zum Beispiel über Trans*liebste, die über lange Zeit nichts anderes mehr wahrnehmen als ihre eigenen trans*bezogenen Leiden (und Freuden), und die sämtliche Schwierigkeiten, die ihre Cis*partner*innen haben, pauschal als „weniger schlimm“ oder „weniger wichtig“ bewerten. Oder über die Erwartung, dass Cis*partner*innen intuitiv wissen sollen, wie, wann und wo ihre Trans*liebsten berührt und bezeichnet werden möchten (oder eben nicht), weil, wenn sie das nicht „erspüren“, sind sie schlechte Partner*innen (und nicht etwa Menschen, mit denen man über seine Bedürfnisse kommunizieren kann und muss). Ganz zu schweigen davon, dass die Bedürfnisse von Trans*menschen in diesem Modell irgendwie immer wichtiger zu sein scheinen, als die ihrer Partner*innen – und das gilt für Identitäten ebenso wie für Sexualitäten. Natürlich wollen wir unsere Trans*liebsten unterstützen, aber wir brauchen auch Raum für unsere eigenen Auseinandersetzungen (vor allem, wenn wir den Transitionsprozess direkt miterleben), unsere eigenen Ängste und Sorgen, unsere eigenen Unsicherheiten. Wir brauchen Menschen, denen es ähnlich geht, die sich ähnliche Fragen gestellt haben, die ähnliche Dinge erlebt haben, und die vielleicht eine Idee haben, die uns hilft. Und manchmal brauchen wir jemanden, die*der einfach zuhört, wenn wir gerade mal darüber sprechen müssen, wie unglaublich wir von diesem ganzen Trans*drama genervt sind. Und zwar jemanden, der*die weiß, dass solche Ausbrüche nichts daran ändern (oder vielleicht gerade die Voraussetzung dafür sind!), das wir unsere Trans*partner*innen lieben, unterstützen und definitiv nicht gegen jemand „einfacheren“ eintauschen wollen.

Aber wenn wir Partner*innen nicht darüber sprechen dürfen, was wir und unsere Trans*liebsten denn tatsächlich tun, und wie sich das für alle Beteiligten anfühlt, dann enden wir regelmäßig in einer sehr vereinzelten und unterstützungslosen Position. Und wenn es dabei um Körper und Sexualität geht, potenziert sich das Problem, weil Körper und Sexualität zwei der am allermeisten gegenderten Bereiche sind, was es umso schwieriger macht, über unsere Realitäten zu sprechen, ohne die oft ohnehin prekäre Geschlechtlichkeit von Trans*menschen noch mehr ins Wackeln zu bringen. Und ich weiß leider nicht, ob es besser wird, je mehr Broschüren auftauchen, die uns erklären wollen, wie wir die Körperteile unserer Partner*innen bezeichnen sollen und damit letztlich wieder und wieder festschreiben, dass „weibliche“ Bezeichnungen für transmännliche/transmaskuline Körper unbedingt zu vermeiden sind (und dass sie für cisweibliche/cisfeminine Körper stets erwünscht und zutreffend sind)… In anderen Worten: können und dürfen Trans*liebchen überhaupt öffentlich darüber sprechen, was an nicht-heteronormativem (oder nicht-homonormativem!) Sex zwischen ihnen und den Trans*menschen in ihrem Leben stattfindet? Oder ist das immer schon pauschal im Vorhinein als eine ausbeuterische und/oder bevormundende Sprechposition festgeschrieben?

Und dann gibt es da noch diesen Bereich, in dem die Dinge zwischen uns schwierig sind (oder waren). Wo ich das Bedürfnis (gehabt) hätte, schreibend und öffentlich nachzudenken und dadurch vielleicht Menschen zu finden, die ähnliches erlebt haben. Wo ich mich aber immer wieder gegen die Öffentlichkeit entscheide, weil viel zu viele Aspekte dieser schwierigen Situationen mit trans* eigentlich sehr wenig zu tun haben, auch wenn sie gleichzeitig mit trans* stattfinden und durch trans* in ihrer speziellen Erscheinungsform beeinflusst werden. Und weil ich wenig Interesse daran habe, unsere „internen“ Krisen in dieser Form öffentlich zu machen, insbesondere während sie gerade passieren. Ich bin zwar grundsätzlich bereit, vieles öffentlich zu besprechen, aber ich lege auch enorm großen Wert auf meine Privatspäre, auch wenn die zuweilen anderswo verortet ist als bei anderen Leuten.

Und überhaupt: Wer braucht noch mehr cis*geschlechtliche Menschen, die meinen, dass sie sich mit (bestimmten) Trans*themen auskennen, anstatt Trans*leute selbst reden zu lassen?!

Ergebnis: Das Schweigen der Trans*liebchen.

Und nun frage ich mich wieder einmal: Bin ich die einzige, die mit diesen Fragen kämpft? Und wie können (cis*geschlechtliche) Trans*liebchen über ihre Perspektiven sprechen ohne dass Trans*menschen-Perspektiven wieder einmal an den Rand gedrängt werden oder Trans*leute durch das Ausplaudern ihrer „Geheimnisse“ gefährdet/verletzt werden?

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Stand der Dinge

Nachdem der letzte Beitrag in diesem Blog nun auch schon wieder über sechs Monate alt ist, muss ich abermals einsehen, dass ich wohl einfach nicht so viel zu sagen habe, wie ich ursprünglich dachte. Jedenfalls nicht aus der Position des „Trans*liebchens“ heraus. Aber dazu demnächst mehr.

Es ist nämlich nicht so, dass nichts passiert wäre, in den letzten Monaten. Im Gegenteil, Chris hat im April endlich seine Finanzierungszusage für die Brust-OP von der Krankenkasse bekommen, eben jene OP kurz darauf machen lassen und gut überstanden, und er hat inzwischen auch wieder mit dem Testo aufgehört. Aktuelle trans*bezogene Themen in unserem Alltag waren in den letzten Wochen und Monaten also vor allem Heilungsprozesse und OP-Nachsorge und die Feststellung, dass manche seiner T-Shirts jetzt wirklich, wirklich zu groß sind und vielleicht mal aussortiert werden könnten. Dies ist also der erste Sommer, in dem wir beim gemeinsamen Parkspaziergang auch an heißen Tagen nicht mehr für Lesben gehalten werden. Was aber (zumindest für mich) irgendwie gar nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt, alles in allem.

Dafür werden wir jetzt noch öfter als vorher blöd angeguckt, wenn ich die schweren Koffer in die Gepäckablage im Zug hebe oder das Paket mit den Saftflaschen vom Supermarkt nach Hause trage. Dass „ich-als-Frau“ nicht nur theoretisch in der Lage, sondern auch praktisch willens bin, meine Muskeln für solche Trage- und Hebetätigkeiten zu benutzen, auch wenn „(m)ein Mann“ dabei ist, scheint auch in diesem Jahrtausend immer noch eine Ungewöhnlichkeit zu sein. Chris ist in diesem Bild natürlich der uncharmante Ausbeuter, der „seine Frau“ die ganze Arbeit machen lässt. Vielleicht ist er aber auch der arme „Pantoffelheld“, der sich gegen „seinen Hausdrachen“ nicht durchsetzen kann… Auf jeden Fall machen wir das mit dem geschlechterrollengerechten Verhalten in unserer Beziehung offensichtlich falsch.

Aber es geht noch komplizierter: Möglicherweise haben wir nämlich beide als selbstidentifizierte queere Butch und Femme streckenweise  tatsächlich den Wunsch, dass er gentleman-like meinen schweren Rucksack in die Gepäckablage hievt, wofür ich ihn dann begehrlich anschaue, auch wenn wir als fremdidentifizierte/r „Mann“ und „Frau“ überhaupt gar kein Interesse an der Aufrechterhaltung solcher Geschlechterklischees haben. Nur dass man uns das Butch- und Femmesein inzwischen halt kaum noch ansehen kann, weil wir eben im Alltag zumeist als ein zwar etwas seltsames, aber nicht besorgniserregend abweichendes Heteropaar gelesen werden. In anderen Worten: Wir sind gezwungen, unser geschlechtliches Auftreten in der Welt neu zu untersuchen und ggf. zu modifizieren, damit es sich wieder für uns stimmig anfühlt.

Kurz vor der OP hatte ich nochmal eine mittlere Rundum-Krise, die mir so vorkam, als würden alle bisher nicht komplett bearbeiteten Stückchen und Eckchen meines „Trans*liebchenseins“ an die Oberfläche gespült werden, damit ich sie schnell nochmal begucken und bearbeiten kann. Das war insbesondere emotional ganz schön anstrengend und nichts, worüber ich währenddessen hätte bloggen wollen oder können. Und auch im Nachhinein stelle ich fest, dass ich zu den in diesem Rahmen aufgeworfenen Fragen/Themen noch immer nichts schreiben kann oder will.

Nichtsdestotrotz ist diese OP – wie erhofft – tatsächlich eine Art „Endpunkt“ für mich/uns gewesen, auch wenn Chris aktuell noch immer mit dem Heilungsprozess beschäftigt ist (und ich ihn auch wirklich gern mal wieder ohne Vorher-Nachdenken richtig fest umarmen würde!). Ich hoffe sehr, dass damit jetzt endlich all die offiziellen Stellen, die in den letzten drei Jahren immerzu irgendwie präsent in unserem Leben waren, wieder aus unserem Alltag verschwinden. Ich hoffe, dass wir uns damit jetzt endlich wieder auf unsere tatsächlichen Selbstdefinitionen konzentrieren können und nicht ständig besorgt sein müssen, ob dies oder jenes vielleicht negative Auswirkungen auf den „offiziellen“ Transitionprozess hat oder „der Einfachheit halber“ plötzlich überall die Story vom „Transmann“ erzählen, weil einfach keine Energie mehr für Erläuterungen komplexerer Identitäten und Identifizierungen mehr da ist. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich unser Leben weiterentwickelt, nachdem die offiziellen Teile der Transition soweit erstmal abgeschlossen sind.

Aha! Oh. Hmmm…

Eben gerade wurde mir endlich und schlagartig klar, warum ich es immer noch so verdammt schwierig finde, mich in meinem Arbeitsalltag zu meinem Dasein als Trans*liebchen zu bekennen. Es geht dabei überhaupt nicht um mich und eventuelle negative Konsequenzen, die ein solches Coming-Out für mich haben könnte. (Okay, vielleicht nicht „überhaupt nicht“, aber definitiv nicht vorrangig.)

Es geht dabei die ganze Zeit um die Frage: „Was kann ich wem über Chris (und unser gemeinsames Leben) erzählen, ohne dass es hinterher irgendwie, irgendwann negative Konsequenzen für ihn hat?“ Ich habe immer diese Vorstellung von einem zukünftigen Firmenevent, zu dem ich ihn als Begleitung mitnehmen würde, und bei dem ihn dann jemand aus meinem Kolleg*innen kreis schlecht behandelt, weil bekannt ist, dass er trans* ist. Nicht, dass meine Firma überhaupt solche „Mit-Begleitung-Events“ veranstalten würde… Alternativ könnte es natürlich vorkommen, dass wir plötzlich meinen Chef im Baumarkt oder auf einem Stadtfest treffen – und er würde dann irgendwie blöd zu Chris sein. Nicht, dass mein Chef und ich uns schon jemals irgendwo getroffen hätten… Natürlich ist es völlig irrational, mir über solche rein-theoretisch-möglichen Vorkommnisse so viele Gedanken zu machen. Aber die Sorge bleibt, dass ich es am Ende bitter bereuen würde, Chris dieser Situation ausgesetzt zu haben, indem ich den falschen Leuten zu viel über ihn und uns erzählt habe.

Das war definitiv anders, als ich mich noch als mehr oder weniger lesbisch identifiziert habe. Da ich immer nur mit Frauen zusammen war, die ebenso offen als Lesben lebten wie ich, war ein indirektes Outing durch meine Erzählungen über meine Partnerinnen nie ein Problem. [Abgesehen davon, dass ein Coming-Out als Lesbe sich nach wie vor beiläufig in einem Nebensatz abhandeln lässt, was ich von einem Coming-Out als Trans*liebchen nicht gerade behaupten kann (zumal ich nach wie vor nicht davon überzeugt bin, dass „Trans*liebchen“ überhaupt eine Identität ist, zu der ich ein Coming-Out haben könnte, sollte oder wollte, das mit einem öffentlichen Bekenntnis zum Lesbischsein vergleichbar wäre).]

Wenn ich gesagt habe, ich sei lesbisch oder ich hätte eine Freundin und keinen Freund, dann ging es dabei immer nur um mich, nicht um sie. Schlimmstenfalls wurde mein Frauengeschmack angezweifelt, wenn es denn mal zu einer Begegnung zwischen meiner Liebsten und irgendwelchen anderen Leuten kam. Aber ich habe mir nie auch nur eine Sekunde Sorgen gemacht, dass mein Coming-Out als Lesbe negative Konsequenzen für meine Freundin haben könnte.

Als Trans*liebchen bin ich inzwischen aber an dem Punkt, wo ich mir sogar schon überlege, was ich überhaupt zu meinem Begehren sage. Würde es negativ auf Chris zurückfallen, wenn ich meinem Chef erzählen würde, dass ich Rachel Maddox (in ihrem Privatoutfit) durchaus appetitlich finde? Was hätte es für Auswirkungen auf Chris, wenn ich bekanntgäbe, ich sei zuvor immer nur mit Frauen zusammen gewesen? Es ist nicht (mehr) so einfach, mein Begehren von seinem „öffentlichen“ Geschlecht zu trennen, wenn es um die Öffentlichmachung des einen oder des anderen geht.

Und warum denke ich eigentlich, ich müsste (oder könnte) Chris in diesem Punkt vor allem transphoben und „tunten“feindlichen Übel der Welt beschützen? Soweit ich weiß, hat er nach wie vor ein extrem entspanntes Verhältnis zu den meisten Erwartungen, die die Welt mittlerweile an seine Männlichkeit stellt. Will sagen, er tut das, was seiner Persönlichkeit entspricht (und die ist in vielen Punkten glücklicherweise nicht stereotyp „männlich-maskulin“) und kümmert sich ansonsten herzlich wenig um die Geschlechtsrollenerwartungen seiner Mitmenschen. Was soll ihm also Schreckliches passieren, wenn mein Chef oder meine Kolleg*innen ihn tatsächlich eines Tages treffen und feststellen, dass er gar kein „richtiger Mann“ ist? Das will er doch auch gar nicht sein!

Hmmm, mir scheint, ich muss mich öfter mal daran erinnern, dass Chris nicht mein Ex ist (für den es auch prä-Testo sehr wohl ein halber Weltuntergang war, wenn man ihn nicht für einen hundertprozentigen Kerl und Gentleman gehalten hat)… Und dass die Kurzformel vom „Transmann“, der Chris für einen großen Teil des Umfeldes ist, das nicht zum engeren Freundeskreis gehört, wirklich nur eine erklärungssparende und drastisch verkürzte Darstellung seiner komplexen geschlechtlichen Realität ist – und nicht sein Versuch, mir seinen geheimen Wunsch, nun doch ein „richtiger Mann“ zu sein, unterzujubeln.

Manchmal stelle ich mir echt selber ein Bein, beim Versuch, Chris in seiner „öffentlichen Männlichkeit“ zu unterstützen, ihm aber gleichzeitig nicht irgendein Männerklischee überzustülpen, bloß, weil er jetzt Testosteron nimmt. Möglicherweise ist das aber auch wieder nur ein altes Femme-Problem im neuen Gewand: die Schwierigkeit, die Maskulinität unserer Butch-Liebsten anzuerkennen, ohne sie deswegen gleich pauschal mit allem, was irgendwie „männlich“ ist, in eine Schublade zu stecken…

Ein Anfang

Natürlich hätte ich auch Jahre früher anfangen können, diesen Blog zu schreiben. Ich bin ja nicht erst seit gestern mit Trans*menschen zusammen bzw. befreundet.

Manche Fragen stellen sich jedoch erst dann, wenn trans* sich auf offizielle rechtliche und/oder medizinische Wege begibt, die via Transsexuellengesetz (TSG) und Krankenkassen angeboten werden. Daher ist der aktuelle Anlass, diesen Blog zu eröffnen, dann auch ein solcher Schritt auf einem solchen Weg (wenn auch weder der erste noch der letzte, den ich miterlebe): Die Transgender Butch, mit der ich zusammenlebe, hat sich entschieden, bis auf weiteres Testosteron zu nehmen. Ich sehe diesen Schritt nach wie vor eher skeptisch und habe mich daher entschlossen, mich (und uns) auf diesem Weg ab jetzt per Blog zu begleiten. Vor allem, weil ich mir einen Raum zur regelmäßigen Reflektion über das Dasein als Trans*partnerin (aka Trans*liebchen) schaffen möchte.

Da das öffentliche Sprechen über das Trans*sein anderer immer mit einem Outing einhergeht, werde ich versuchen, diesen Blog so anonym wie möglich zu führen. Aber ich werde ihn dennoch schreiben. Denn eines habe ich in meinen bisherigen Jahren als Trans*partnerin gelernt: ständiges Schweigen macht einsam. Und weil es genug Orte gibt, an denen ich sehr wohl aus guten Gründen über das Trans*sein meines Partners schweige, soll dieser Ort ein Gegengewicht dazu sein. Ich schreibe hier also über das Leben als Trans*partnerin, so wie ich es als queere Femme erlebe und in meinem sozialen Umfeld bzw. in größeren Öffentlichkeiten mitbekomme.

Der Austausch mit eventuellen Leser*innen ist ausdrücklich erwünscht, auch wenn ich mir zunächst vorbehalte, Kommentare zu moderieren und ggf. auch zu löschen. Für Trans*phobie und sonstige fiese Kackscheiße möchte ich nämlich definitiv keinen weiteren Raum bieten.