Diskriminierung ist nur Diskriminierung, wenn sie spezifisch ist?!

Nachdem ich auf Anregung eine*r Leser*in eine Beschwerde über ein trans*feindliches Werbeplakat an den Deutschen Werberat gesandt hatte, kam heute die Antwort zurück.

In Kürze: Der Werberat ist der Meinung, dass Diskriminierung klar und speziell auf eine bestimmte Menschengruppe Bezug nehmen muss, um „wirklich“ diskriminierend zu sein. Aber lest selbst:

Der Deutsche Werberat, die selbstdisziplinäre Einrichtung der Werbewirtschaft in Deutschland, beanstandet eine werbliche Maßnahme dann, wenn sie gegen seine Verlautbarungen und die darin zum Ausdruck kommenden herrschenden gesellschaftlichen Grundüberzeugungen verstößt. Dies ist unter anderem dann der Fall, wenn eine Werbung einen diskriminierenden Inhalt aufweist.

Nach Überprüfung der von Ihnen kritisierten Werbemaßnahme sehen wir keinen Anlass für eine Beanstandung. Sicherlich ist die Rezeption von Werbung – wie übrigens auch jeder anderen Meinungsäußerung – vom Betrachter abhängig. Dabei geht der Werberat, wie auch die höchstrichterliche Rechtsprechung, vom informierten Durchschnittsverbraucher aus. Dieser wird in dem Plakatmotiv jedoch keine Herabwürdigung transsexueller Menschen erkennen. Das Motiv enthält keine klare Bezugnahme auf transsexuelle Menschen, vielmehr bezieht sich die Werbeaussage „Wenn Sie jeden Bluff durchschauen.“ bei verständiger Würdigung lediglich auf den abgebildeten Mann in Frauenkleidung. Nicht jede Person mit männlichem Geburtsgeschlecht in weiblicher Frauenkleidung ist zwingend ein transidentischer Mensch, vielmehr kann es sich hierbei auch schlicht um die Abbildung eines – anlässlich eines bestimmten Ereignisses wie z.B. Fasching bzw. Karneval, Travestie-verkleideten Mannes handeln. Anhaltspunkte für eine speziell auf transsexuelle Menschen zielende abwertende Aussage sind vorliegend nicht erkennbar.

Ich gebe zu, ich bin nicht überrascht. Die Problematik der mehrfachen Lesarten war mir bereits beim Schreiben der Beschwerde durchaus bewusst, weshalb ich dort den Begriff „transidentisch“ verwendet habe (und das erschien mir schon eine grenzwertige Verkürzung zum Zwecke einer halbwegs knappen Erläuterung). Das dann wiederum auf ein „transsexuell“ zu reduzieren ist die abermals verkürzende Lesart des Werberates.

Besonders reizend finde ich an dieser Stelle ja den Hinweis, dass nicht „jede Person mit männlichem Geburtsgeschlecht in weiblicher Frauenkleidung […] zwingend ein transidentischer Mensch [ist]“. Wie gut, dass der Werberat in seinen Antworten solch nützliche Belehrungen einbaut. Woher sonst hätte ich das wissen sollen?!

Aber vermutlich liegt das bloß daran, dass meine „Würdigung“ des Plakats nicht „verständig“ genug gewesen ist… Was wiederum daran liegen wird, dass ich kein „informierter Durchschnittsverbraucher“ bin, der „in dem Plakatmotiv […] keine Herabwürdigung transsexueller Menschen erkennen [wird].“ Ich bin eben nur ein überinformiertes Trans*liebchen, das Diskriminierung sieht, wo gar keine bewiesen ist.

Offensichtlich ist es also vom Werberat nicht denkbar, dass diese Werbung gleich mehrere Identitäten auf ähnliche Weise diskriminiert. Vielleicht sollte ich noch eine zweite Beschwerde hinterher schicken, in der ich die Diskriminierung von Männern in Frauenkleidern bzw. „Travestie-verkleideten“ Männern bemängele…?

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Es gibt immer einen Grund…

Als ich neulich im Bus saß, fiel mein Blick auf ein Plakat, das direkt vor meiner Nase hing. Es handelte sich um Werbung für ein Casino, offensichtlich Teil einer neuen Kampagne, die mit mehrdeutigen Begriffen spielt (die anderen mir bekannten Plakate dieser Serie sind maximal mittel-lustig aber zumindest nicht massiv ärgerlich). In diesem Fall haben die Werbeagentur „Neue Monarchie“ und ihre Auftraggeber aber den Witz voll verfehlt und stattdessen tief ins transfeindliche Klo gegriffen.

Werbung "Wenn Sie jeden Bluff durchschauen"Das Hauptbild ist auf den ersten Blick das einer stark geschminkten Frau mit lila Federboa und lila Federhaarschmuck sowie irgendwie aus dem Haar herausragenden Pfauenfedern. Sie trägt türkisem Nagellack und führt einen klassischen linkshändigen Colliergriff aus. Vielleicht eine glamouröse Casinobesucherin (keine Ahnung, ich kenne Casinos nur aus Hollywoodfilmen)?

Der Slogan dazu lautet „Wenn Sie jeden Bluff durchschauen“ und bezieht sich zunächst mal aufs Pokern (angedeutet durch die am Rande abgebildeten Spielkarten und Casinochips).

Aber da ist ja dieses Bild von dieser Frau, also sucht die Betrachterin nach dem, was hier angeblich „geblufft“ ist. Und sie wird fündig. Nicht nur hat die Dame ein Tattoo am Handgelenk, was ja keine „echte“ Lady je tragen würde, nein, die Lady scheint zudem insgesamt „männlicher“ zu sein, als es besagtem Casino offenbar zulässig erscheint. Und ist das wallende Haar nicht ohnehin eine auffällig identifizierbare Perücke?

In anderen Worten: es wird die Lesart nahegelegt, dass es sich hier um einen „Mann“ in „Frauenkleidern“ handelt, der uns mit seiner „geblufften“ Femininität in die Irre führen will.

Bei so viel beiläufiger Transfeindlichkeit blieb mir erstmal die Spucke weg. Dann habe ich es bereut, nicht mehr wie zu Teeniezeiten stets einen Edding in der Tasche zu haben. Und dann fiel mir das praktische kleine Blöckchen mit Haftzetteln ein, das momentan meine Tasche bewohnt. Auf einen jener Klebezettel schrieb ich also: „Diese Werbung ist transfeindliche Kackscheiße. Crossdressing („Transvestitismus“) und Transsexualität sind kein ‚Bluff‘!“ und pappte den Zettel auf das Plakat.

Das hat zumindest ein bisschen gegen das Ohnmachtsgefühl geholfen, auch wenn ich nicht im Ernst annehme, dass sich meine Erklärung, warum dieses Plakat transfeindlich ist, auf einem ca. 7×7 cm großen Zettelchen umfassend darstellen lässt. Differenziertes Denken verträgt sich nun mal meist schlecht mit Slogans.

Das Plakat unterstellt jedenfalls, dass Crossdressing (und eventuell Transsexualität) eine Strategie sei, jemanden zum eigenen Vorteil zu täuschen. Also quasi ein Betrugsversuch, der das „wahre“ Geschlecht verschleiert, um daraus einen Nutzen zum Nachteil eines anderen Menschen zu ziehen. Was wieder einmal anatomische Gegebenheiten als geschlechtliche „Wahrheit“ konstruiert, nach dem Motto „was man an geschlechtlich zugeordneten Merkmalen sieht, wenn eine Person nichts mehr anhat, ist deren ‚wahres‘ Geschlecht.“

Aber die hier angeworbenen potenziellen Casinobesucher*innen „durchschauen“ diesen „Bluff“ natürlich sofort dank ihrer glücksspielgeschulten Wahrnehmung. Vermutlich dürfen wir auch annehmen, dass solche „Bluffs“ ohnehin bereits an der Eingangskontrolle des Casinos „auffliegen“. Ein Casinobesuch geht schließlich nur mit „amtlichem Lichtbildausweis“ und da vermute ich doch mal stark, dass Trans*leute mit Ausweisen, die (angeblich) nicht zu ihrem Aussehen passen, von vorneherein wegbleiben, um unangenehme Situationen zu vermeiden. So bleibt die Spielbank zudem „ganz nebenbei“ ein Ort, an dem geschlechtliche Normabweichungen nicht stattfinden (sollen).

Nicht, dass jetzt der Casinobesuch als solcher dringend zu einem guten und menschenwürdige Leben gehören würde oder Spielbanken Orte sind, die man nun unbedingt für die ungestörte Nutzung durch Crossdresser/Trans*menschen erobern müsste. Aber wenn das Casino selber davon anfängt… Es gibt halt immer einen Grund für Trans*Aktivismus.